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Gastkommentar Anstand, Umgangsformen, Solidarität: Gastkommentar: Bürgerliche Tugenden wiederentdecken

Gastkommentar Anstand, Umgangsformen, Solidarität : Gastkommentar: Bürgerliche Tugenden wiederentdecken

Der Geschäftsführer des Katholischen Gemeindeverbands Düsseldorf spricht sich für Anstand, Umgangsformen und Solidarität aus

Schildbürger, Staatsbürger, Wutbürger, Reichsbürger, Neubürger, Kleinbürger, Mitbürger – es bürgert sich einiges ein in Ost und West. Grund genug, zu fragen, woher das Wort „Bürger“ kommt.

Man ahnt es schon, es kommt von „Burg“, Bewohner einer Burg. Als das Wort im 11. Jahrhundert gebräuchlich wurde, meinte es nicht allgemein die Bewohner, sondern die Verteidiger der Burg. Bürger sein heißt also, sein Gemeinwesen zu verteidigen, sich aktiv für den Erhalt der Gemeinschaft einzusetzen.

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde man nicht automatisch Bürger in der Stadt. Auch wenn man vor Ort geboren wurde, musste das Bürgerrecht beantragt werden. Das Bürgerrecht war an Bedingungen geknüpft, zum Beispiel Grundeigentum. Die Aufnahme als Bürger verschaffte Rechte, aber genauso auch Pflichten. Wer nicht Bürger war, war Beisasse oder gar nur Einwohner.

Bürger sein war also eine Ehre, ein Privileg. Zugleich aber auch die Verpflichtung auf die res publica, die Sache des Volkes.

Das gilt auch heute. In Düsseldorf, wo wir jetzt leben, haben wir etwas zu tun. Bürgersinn ist gefragt. Der Bürger ist gesucht, der sich für das Gemeinwesen einsetzt und nicht ein gemeines Wesen an den Tag legt.

Es gilt, bürgerliche Tugenden wieder zu entdecken: Anstand, gute Umgangsformen, Solidarität, Loyalität, Rechtschaffenheit, Engagement für die Allgemeinheit. Als Christ würde ich sagen: Das Evangelium leben – in allen Menschen Kinder Gottes sehen; zusehen, das gerecht verteilt wird; in Liebe dem Leben zugewandt. „Das Reich Gottes ist mitten unter Euch“, sagt Jesus Christus, aber dieses Reich Gottes kommt nicht irgendwann, es ist nicht irgendwo, sondern geschieht da, wo Leben in Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gelebt wird. Denn Gott hat den Menschen gerade auch für die Welt geschaffen. Wo die befreiende Botschaft Jesu geglaubt und gelebt wird, beginnt das Reich Gottes. In diesem Reich möchte ich gerne Bürger sein.

Michael Hänsch ist der Geschäftsführer des Katholischen Gemeindeverbands Düsseldorf. 

Archivfoto: JM