Gretchen Dutschke spricht in Düsseldorf über die 68er

Gretchen Dutschke spricht in Düsseldorf über die 68er

Im Heine-Institut sagt die Aktivistin und Witwe von Rudi Dutschke: „Der Kampf muss weiter gehen.“

Düsseldorf. Angekündigt hatte die Heinrich-Heine-Gesellschaft eine Lesung von Gretchen Dutschke, Autorin und Aktivisten, aus ihrem dritten Buch „1968 - Worauf wir stolz sein dürfen“. Dürfen? Klingt erst mal gar nicht revolutionär. Haben die Rebellen von damals doch auch nicht gefragt. Und überhaupt, die 68er Bewegung, der gerade zum 50-Jährigen jede Menge Wortblütenkränze geflochten werden. War sie erfolgreich? Gescheitert? Oder beides?

Die Jahre zwischen 1966 und 1969 seien wie im Rausch verlaufen, fast wie im Kino, erklärt die in Amerika geborene Frau der 68er Ikone Rudi Dutschke, „nur mit dem Unterschied, dass wir keine Zuschauer waren, sondern Akteure, mittendrin“. Wer wissen will, wie das so war, muss das Buch selber lesen. An dem Abend blieb es zugeklappt.

Vielleicht ja ein unbewusster Marketing-Trick. Der Büchertisch BiBaBuZe-Buchhandlung leerte sich zügig am Ende der Veranstaltung, und viele Zeitgenossen standen Schlange, um sich das Werk signieren zu lassen. Angeregt wurden sie womöglich auch durch die Düsseldorfer Autorin und Moderatorin Mithu Sanyal, die auf der Bühne des Palais Wittgenstein ein Zwiegespräch führte mit der vielleicht vorbildlichen Kollegin einer anderen Generation.

Sanyal, Jahrgang 1971, die ihre Doktorarbeit über die „Kulturgeschichte des weiblichen Genitals“ geschrieben hat, stellte lauter Gretchen-Fragen im Stil von „Ihr Buch liest sich wie ein Who-is-Who der damaligen Zeit. Sie sind ja auch Ulrike Meinhof begegnet. Wie war das?“. Dutschke, die in der Tat damals vielen „Künstlern, Gammlern und Marxisten“ begegnet ist: „Mit den Notstandsgesetzen stand der Faschismus vor der Tür. Für Ulrike Meinhof ein Zeichen, in den Untergrund zu gehen. Aber nicht für Rudi.“ Der hätte eher auf die demokratische Verfassung vertraut und „den langen Marsch durch die Institutionen“ vorgezogen.

Nächste Frage: „Sie sind auch verhaftet worden und haben mit den Frauen im Gefängnis Sekt getrunken. Wie war das?“ Vielleicht sogar prickelnder als der Alltag der 68-er, in dem Frauen, so Dutschke, nicht mitreden durften, schlecht behandelt wurden - ihre Themen schon gar nicht. Gretchen Dutschke gestand: „Es war den Männern schwer beizubringen, was sie falsch machten. Ich habe Rudi auch gesagt, dass das so nicht geht.“ Und was hat der Revolutionär geantwortet? „Was soll ich tun, ich bin ein Mann.“

Das war auch Dieter Kunzelmann, dem Gretchen Dutschke natürlich auch begegnet ist: „Ich wusste, dass er ein Pascha war.“ Mehr noch: Mitgründer der legendären Kommune 1 - eigentlich Gretchens Idee - des „Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen“ und der Terrororganisation Tupamaros West-Berlin.

Es war ja auch wirklich wie im Rausch, wie im Kino. Freie Liebe hatten sich damals Viele auf die Fahne geschrieben. Die Institution Ehe war eher keine Station auf dem langen Marsch. Dennoch heirateten Rudi und Gretchen. Mit gutem Grund: „Dafür gab es damals vom Senat 3000 Mark, und wir hatten ja nichts.“ Kinder? Kamen in den Kinderladen. Da durften sie schon mal ungehorsam sein.

Wie denn ihre Kinder und Enkel heute darüber dächten, wollte eine Zuhörerin wissen. Dutschkes Kinder, inzwischen selbst angekommen in Institutionen, würden schon noch ab und zu fragen, wie das war damals. Doch in vielen Familien fehle heute so was wie eine gesamtgesellschaftliche Kritik. Das setzt Gretchen Dutschke nach wie vor auf das Prinzip Hoffnung. Die jungen Menschen müssten heute nach Antworten suchen, die die 68er nicht geben konnten: „Der Kampf muss weitergehen.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung