Familie Jetula will nach Hause kommen

Familie Jetula will nach Hause kommen

Mitten in der Nacht wurde die Familie abgeschoben nach Mazedonien. Doch dort hat sie keine Zukunft, ihre Heimat ist Düsseldorf.

Düsseldorf. Es ist kaum zu glauben, dass es dasselbe Mädchen sein soll: Auf dem einen Bild strahlt Elmedina mit schwarz-rot-goldenem Haarreif in der langen Mähne in die Kamera. Auf dem Bild daneben hockt sie auf einer abgerissenen Matratze, vor kaputten Fenstern und abgeplatztem Putz auf nacktem Beton, ihre Augen sind müde und haben tiefe Ränder.

Die Zehnjährige sollte seit diesem Schuljahr auf die Realschule gehen. „Sie ist so ein intelligentes Mädchen“, sagt Sozialarbeiterin Sophie Schmitz. Doch stattdessen habe im August plötzlich die Polizei mitten in der Nacht vor der Tür der Familie Jetula gestanden. Man schob sie ab nach Mazedonien. In ein Land, das die Kinder kaum kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen. Und wo der Vater sich verfolgt fühlt.

Sein Schicksal besiegelte auch das seiner Familie. Kamber Bekir gehört der Minderheit der Roma an, ist staatenlos. Er verdingte sich früher in Mazedonien als Schrotthändler, wurde jedoch ständig festgenommen, weil er keinen Pass bei sich hatte. Schließlich verkaufte die Familie ihr Haus, um nach Bosnien zu fliehen und dort Papiere zu beantragen. „Das hat aber nicht funktioniert“, erklärt Sophie Schmitz. „Anfang 2009 kamen sie nach einer Odyssee durch Europa nach Deutschland.“

Doch ihre Duldung lief 2012 aus. Die Familie kam zuerst bei einer Tante in Schweden unter. Aber ihr eigentliches Ziel war stets eine Zukunft in Deutschland. Alle Kinder sprechen Deutsch, Elmedina akzentfrei, der kleine Ervin, der 2010 in Düsseldorf zur Welt kam ohnehin. „Mazedonisch hingegen können sie gar nicht.“ Also stellten sie schließlich wieder einen Asylantrag in Düsseldorf, zogen Anfang dieses Jahres in eine Notunterkunft am Hasseler Richtweg. Seither betreut Sophie Schmitz die Familie. „Ich kann gegen sie überhaupt nichts sagen!“

Für den 30. August sei ein entscheidender Gerichtstermin angesetzt gewesen, um über den Aufenthalt der Familie Jetula und Vater Kamber Bekir zu befinden. „Darin hatten sie alle ihre Hoffnung gesetzt“, weiß die Sozialarbeiterin. Drei Tage zuvor sollte die Mutter, Baftija Jetula, von einem Arzt untersucht werden.

Denn die 36-Jährige leidet an schweren Depressionen, ein Schreiben des LVR-Klinikums, das der WZ vorliegt, attestiert ihr zudem psychotische Symptome und Suizidabsichten. Der Arzt sollte bestätigen, dass Baftija Jetula dringend eine Behandlung benötigt und auf keinen Fall abgeschoben werden kann.

Doch dazu kam es nicht: Am 26. August um 4 Uhr morgens habe man die Familie abgeholt und in ein Flugzeug nach Skopje gesetzt, so Schmitz. Um sicher zu sein, dass man sie zu Hause antreffe, hätten die Behörden ihr gesagt. Das sei gängige Praxis. „Und dann hat man sich nicht weiter dafür interessiert, was mit ihnen passiert.“

Und was passiert, das weiß Michael Lukas von der Düsseldorfer Flüchtlingshilfe Stay nur zu gut: „Nach unabhängigen Schilderungen sind die Zustände für Roma dort unterirdisch. Mütter werden mit ihren kranken Kindern in Kliniken abgewiesen.“ Das berichtet auch Leonardo, der 18-jährige Sohn der Familie, den die WZ telefonisch erreichte. „Wir sind inzwischen alle krank, können aber keine Medikamente bekommen.

Auch keinen Job. Für Roma gibt es hier keine Arbeit, sagt man uns.“ So könnten sie auch das Haus, das 50 Euro Miete kostet, nicht lange halten. „Aber das Haus ist ohnehin wie eine Baustelle“, sagt Leonardo. „Kein Wasser, kein Strom, keine Toilette.“ Und: Elmedina könne jetzt überhaupt nicht mehr zur Schule gehen, ebenso wenig die anderen.

Sophie Schmitz hat eine Petition im Internet gestartet, bei der bereits etwa 550 Menschen unterschrieben haben, um die Familie Jetula nach Düsseldorf zurückzuholen. 2000 virtuelle Unterschriften werden benötigt. Auf diese hofft Leonardo jetzt. „Hier kann man es nicht aushalten“, sagt er. „Wir wollen nur zurück nach Düsseldorf.“ Dorthin, wo sie eine Heimat gefunden hatten.

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