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Hans Hoff über den urbanen Monolith im Düsseldorfer Großstadtdschungel

Stadt-Teilchen : Der urbane Monolith im Düsseldorfer Großstadtdschungel

Wie ein Gebäude das Bedürfnis nach architektonischer Symmetrie befriedigen kann, sieht man an der Kö 98.

Ich mag Symmetrie. Ich mag es, wenn Dinge auf beiden Seiten einer Achse gleich sind oder wenigstens gleich wirken. Ich bin damit nicht allein. Menschen finden allgemein andere Menschen attraktiver, wenn sich deren Gesichtshälften quasi ineinander spiegeln, wenn es also links der Nase so aussieht wie rechts.

Nun treffe ich allerdings äußerst selten Menschen, die meine symmetrischen Ideale erfüllen können. Irgendetwas ist immer anders. Mal hängt links ein Lid und rechts nicht, mal streben die Mundwinkel in unterschiedliche Richtungen, mal ist das rechte Ohr ein wenig größer als das linke. Das macht niemanden zu einem schlechteren Menschen, nur befriedigt es halt mein Symmetriebedürfnis nicht.

Ich habe deshalb schon seit einiger Zeit bei mir ein Verlagern meines symmetrischen Interesses auf Architektur beobachtet. Wenn ich durch die Stadt gehe, suche ich nach Häusern, bei denen man eine Achse erkennen kann und deren Seiten beinahe identisch wirken.

Vor einiger Zeit bin ich bei meiner Suche fündig geworden. Ich habe ein Haus gefunden, an dem ich jahrelang achtlos vorbeigegangen bin. Ich habe es nicht weiter beachtet, was wohl daran gelegen haben mag, dass ich immer ganz dicht an diesem Haus vorbeigegangen bin. Man hat halt so seine Wege.

Mein Weg führte mich immer auf dem östlichen Gehsteig der Kö über die Graf-Adolf-Straße gen Norden. Dabei passierte ich an der entsprechenden Kreuzung bestimmt tausendmal die Nummer 98 und fühlte nichts dabei.

Kürzlich aber ging ich aus unerfindlichen Gründen auf der anderen Straßenseite entlang, und ich kam auf der Südseite der Graf-Adolf-Straße zum Stehen, weil die Ampel rot zeigte. Ich schaute hoch, und auf einmal erschauerte ich. Ich hatte mein ideales Gebäude gefunden, einen Ausbund an Symmetrie, ein Wohlgefallen für meine Augen.

Ich mag ein bisschen seltsam gewirkt haben, als ich da so stand an der Ampel und nicht mehr darauf achtete, ob nun rot ist oder grün. Ich schaute immer nur an der 98 hoch und runter, zur einen Seite, zur anderen Seite. Mir gefiel sehr, was ich sah, und wäre die 98 ein Mensch, ich würde ihn heiraten. Auf der Stelle.

Das liegt an der ästhetischen Harmonie dieser Erscheinung, die Haus zu nennen, sich eigentlich verbietet, handelt es sich doch vielmehr um ein stattliches Gebäude. Es ragt hoch auf in den Düsseldorfer Himmel. Sieben Etagen zählte ich im Eckteil über dem Erdgeschoss. Sieben Etagen mit jeweils sechs hohen Fenstern, in den sechs oberen Stockwerken jedes geschmückt mit einem Gitter und einer etwas zerfranst wirkenden Markise, die wohl gute Dienste leistet bei sommerlicher Sonneneinstrahlung aus Südwest. Gekrönt wird dieser Mittelteil am Eck mit der Leuchtreklame einer Parfümerie. Die heißt Pieper, und sie adelt sich selbst ein wenig durch ein Krönchen, das den i-Punkt ersetzt. Was ich ein bisschen schade finde, denn so ein Krönchen würde natürlich prima passen als Krönung der Mittelachse. Leider sitzt es ein bisschen zu weit links, was der optischen Perfektion ein wenig abträglich ist. Aber wer ist schon ganz perfekt?

Wo ich gerade bei den Makeln bin. Auch das Erdgeschoss ist mangelhaft, was meine Ansprüche angeht. Zwar müht man sich in der Parfümerie um eine gewisse festliche Illumination am Eck und in den Fenster, die zur Graf-Adolf-Straße zeigen, aber dieser Versuch wird kontrastiert durch die Tristesse, die aus den Kö-Fenstern quillt. Dort finden sich noch zwei Geschäfte, von denen eines sogar geschlossen ist. Die Scheiben sind verhängt, nur der Schriftzug „Kö98“, natürlich auch mit Krönchen statt der Umlautpunkte, zeugt davon, dass hier mal Uhren und Juwelen im Angebot waren.

Aber ich kann so etwas ausblenden. Ich werte die Kö98 einfach nur ab der ersten Etage. Das Ausblenden ist ja ohnehin eine Kunst, die man als Stadtbewohner lernt. Man lernt, mit seinen persönlichen Scheuklappen umzugehen und sie so zu justieren, dass sie alles ausblenden, was man nicht wahrhaben möchte. Wie oft habe ich auswärtigen Freunden schon schöne Häuser gezeigt, und sie haben mich empört auf die Baustellen links und rechts hingewiesen, die sie sehr hässlich fanden. Ich dagegen hatte die Baustellen gar nicht gesehen. Ich sehe halt manchmal nur, was ich sehen will.

Ich konzentrierte mich also bei der Kö98 auf die wunderbar symmetrischen Seitenflügel über dem Erdgeschoss. Fünf mal neun Fenster zur Linken, Fünf mal neun Fenster zur Rechten. Die untersten etwas größer als der Rest, und obendrüber liegt wohl noch eine Etage, etwas zurückgesetzt, davor wohl ein Balkon. Links wie rechts von identischer Anmutung. Ein perfekter optischer Gleichklang.

Ich stand da, war tief beglückt und dankte dem Winter, weil er die Bäume kahl sein ließ und so den gleichzeitigen Blick auf beide Seiten dieses urbanen Monoliths mitten im Düsseldorfer Großstadtdschungels ermöglichte.

Ich blieb lange stehen, ich saugte den Anblick förmlich auf, und ich trage diese Harmonie des Anblicks immer noch in mir. Solche Symmetrie beruhigt meine Seele. Da kann um mich herum der Verkehr toben wie er will. Ich habe die Ruhe weg.

Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie demnächst auf der Südwestseite der Kreuzung Kö und Graf-Adolf-Straße Menschen stehen sehen, die dort verweilen und lange nach oben schauen. Einer davon könnte ich sein. Ich im Glück.