Festivals in Düsseldorf werden politisch

Diskussionen : Festivals werden politisch

Das New-Fall-Festival startet in dieser Woche und präsentiert neben seinen Konzerten erstmals ein Forum mit vier Diskussionen. Damit setzen die Organisatoren einen Trend fort, der in Düsseldorf auf der Rennbahn begann.

In Düsseldorf hängen derzeit viele Plakate für das New Fall, auf denen Kanye West zu sehen ist. Sie hängen dort aber nicht, weil der US-Rapper für ein Konzert nach Düsseldorf kommt, sondern weil das Motiv (der Afro-Amerikaner trägt eine rote Make-America-Great-Again-Kappe) zu einer neuen Fragestellung und einem neuen Teil des Festivals führen: Was hat Pop mit Politik zu tun, was ist der Unterschied zwischen populär und populistisch? Diese Punkte werden beim neu geschaffenen Forum des New-Fall-Festivals erörtert, das parallel zu den Konzerten von Donnerstag bis Sonntag stattfindet. „Festivals kommen heute nicht mehr an den gesellschaftlichen Debatten vorbei. Vor allem nicht, wenn sie wie das New-Fall-Festival nicht kommerziell und öffentlich gefördert sind“, sagt New-Fall-Chef Hamed Shahi.

Damit setzt er in Düsseldorf einen Trend fort, der im Sommer 2018 auf der Rennbahn seinen Lauf nahm. Die Macher des Open-Source-Festivals nutzten die Bühnen und das Gelände, um einen Tag vor der Musik über zentrale gesellschaftliche Fragen zu sprechen. In Interviews, Diskussionsrunden und Vorträgen ging es darum, wie wir künftig arbeiten wollen, wie nachhaltiges Leben aussehen kann, wie sich die Technik entwickelt und was das mit uns macht.

Das New-Fall-Forum bringt vier Diskussionen sowie zum Abschluss eine Lesung und einen Filmabend mit sich. Am Sonntag stellt Hengameh Yaghoobifarah ihren Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ im Schauspielhaus vor (17 Uhr), danach gibt es den Film „Victoria“ von Sebastian Schipper zu sehen. Die erste Diskussionsrunde am Donnerstag (19. Oktober, 18 Uhr, im Pong im NRW-Forum) beschäftigt sich mit der Heimat-Frage. Ausgehend vom Begriff erörtern die Teilnehmer, wie es ist, in Deutschland zu leben, die Gesellschaft mitzugestalten und dennoch als fremd wahrgenommen zu werden. „Wenn der Heimatminister sagt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, wo soll ich als Muslim dann hin? Wohin mit mir und wohin mit dem, was ich für mein Deutschland aufgebaut habe“, fragt Shahi, der aus dem Iran stammt.

Die zweite Runde des Forums (11. Oktober, 18 Uhr, Pong) rückt das Verhältnis von Pop und Politik in den Mittelpunkt. Es geht dann um gefällige Musik einerseits und Bands, die wie Feine Sahne Fischfilet vom Verfassungsschutz beobachtet werden, auf der anderen Seite. Und darum, ob Klima-Aktivistin Greta Thunberg und Kapitänin Carola Rakete die neuen Popstars sind. Auf dem Podium sitzen die Sängerinnen Mine und Antje Schomakers, der Rapper Fuat Ergin, der von seinen Erfahrungen in Istanbul berichtet, und der Autor Jens Balzer.

Sina Nitzsche diskutiert über die HipHop-Kultur. Foto: New Fall Festivall/New Fall Festival

Am Samstag gibt es zwei Diskussionen: Im Foyer der Tonhalle wird ab 18 Uhr unter dem Titel „Karren und Knarren“ über die Werte der HipHop-Kultur gesprochen, unter anderem mit den Künstlern Prinz Pi und Menuelsen sowie der Kulturwissenschaftlerin Sina Nitzsche. Im Helmut-Hentrich-Saal der Tonhalle wird ab 20 Uhr unter anderem die Regisseurin Cesy Leonard für das Zentrum für Politische Schönheit zu Gast sein. Es weist mit seinen Aktionen oft satirisch auf Menschenrechtsverletzungen hin. Am Samstag geht es dabei vor allem um die Flüchtlingspolitik der EU und die Arbeit der Retter auf dem Mittelmeer.

Die meisten Diskussionen gab es im Vorfeld über den ersten, den Heimat-Abend. Für das Podium hat unter anderem der Journalist Jan Fleischauer zugesagt. Das wiederum führte dazu, dass zwei andere Gäste nicht mehr teilnehmen wollen. Festival-Chef Shahi bedauert Absage, weil er beide für eine Bereicherung des ersten Forums gehalten hätte. Er sagt zugleich aber auch: „Ich bin schon aufgrund meiner persönlichen Geschichte sehr, sehr weit entfernt von der Haltung und den politischen Meinungen eines Jan Fleischhauers. Aber genau wegen dieser persönlichen Geschichte weiß ich: Es ist immer besser, miteinander zu reden.“ Shahi verweist auf sein Heimatland, den Iran: „Dort ist kaum noch ein offenes Wort möglich. In so einem Land möchte ich nicht leben.“

Für Fleischauer bedeutet das noch keinen gemütlichen Abend. Shahi: „Wenn seine Thesen beim New Fall Forum wirklich verdeutlichen, dass er ein Feind unserer Freiheit ist, dann werden wir ihm Contra geben. Und zwar ordentlich.“

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