Fan-Forscher Gunter Pilz: „Für die Hooligans ist das Abenteuerurlaub“

Fan-Forscher Gunter Pilz: „Für die Hooligans ist das Abenteuerurlaub“

Fan-Forscher Prof. Gunter Pilz sieht das Problem vor allem in radikalisierten Jung-Ultras.

Düsseldorf. Frau und Kind wissen nicht um seine Prügeleien, es stört ihn nicht, Menschen zu verletzen. Ebenso wenig, mit einem Bein im Knast zu stehen.

Die WZ veröffentlichte ein Interview mit einem Fortuna-Hooligan, einem Schläger aus Leidenschaft. Das Thema Gewalt im Fußball ist angesichts des Problemspiels gegen Frankfurt am Montag in der Diskussion.

Die Polizei rechnet damit, dass eine große Anzahl gewaltbereiter Gästefans anreist, schon vor dem Spiel könnte es zu Auseinandersetzungen kommen — Einzelheiten sollen heute bekanntgegeben werden. Was treibt die Hooligans an?

Es gibt zwei Motivstränge, sagt Fan-Forscher Prof. Dr. Gunter Pilz von der Universität Hannover. Einerseits geringes Selbstwertgefühl und Perspektivlosigkeit: „Diese Menschen gestalten als Hooligans ihre Identität.“ Bei den anderen, wie Dieter B., über den wir berichteten, ist es — einfach ausgedrückt — der Kick.

Pilz: „Ein Hooligan hat es mal so beschrieben: Dieses Gefühl hast du mit keiner Frau und keiner Droge.“ In unserer modernen Lebenswelt würden Emotionen mehr und mehr unterdrückt, wir müssten funktionieren.

Die Gewalt, die in hohem Maße emotionsgeladen ist, biete die Möglichkeit, kurzzeitig auszubrechen. „Hooliganismus ist ein Abenteuerurlaub“, sagt Forscher Pilz.

Wie ein Manager, der zum Ausgleich in ein Survivalcamp gehe, legten sich Hooligans eine zweite, nicht-bürgerliche Identität zu. „Mit Repression erreicht man da gar nichts“, glaubt Pilz. Die Polizei und die Reibung an ihr sei sogar Teil des „Sports“.

Das unterscheide Hooligans auch von anderen gewaltbereiten Fans. „Es ist eine immer kleiner werdende Gruppe, die sich außerhalb der Stadien trifft, um Raum für ihre strategischen Spiele zu haben.“

Eine andere Gruppe wachse jedoch heran, die problematischer sei: Radikalisierte Ultras, bei denen die Polizei ein großes Feindbild ist, die auch vor Prügeleien im Stadion nicht zurückschrecken, bei denen es keine Regeln oder einen Ehrenkodex gebe.

Und diese gewaltbereiten Jünglinge innerhalb der Ultras zögen weitere Schläger an, die mit Fußball gar nichts zu tun hätten. Pilz: „Da fahren zu Auswärtsspielen ,Fans’ mit, die noch nie bei einem Heimspiel waren.“ Er sieht die deutschen Ultras derzeit an einem Scheideweg: Gewinnt die kreative Fanszene, oder entwickeln sich regelrechte „Hooltras“?