Gepflegter Jazz an einem Sommerabend im Oktober

Gepflegter Jazz an einem Sommerabend im Oktober

Thomas Quasthoff swingt in der Tonhalle und begeistert mit seiner fabelhaften Band an Kontrabass, Schlagzeug und Piano das Publikum.

Wie bemerkte Thomas Quasthoff zu Beginn des Konzerts: „Jazz kann ja jeder — denkt jeder.“ Aber nicht jeder wie Quasthoff. Wie über diesen Ausnahmekünstler schreiben, ohne seine Behinderung zu erwähnen? Das Programmheft verschweigt sie, er selbst macht auf der Bühne Witze darüber. Auch mit schwarzem Humor.

Schwarz klingt der Bass-Bariton, der sich von der klassischen Konzertbühne verabschiedet hat, auch hin und wieder, wenn er Jazz singt. Manchmal sind die Grenzen fließend, wie in „Summertime“ aus Gershwins Oper „Porgy and Bess“. Gepflegter Jazz an einem Sommerabend im Oktober vor treuem Publikum. Wenn man bei „Fly Me To the Moon“ an Frank Sinatra denkt, Quasthoff aktualisiert den Titel gekonnt auf den amerikanischen Präsidenten: „Fly Him On the Moon“ und will sich nicht vorstellen, was dessen Politik und die seiner Zeitgenossen für Behinderte bedeuten kann.

Quasthoff, 1959 als „Contergan-Kind“ geboren, machte nach einem abgebrochenen Jura-Studium und einem Kreissparkassen-Job eine fantastische Musiker-Karriere. Gershwins Porgy wäre ihm auf den Leib geschrieben. Das sind so die Formulierungen, die man bei Quasthoff dann doch lieber meiden möchte. Wie, wenn man ihn (1,34 Meter) als großen Künstler beschreiben möchte - der er fraglos ist. Ein begnadeter — auch wieder so ein Wort. Noch eines: Energiebündel.

Quasthoff swingt’s weg, und das Publikum beantwortet gleich am Anfang mit frenetischem Applaus Barry Whites „Can’t We Be Friends?“. Der Sänger kontert: „You Are So Beautiful“. Und bei „Making Whooppee“ muss man sich ja auch nicht auf dem Piano räkeln wie Michelle Pfeiffer für „Die Fabelhaften Baker Boys“. Dafür zeigt Quasthoff eine außerordentliche stimmliche Beweglichkeit und farbige Lautmalerei beim Scat-Gesang — einfach atemberaubend. Räuspern, Husten, Hecheln, Niessen (Quasthoff: „Fieber kann ich nicht“). Dann klingt er wie ein australisches Didgeridoo oder gar ein Alphorn.

Apropos fabelhafte Boys: Hat Quasthoff dabei! Die Echo-Preisträger Dieter Ilg, der mit dem Kontrabass Geschichten erzählen kann, und Wolfgang Haffner am Schlagzeug und beim Fingerschnippen mit dem Publikum, sowie Frank Chastenier am Piano. Sie überzeugen als Trio und im Solo. Und dann wird’s am Schluss klassisch, mit Brahms’ „Guten Abend, gute Nacht“. Die fabelhaften Boys verneigen sich vor dem Meister — der küsst ihnen die Hand.

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