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Fünf Gründe, warum Fortuna spielen darf – aber Turu und andere nicht

Fußball : Fünf Gründe, warum Fortuna spielen darf – aber Turu und andere nicht

Meinung Die Profis kicken wieder. Da entstehen in den unteren Klassen Begehrlichkeiten. Zu Recht?

Profifußball ist Business Ein Satz, der jeden Ultra mit Hang zur Fußball-Romantik erschaudern lässt, lautet: Fußball-Bundesliga ist Business. Wahr ist er trotzdem: ein gigantischer Millionen-Betrieb, mit bis zu 50 000 davon abhängig Beschäftigten. In der ersten Liga lag der Jahresumsatz zuletzt bei vier Milliarden (!) Euro, Fortuna Düsseldorf schafft mehr als 70 Millionen. Selbst, wenn es die Lobbyisten des Fußballs gebetsmühlenartig in die Öffentlichkeit geblasen haben, ist auch dies wahr: Dieser Großbetrieb muss die Chance wie viele andere auch haben, sich selbst zu retten, wenn es grundsätzlich möglich ist. Dazu gehört: Größtmögliche Sicherheit, keine Vergesellschaftung der Kosten – und nur mit Infektions-Tests, die woanders nicht fehlen dürfen. Das alles ist glaubwürdig gegeben. Vorhandene Zweifel hat der erste Spieltag am vergangenen Wochenende weitgehend ausräumen können.

Fortuna kann Orientierungspunkt für die anderen sein „Ein Bundesliga-Neustart wäre wichtig für die gesamte Menschheit.“ Das hat Fußball-Trainer Ralf Rangnick vor einigen Tagen gesagt und damit die Hybris der Branche in schlecht ausgesuchte Worte gekleidet. Richtig aber ist, dass die Menschheit in Zeiten ohne Erfahrungswerte mit dieser Pandemie vor allem dreierlei braucht: Zeit, medizinische Erkenntnisse und Erfahrungswerte. Letztere lassen sich in dieser Art „Feldversuch Bundesliga“ sammeln, weil hier ein möglicher Orientierungspunkt für die Gewährung von Sport in näherer Zukunft gegeben wird. Funktioniert Fortuna gegen Paderborn nicht, werden wir anderen Sport (DEG, Borussia oder Handball im Rather Dome) auf absehbare Zeit nicht mehr erleben. Andersherum: Gibt es am Ende keine Beanstandungen, wird auch anderer Sport schneller zu neuen Modellen und Möglichkeiten kommen. Oder wie „Sports Illustrated“ aus den USA zum Bundesliga-Re-Start schrieb: „Psychologisch und symbolisch war das ein großer Moment. Es gibt nun ein Modell, dem der Rest Europas folgen kann.“

Das Geld für einen Feldversuch ist vorhanden Fortuna Düsseldorf sorgt über den Dachverband Deutsche Fußball Liga (DFL) höchstselbst für den Ablauf eines Fußballspiels in Zeiten der Corona-Pandemie. Das heißt auch: Hier ist das Geld dafür vorhanden. Durch die Liga-Fortsetzung fließen die TV-Millionen, Fortuna Düsseldorf erhält allein in der laufenden Saison daraus 32,677 Millionen Euro. Soll heißen: Es ist auch materiell machbar, eine solche Veranstaltung zu stemmen. Das ist es unter den jetzigen Mindestansprüchen für alle anderen Sportarten nicht. Kein Oberligist wie etwa Turu Düsseldorf kann auch nur im Ansatz gewähren, unter Gesichtspunkten des Infektionsschutzes mit größtmöglicher Sicherheit zu agieren. Wenig verwunderlich, dass sich laut Umfrage des Fußballverbands Niederrhein 93,01 Prozent der Klubs am Niederrhein dafür ausgesprochen haben, die Saison 2019/20 abzubrechen.

Das Risiko für andere käme zu früh, die Not ist überschaubar Wenn Jugend- oder Amateursport derzeit nicht stattfinden kann, ist das tatsächlich bedauerlich. Es nimmt sportliche Entwicklung, es raubt soziale Bindung, es kratzt an der Substanz, auch von vielen Amateurvereinen. Aber es ist im Gros viel weniger existenziell als in der Bundesliga, in der die Vereine (in erstaunlichem Ausmaß) auf „Kante genäht“ sind. Deshalb ist es vernünftig, klare Verhältnisse zu schaffen und dort Spielzeiten abzubrechen, wo ansonsten über Wochen und Monate Unklarheit herrschte und Kader unter Verrenkungen bei Laune gehalten werden müssten.

Profis ja? Kinder nein? Ja! Wie oft hat man diesen Vorwurf gehört: Wie kann man Kindern erklären, dass sie nicht spielen dürfen, ihre Vorbilder aus der Bundesliga aber doch? Dabei fällt das doch gar nicht schwer: Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation – mit außergewöhnlichen Maßnahmen. Oder kannten Sie schon vor Corona Stabhochsprung-Events im Autokino, wie es eines am 12. Juni in Düsseldorf geben wird? Dass die E-Junioren vom SV Wersten 04 derzeit nicht spielen dürfen, hat ja Gründe, die Eltern verstehen werden. So lange nicht sicher ist, wie und wo Infektionsketten entstehen oder zu verhindern sind, ist das Risiko zu hoch. In der Bundesliga wird dieser Gefahr mit größtmöglicher Sicherheit begegnet. Auch Kindern kann man klar machen, was der Re-Start des Fußballs ist: ein großflächiges Freiluft-Experiment, das eine Phase wiederkehrender Normalität auch für alle anderen einleiten kann. Und damit ist nichts über all jene kritikwürdigen Auswüchse des Profifußballs gesagt, die man auch weiterhin kritisieren darf.