Es darf wieder geseufzt werden

Es darf wieder geseufzt werden

Cellist Gautier Capuçon setzt auf ein emotionales Programm — vor zehn Jahren undenkbar.

Manche Klassik-Hits tauchen auf fast keinem Konzertprogramm auf. Sie erklingen gelegentlich als Zugabe, säuseln durchs Radio oder lungern im Zwielicht halbseidener Tonträger mit populärer Gemischtware. Zu diesen Stücken gehört beispielsweise die „Méditation de Thais“ von Jules Massenet. Jetzt aber stand die kurze Zwischenaktmusik hoch offiziell auf dem Programmzettel des Heinersdorff-Konzertes mit dem französischen Cellisten Gautier Capuçon und dem Orchestre de Chambre de Paris in der Tonhalle.

Massenets schön verträumte Miniatur wird nicht immer ganz ernst genommen. Doch Capuçon hebt sie sozusagen auf ein Podest. Tief in sich versunken, aber mit hoher spieltechnischer Spannkraft modelliert er das süß-melancholische Melos dieser Musik heraus. Fernab des intellektuellen Naserümpfens über romantische Emotionalität leitet Capuçon als Vertreter der jüngeren Musikergeneration gewissermaßen die Wiedergeburt des Gefühls ein. Vor zehn oder 20 Jahren wäre ein Musiker für ein solches Programm noch belächelt worden. Doch die Zeiten haben sich wohl etwas gewandelt. Es darf geseufzt werden.

Capuçon hat mehrere solcher Stücke im Repertoire. Davon zeugt auch sein jüngstes Album „Intuition“, das sich wie ein Füllhorn der Ohrwürmer präsentiert. Der Cellist spielt aber nicht schmalzig, sondern bringt die Musik zurück in ihren geistvollen Urzustand, frei von nachträglicher Banalisierung.

Zu Gehör kommt auch Virtuoses wie der „Elfentanz“ des deutschen Romantikers David Popper. Als Zugaben für starken Beifall gibt es Sentimentales und Brillantes: den „Schwan“ aus dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns sowie die Rossini-Variationen Paganinis, die auf nur einer Saite, aber mit vielen Tönen gespielt wird.

Neben dem facettenreichen Mosaik aus Musikminiaturen warten Capuçon und das Orchester unter der formidablen Leitung des jungen Dirigenten Adrien Perruchon mit einem soliden Klassiker auf: dem Konzert C-Dur für Cello und Orchester Joseph Haydns. Da das Klassik-Repertoire für das Solo-Cello vergleichsweise begrenzt ist, hat Capuçon das Haydn-Konzert schon häufig gespielt. Entsprechend routiniert trägt er es nun vor, blitzsauber begleitet vom Pariser Kammerorchester. Der Solist achtet beim Spielen fast mehr auf die Konzertmeisterin als auf den Dirigenten, was aussieht wie ein kleiner Flirt. Das Zusammenspiel gelingt jedenfalls perfekt, wenn die versierte Art der Ausführung auch mitunter allzu salopp daherkommt. Insgesamt aber eine eindrucksvolle Leistung.

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