Halle: Michael Szentei-Heise über wachsenden Antisemitismus

Düsseldorf : „Was da in Halle passiert ist, haben wir alle irgendwann erwartet“

Antisemitische Angriffe haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Die jüdische Gemeinde hofft auf Unterstützung und setzt auf Prävention.

Über wachsenden Antisemitismus, Tätermilieu und Sicherheitsaspekte  haben wir mit dem Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf gesprochen.

Herr Szentei-Heise, gibt es eine Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland?

Michael Szentei-Heise: Ja, die ist eindeutig vorhanden.

Woran merken Sie das?

Szentei-Heise: Wir merken, dass in den vergangenen vier bis fünf Jahren Angriffe auf Juden stattgefunden haben, die als solche erkennbar waren. Und das in der ganzen Republik. Das hat unterschiedliche Ursachen. Das kommt zum einen aus dem islamistischen Milieu, aber jetzt langsam auch aus dem rechtsradikalen Milieu. Die Diskussion zum Thema Antisemitismus ist immer stärker geworden.

In den vergangenen vier bis fünf Jahren – hat diese Zeitspanne etwas mit der Flüchtlingskrise zu tun?

Szentei-Heise: Indirekt. Wir haben festgestellt, dass es nicht die Neuankömmlinge, die Zugereisten, waren. Sondern die muslimische Gesellschaft, die ungefähr vier bis viereinhalb Millionen Köpfe stark ist in Deutschland, hat sich dadurch verstärkt gefühlt, dass eine knappe Million dazugekommen ist. Die meisten Anfeindungen kamen aus der Ecke. Auch die Angriffe kamen nicht direkt von den Flüchtlingen, sondern von Muslimen, die schon seit langem in Deutschland leben und auch hier geboren sind.

Inwiefern haben Angriffe aus dem rechtsradikalen Milieu in dieser Zeit zugenommen?

Szentei-Heise: Schauen Sie sich Herrn Höcke an. Wenn der den Mund aufmacht, ist er der personifizierte Antisemit überhaupt. Mit dem „Denkmal der Schande“ und, und, und… Jedes Mal, wenn er eine Rede hält, hat er antisemitisches Gedankengut auf den Lippen. Das hat im Laufe der Jahre, seitdem er in der Republik bekannt ist, in den entsprechenden Kreisen von den schlechten Gedanken, zu den schlechten Worten, zu den schlechten Taten geführt. Also die AfD, natürlich nicht alle, aber manche in der AfD, sind mitverantwortlich für diese Taten.

Was denken Sie über die Gruppierung der Juden in der AfD?

Szentei-Heise: Die Frage, ob das Juden sind, sei mal dahingestellt. Das ist noch gar nicht bewiesen. Erinnern Sie sich an die falschen Bergleute im Landtag? Das kommt mir ein bisschen in diese Richtung vor; eine Alibifunktion, die die AfD geschaffen hat, um zu sagen: wir sind die Hüter jüdischen Lebens in Deutschland. Ganz so naiv, wie sich die AfD uns vorstellt, sind wir nicht.

Wie schützen Sie sich und Ihre Mitglieder?

Szentei-Heise: Es wird schwierig, jetzt Maßnahmen zu benennen. Natürlich haben wir unsere Institutionen geschützt. Einen Angriff auf die Synagoge in Düsseldorf würde ich keinem mehr empfehlen, der am Leben bleiben möchte. Das ist die eine Seite. Aber was kann ich dagegen tun, dass in den Köpfen der Menschen immer mehr Hass gegen Juden entsteht? Wie können sich ungefähr 130 000 Juden in der ganzen Republik bei einer Gesamtbevölkerung von 82 Millionen dagegen wehren?

Tragen Ihre Mitglieder beispielsweise keine Kippa mehr?

Szentei-Heise: Ja, das sind kleine Zeichen, dass Menschen, die früher eine Kippa oder einen Davidstern um den Hals getragen haben, das nicht mehr öffentlich sichtbar tun. Das ist eine Konsequenz. Die Diskussion darüber hat ungefähr vor drei, vier Jahren begonnen. Als Josef Schuster, der Zentralratspräsident gesagt hat, es gibt in Berlin ein Viertel, wo er mit einer Kippa nicht mehr hingehen würde, da habe ich noch in Interviews gesagt: „Hier in Düsseldorf wüsste ich kein Viertel, wo ich nicht mit einer Kippa hingehen könnte.“ Inzwischen musste ich meine Meinung dazu revidieren. Wir haben bereits Angriffe auf Kippaträger hier in Düsseldorf gehabt.

Hat sich das jüdische Leben seither verändert? Gibt es Einschränkungen?

Szentei-Heise: Wir versuchen das jüdische Leben so zu gestalten, dass es keine Einschränkungen gibt. Wir möchten uns nicht gerne unser jüdisches Leben von Antisemiten bestimmen lassen. Im Prinzip merken Sie an dem Alltag der jüdischen Gemeinde nicht, dass irgendetwas passiert ist. Wir haben Aufgaben zu erfüllen als jüdische Gemeinde. Wir haben die größte Kindertagesstätte in Düsseldorf, wir haben eine Grundschule und ein Gymnasium. Und das gewährleisten wir.

Nehmen Sie jetzt nach dem Anschlag in Halle Angst wahr?

Szentei-Heise: Die Menschen kommen auf uns zu. Dienstag war Jom Kippur, die Synagoge war abends brechend voll und die Menschen haben natürlich darüber gesprochen. Und wir haben mit ihnen darüber gesprochen, dass das, was da in Halle passiert ist, wir alle eigentlich irgendwann erwartet haben. Deshalb sind unsere Sicherheitsvorkehrungen da und in Halle waren sie leider nicht da. Im Prinzip konnten wir unsere Gemeindemitglieder beruhigen, weil sie den Unterschied gesehen haben wie das in NRW und in Sachsen-Anhalt gehandhabt wird, auch in der Politik.

Wie wird Ihre Synagoge geschützt?

Szentei-Heise: Wir haben bauliche und personelle Schutzmaßnahmen. Ob in einem Fenster Panzerglas steckt, sehen Sie nicht auf den ersten Blick. Abgesehen davon, dass ein Polizeiwagen mit zwei bewaffneten Polizisten 24 Stunden vor der Synagoge steht, haben wir auch eigenes Personal. Also wir sind gut geschützt.

Was erwarten Sie von Politikern und der Zivilgesellschaft, um den Antisemitismus einzudämmen?

Szentei-Heise: Seit ungefähr zwei Jahren haben wir die Situation, dass die Politik aufgewacht ist. Die Länder und der Bund haben Antisemitismusbeauftragte berufen, die angefangen haben zu arbeiten, sich zu vernetzen und die Lage zu analysieren. Das sind Prozesse, die eine gewisse Zeit brauchen. In NRW haben wir schon Ergebnisse. Jetzt gerade, in diesem Monat wird eine Handreichung für alle Schulen in NRW herausgegeben.

Und außerhalb der Schule?

Szentei-Heise: Ich hoffe, dass der Täter jetzt mal nicht freigelassen wird, weil er eine feste Wohnadresse hat, wie kürzlich in Berlin nach einem antisemitischen Vorfall. Und ich hoffe, wenn es nachher zu einem Strafverfahren kommt, dass es nicht so passiert, wie seinerzeit beim Landgericht Wuppertal. Als Jugendliche  einen Molotowcocktail auf die Wuppertaler Synagoge geschmissen haben, sagte das Gericht, das sei kein antisemitischer Vorfall. Das war ein katastrophales Zeichen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung