Grease: Ein "Hand Jive" für die Musical-Karriere

Grease: Ein "Hand Jive" für die Musical-Karriere

Zum offenen Casting für "Grease" im Capitol Theater kamen 84 junge Männer und Frauen. Ein Leben zwischen Bühne und Vortanzen.

Düsseldorf. Auf dem Boden sitzt ein junger Mann fast im Spagat, den Oberkörper presst er fest an das ausgestreckte Bein. Neben ihm schüttelt ein Mädchen Kopf und Arme und gibt dumpfe Laute von sich. Zig weitere junge Menschen hocken und stehen auf dem Gang, dehnen sich, quatschen oder zappeln nervös herum; durch eine offene Tür sieht man in die Garderobe, wo sich Frauen an den Spiegeln ihre Lidstriche nachziehen. Die Szene ist hundertfach dagewesen. In "Center Stage", "Fame", "Save the last Dance", "Flash Dance" und unzähligen weiteren Tanzfilmen aus der Traumfabrik Hollywood. Aber der Schweiß und die Nervosität in diesem Gang sind echt. Und auch die Träume. Die 84 Männer und Frauen wollen eine Rolle in dem Musical "Grease", das ab November in Düsseldorf zu sehen ist.

Zu dem offenen Casting am Mittwoch im Capitol Theater - oder wie Fachleute sagen: zur Audition - sind Profis ebenso willkommen wie Nachwuchstalente und Hobbytänzer. Aber gesiebt wird streng. Regisseur David Gilmore, Tanz-Captain Jill Corrie und Jim Lenny, Produzent des Stückes, wollen von den Bewerbern an diesem Vormittag ausgerechnet ein Stück der Choreografie zu "Hand Jive" sehen - dem schnellsten Stück in "Grease".

Viele der jungen Künstler sind weit gereist. Schweizer hört man auf dem Gang, Briten. Auch Alexandra Farkic ist weit weg von zu Hause. Aber die Berlinerin spielt gerade in Köln bei "Hairspray". "Düsseldorf würde mir auch gefallen", sagt die 34-Jährige. Sie ist mobil. Vor Köln war es Wien. Alexandra geht dorthin, wo ein Engagement sie hinverschlägt. "Es ist eben ein Jonglage-Akt", sagt sie. "Man hangelt sich von Job zu Job."

Über Gagen darf sie nicht sprechen - das ist vertraglich geregelt. Aber zu einem Eigenheim bringen es nur die Stars der Szene. Für die anderen singt und tanzt das Risiko immer mit. Vor einiger Zeit hat sich Alexandra zwei Rippen gebrochen. Um dann nicht nervös zu werden, wenn man Casting für Casting beziehungsweise Audition für Audition ungenutzt an sich vorüberziehen sieht, muss man schon eine Künstlertype sein.

Dann geht die Tür auf zum großen Probenraum des Capitols. Tanz-Captain Jill Gorrie steht in Leggins und blauem Shirt lässig vor der gigantischen Spiegelwand. Sie soll den Bewerbern in nur einer Stunde ein Stück der Choreografie zu "Hand Jive" beibringen. Der Tanz ist im Stück die große Attraktion des Schultanzwettbewerbs, an dem die Clique um Danny und Sandy teilnimmt. "Denkt daran", ruft Jill Gorrie, "heute sind wir alle Teenager. Also viel Energie!"

Das muss sie der 24-jährigen Regina Kletinitch nicht sagen. Immerhin will die zierliche Blondine am liebsten die quirlige Frenchie spielen. Außerdem hat sie an der Stage School in Hamburg studiert und ein einjähriges Stipendium für das Broadway Dance Center in New York bekommen - so jemand kann Energie, wenn Energie gewünscht ist.

Mit den zackigen Handbewegungen und Sprüngen hat Regina weit weniger Probleme als so mancher andere Bewerber. Schnell ist zu sehen, wer daran gewöhnt ist, eine Choreografie binnen kürzester Zeit zu verinnerlichen und mit grellem Grinsen im Gesicht zu präsentieren. In Fünfergruppen tanzen die Männer und Frauen vor dem Jury-Tisch vorbei. Dort beugen sich Jill Gorrie Regisseur Gilmore und Produzent Lenny über die Lebensläufe und Fotos - und quittieren jede Darbietung mit einem aussageschwachen "Okay, thank you".

21 Bewerber immerhin schaffen es in die zweite Runde: das Vorsingen. Regina Kletinitch ist nicht dabei. Michelle Escaños Name hingegen wird gleich als erster vorgelesen. Die 31-Jährige hofft besonders auf das Engagement. Denn sie ist Düsseldorferin und stand zum letzten Mal 2004 auf der Bühne im Capitol - in der Eigenproduktion "Miami Nights". "Seither warte ich, dass es mal wieder ein Musical in Düsseldorf gibt", sagt sie.

Michelle gehört zu den Exoten ihres Berufsstandes, die gebunden sind. Letztes Jahr hat sie einen Düsseldorfer Klinikarzt geheiratet. Sie will Kinder. Und sie fühlt sich wohl am Rhein. Überall in der Umgebung steht sie auf Stadttheater- und Freilichtbühnen. In Essen spielt sie bei "Jesus Christ Superstar", in Gelsenkirchen bei "My Fair Lady" und in Tecklenburg in der "West Side Story". Aber nie ist es Düsseldorf. Hoteliers und Reiseveranstalter klagen seit Langem, dass es in der Stadt keine große Produktion mehr gibt, die auf Dauer Besucher anlockt.

An Michelles "Red Light" aus dem Musicalfilm "Fame" ist nichts zu Rütteln. Alle Töne sitzen, die kleine Brünette hat Power - und geht auch mit 31 Jahren noch durchaus als Teenie-Mädchen durch. Höflich verabschiedet sie sich von der Jury, Sekunden später schließt sie noch immer professionell lächelnd die Tür von außen. "Mein Gefühl sagt Nein", meint sie. David Gilmore hat ihr keine Fragen gestellt, sie keine Szene testweise spielen lassen. Ein schlechtes Zeichen. Nach fast zehn Jahren Auditions weiß Michelle das.

Sie zuckt mit den Schultern. "Es liegt nicht in meiner Hand", sagt sie. "Die wissen genau, was sie wollen. Und wenn sie das nicht in dir sehen - nicht zu ändern." Castings für die Show gab es immerhin schon in ganz Deutschland. In wenigen Wochen wird sich entscheiden, ob Michelles Traum, endlich wieder in ihrer Heimatstadt auf der Bühne zu stehen, in Erfüllung geht. Und wenn nicht, dann wird der Traum eben für eine andere Künstlerin wahr. Auch das hat Michelle in zehn Jahren gelernt: Es gibt immer eine nächste Chance.