Festival Tanz NRW: Hexe, Geister und eine künstlerische Geburtstagsfeier

Tanzbühne : Festival Tanz NRW: Hexe, Geister und eine künstlerische Geburtstagsfeier

Das Festival Tanz NRW macht das Land vom 8. bis zum 19. Mai zur zeitgenössischen Tanzbühne. Zu erleben sind 24 Produktionen.

. Der schmierige Entertainer grinst. Öliges Haar, glitzernder Blazer, sitzt Simon Hartmann mit einem Keyboard auf den Knien da – zwischen zwei Lichtsäulen. Er grimassiert im Takt der Rhythmusmaschine und kokettiert mit dem Publikum. Sein Partner entkleidet sich derweil bis auf die knallgelbe Calvin-Klein-Unterhose und wickelt seinen Körper in Plastikfolie.

Das Duo Hartmannmueller kennt man schräg, selbstironisch, manchmal auch laut und nervig. In ihrem Stück „My saturday went pretty well until I realized it was Monday“ geben sich Hartmann und Daniel Ernesto Mueller sehr, sehr schräg und dabei herrlich leicht und unterhaltsam. Deshalb haben die Macher des Festivals „Tanz NRW  19“ die beiden aus 134 Bewerbungen ausgewählt und mit dieser Produktion – sowie einer Neuproduktion – eingeladen.

Hartmannmueller zählt zu den 20 Choreografen und Kompanien, die vom 8. bis zum 19. Mai bei der siebten Ausgabe des Festivals die Vielseitigkeit der Tanzkunst made in NRW repräsentieren. Zu erleben sind 24 Produktionen, darunter vier Uraufführungen, in neun Städten zwischen Münster und Bonn.

„Bundesweit, ja weltweit, ist NRW ein herausragender Standort beim experimentellen Tanz“, betonte Bettina Milz als Referentin für Theater und Tanz beim Kulturministerium des Landes am Dienstag. Seit mehr als 100 Jahren erlebe der zeitgenössische Tanz eine wachsende Bedeutung. Daher sei es nur folgerichtig, die Produktionen der freien Tanzszene zu fördern. 4,5 Millionen Euro gab ihr Ministerium der freien Szene zusätzlich. Und: „Das Festival macht die Ergebnisse der Spitzen- und Exzellenzförderung sichtbar“, sagt Milz. Alle Künstler seien von internationaler Bedeutung.

Festival präsentiert vier Uraufführungen

Zum ersten Mal präsentiert die Biennale vier Uraufführungen. So feiert das Michael-Douglas-Kollektiv mit Dana Caspersen, der ehemaligen Top-Tänzerin von William Forsythe, die Uraufführung von „The Polarity Party“. Thematisch geht es dabei um Konfliktbewältigung. Ausdrücklich nicht in Anspielung an VA Wölfls berühmtes Düsseldorfer Ensemble „Neuer Tanz“ bringt das Folkwang Tanzstudio die Choreografie von Michiel Vandevelde „Neuer Neuer Neuer Tanz“ heraus. Es setzt sich mit der Tanzgeschichte auseinander. Alexandra Waierstall, ehemalige Residenzkünstlerin am Tanzhaus NRW,  hat eine neue Arbeit für das Festival produziert mit dem sperrigen Titel: „Bodies and Structure ‚Arena‘/Rita McBride“, die sie auch in Düsseldorf vorstellt. Es bezieht sich auf die US-amerikanische Bildhauerin und Installationskünstlerin, die auch als Professorin an der Kunstakademie Düsseldorf lehrt. Außerdem spielt sie „Annna ³. The Worlds of infinite shifts“. Und Hartmannmueller haben einen „Soloabend“ für zwei geplant über das Anderssein. Erstmals tanzen sie nicht miteinander, sondern jeder macht sein eigenes Tanz-Ding.

Auf der Liste der geladenen Gast-Künstler stehen bekannte Größen wie Ben J. Riepe mit seiner Arbeit „Geister – Fragment XL“, die das Festival am 8. Mai im Depot des Schauspiel Köln eröffnet. Oder Raimund Hoghe, der wohl prominenteste Name mit internationalem Klang. Ihm richtet das Tanzhaus NRW eine „künstlerische Geburtstagsfeier“, so Intendantin Bettina Masuch, zu seinem 70. Ehrentag  aus. Am Samstag, 18. Mai, zeigt das Haus sein Solo „Lettere amorose“ (1999) über tragische Briefe. Anschließend gibt es einen Festakt mit Laudatio und Empfang. In Münster wird Hoghes „Canzone per Ornella“ zu sehen sein, ein Abend für Ornella Balestra, die langjährige Solistin des Theatermagiers Maurice Béjart. Gemeinsam reisen Hoghe und Balestra durch ihre Geschichte, begleitet von dem bildenden Künstler Luca Giacomo Schulte.

Von internationaler Relevanz sind auch Stephanie Thiersch und ihr Ensemble Mouvoir. Sie  kommen mit „Bruixa“ (katalanisch: Hexe) und mit der spanischen Tänzerin Viviana Escalé.  Absolut empfehlenswert: die Produktion „Vis Motrix“ der Bonner Gruppe Cocoondance – ein abstraktes Werk von hypnotischer Bewegungsintelligenz.

„Tanz und Performance sind heute eins geworden“, stellte Christine Peters, Expertin für Performing Arts bei der Kunststiftung NRW, fest. Sie unterstütze das Festival gerne, wegen seiner heterogenen ästhetischen Formate. Die Künstler beschäftigten sich mit Tanzgeschichte und -wissenschaften genauso wie mit zeitpolitischen Diskussionen. So seien  Ben J. Riepe und Alexandra Waierstall nahe an der bildenden Kunst, während bodytalk sozialpolitische relevante Themen aufgegriffen.

Aber auch weniger bekannte Choreografen bekommen eine Chance. Heike Lehmke, Festival-Organisatorin und Geschäftsführerin des NRW Landesbüros Tanz, verwies darauf, dass diesmal der Fokus auf jungen Künstlern liege.

So zeigt Marie-Lena Kaiser mit „Ariodante“ ihren ersten Abendfüller. Neu seien die Formate Off Stage mit Outdoor Performances und Workshops mit Kindern und Jugendlichen. Das Nachwuchsformat Sprungbrett/Tanzrecherche NRW wurde ausgedehnt. Es ermöglicht Künstlern und Hochschulabsolventen des Landes Residenzen in den Produktionszentren Pact Zollverein in Essen und am Tanzhaus NRW. Die Nachwuchschoreografen stellen ihre Ergebnisse vor und diskutieren sie mit dem Publikum.

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