Erfindung aus Düsseldorf: Die Flasche aus Papier

Erfindungen : Erfindung aus Düsseldorf: Die Flasche aus Papier

Martin von Mauschwitz stellt in seinem Buch „Aldi, Goldbär, Thermomix“ Produktgeschichten aus NRW vor. Aus Düsseldorf sind bekannte Unternehmen wie Henkel und Teekanne vertreten – und die Geschichte des ersten Getränkekartons in Europa. Er stammte von der Firma Jagenberg.

Milch oder Orangensaft, Wasser oder Sahne, passierte Tomaten oder Fertigsauce. Holen wir uns aus dem Supermarktregal, packen es in die Einkaufstasche. Die Packung ist leicht, geht auch nicht kaputt, wenn sie in der Einkaufstasche gestoßen und gedrückt wird, und zu Hause schneiden wir die Packung einfach auf oder drehen einen Kunststoffdeckel auf. Und wenn die Packung leer ist: zusammendrücken und ab in den gelben Müll. Es ist so selbstverständlich. Und wer weiß schon, dass wir das alles einem Mann aus Düsseldorf zu verdanken haben?

Im Deutschland der 1920er-Jahre hätten Käufer im Lebensmittelladen wohl ziemlich ungläubig geguckt: Getränke in einer Papp-Verpackung? Wie sollte das denn gehen? Ein Amerikaner hätte es ihnen erklären können: Dort füllten Molkereien ihre Milch schon längst in Kartons, die man vorher in Paraffin getaucht hatte. Milch rein, gut zukleben – fertig war die Milchtüte. Das fiel auf einer USA-Reise auch dem Spross einer Düsseldorfer Papierfabrikanten-Familie auf: Günter Meyer-Jagenberg brachte die Idee vom Getränkekarton

nach Deutschland.

„Wasserdichtes Papiergefäß mit Faltverschluss“

Im industrialisierten Deutschland waren immer größere Städte entstanden. Auch die Geschäfte wurden größer, die Wege der Lebensmittel vom Erzeuger zum Verbraucher immer länger. Die schwere und stoßempfindliche Glasflasche war da nicht immer die beste Lösung. Jagenberg ahnte: Mit der Idee aus den USA ließe sich auch hier ein Geschäft machen. Aus Papier Kartons zu falten, damit hatte die Firma seines Onkels schon Erfahrung. Jetzt musste man nur noch das Material imprägnieren. 1930 lässt sich Günter Meyer-Jagenberg das „wasserdichte Papiergefäß mit Faltverschluss und Vorrichtung zu seiner Herstellung patentieren. Der Markenname: „Perga“, das sollte wohl an flüssigkeitsabweisendes Pergamentpapier erinnern. Der Clou der Perga: ihr Faltverschluss, der das Ganze zum – wie die Verpackungsfachleute sagen – „Giebelkarton“ machte. Das war völlig neu. So ließ sich der Karton – zum Beispiel mit Milch – einfach befüllen, verschließen und in der heimischen Küche wieder öffnen.

Das Patent war also da. Die Tüte auch. Aber in den Geschäften war zunächst wenig davon zu sehen: Das Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre hatte andere Probleme als die Frage, ob die Milch in Flaschen oder Tüten kommt. Das ändert sich nach Krieg und Währungsreform gewaltig: Ein neues Konsumzeitalter bricht an, schnell und bequem soll es jetzt sein. Leichter Transport, weniger Platzverbrauch – damit kann der Karton gegenüber der Flasche jetzt punkten. In den 1950er-Jahren wird die Milch aus der Perga-Packung ein Massenartikel.

Jagenberg musste etwas Neues wagen und zog nach Düsseldorf

Die Jagenbergs haben den ersten Getränkekarton Europas produziert und ihr Giebelkarton war einzigartig. Die Grundidee, Flüssigkeiten überhaupt in Kartons abzufüllen, hat sich aber ein gewisser John van Wormer schon 1915 in den USA patentieren lassen. Das Jagenberg-Patent konnte hieran anknüpfen.

Ferdinand Emil Jagenberg, der Firmengründer, hatte in Solingen eine Papiermühle betrieben. Die machte Pleite. Jagenberg musste etwas Neues wagen – mit seiner Familie zog er 1878 nach Düsseldorf, eine Stadt, die damals, wie so viele deutsche Städte in der Gründerzeit, eine wachsende Industriestadt war. Die Jagenbergs eröffneten eine Papier-Großhandlung.

Aber schon bald erkennen sie, wo der eigentliche Wachstumsmarkt liegt: Waren werden über immer größere Strecken transportiert, das Verkehrsmittel Eisenbahn macht es möglich. Und darum braucht man jetzt: Verpackungen. Güter werden in Kartons gepackt. Und Jagenberg liefert dazu die Maschinen: Maschinen, die Kartons herstellen. Maschinen, die auf Kartons Klebestreifen aufbringen, damit man sie schnell zu Behältern aufbauen kann. Maschinen, die Etiketten aufkleben, auf Kartons, auf Flaschen. Erstes Patent: „Vorrichtung zum Bestreichen von Schachtelklebestreifen mit Klebstoff“, 1892: zweites Patent: „Bogen-Anleim-Maschine“, 1898: Die Firma wächst.

Es werden Maschinen hergestellt, die so ziemlich alles verpacken

1906 wird das auch äußerlich sichtbar: Im Düsseldorfer Süden bezieht die Firma ein nagelneues 50 000 Quadratmeter großes Firmengelände. Der Bau ist einer der letzten großen Industriebauten der Gründerzeit., der „Salzmann-Bau“, benannt nach seinem Architekten Heinrich Salzmann. Hinter der Gründerzeitfassade verbirgt sich ein moderner Stahlskelettbau.

In diesem Gebäude werden jetzt Maschinen hergestellt, die so ziemlich alles verpacken können: von Zigaretten bis zu Schokoladentafeln. Für uns ist es heute banal und selbstverständlich, dass Schokolade in Papier eingewickelt wird. Aber irgendwann hat halt mal jemand eine Maschine konstruiert, die so etwas schnell und massenhaft kann: 1920 stellt Jagenberg die erste Schoko-Einwickel-Maschine her. Wenige Jahre später entdeckt Günter Meyer-Jagenberg in den USA den Getränkekarton.

Und heute? Die 1950er-Jahre sind die große Zeit der Perga-Packung. Und das, obwohl mit Tetra-Pack aus Schweden ein echter Konkurrent auftaucht: Lange Zeit ist es ein dauernder Wettbewerb zwischen der Perga und dem tetraederförmigen, besonders leicht zu befüllenden Getränkekarton aus Schweden. Auch diese Idee kam übrigens ursprünglich aus US-Molkereien.

Der Perga-Nachfolger
heißt „blocpak2

Jagenberg wächst mit Perga weiter: In Linnich wird ein neues Werk gegründet, Ende der 1960er-Jahre beschließt man bei Jagenberg den Umzug nach Neuss. Auch der Perga-Klassiker hat nun seine Zeit hinter sich: In den 1960er-Jahren beginnt der Siegeszug der großen Supermärkte und Discounter. Die Milch wird jetzt in großen Mengen angeliefert und in Kühltheken aufgestellt. Die Verpackung muss nun stapelbarsein und – ohne Platz zu verschenken – ganze Paletten auffüllen. Das schafft der Perga-Nachfolger „blocpak“ – in den 1970ern kommt die klassische H-Milch-Verpackung „combibloc“ dazu. Brikettförmig, lange nicht mehr so elegant wie die Perga, aber ungeheuer praktisch. Das Paraffin als Imprägnierstoff hat natürlich auch schon längst ausgedient, die Getränkekartons sind heute kunststoffbeschichtet.

Und auch bei Jagenberg verändert sich einiges: 1981 übernimmt der Rheinmetall-Konzern die Aktienmehrheit. Rheinmetall wird die Firma mehrfach umstrukturieren und schließlich wieder verkaufen. Eine Jagenberg AG als Maschinenbau-Unternehmen gibt es auch heute noch in Krefeld. 1989 geht das Werk in Linnich, dort, wo die Getränkekartons entstehen, an die Schweizerische Industrie Gesellschaft SIG. Aus der Perga-Tüte der 1950er ist der „SIG Combibloc“ von heute geworden.

Der Salzmann-Bau der Jagenbergs hat Brände und Kriege überlebt: Als Rheinmetall Mitte der 1980er-Jahre die gesamte Verwaltung in ein modernes Bürogebäude im Düsseldorfer Norden verlegt, wird der Salzmann-Bau unter Denkmalschutz gestellt. Bürgervereine machen aus der einstigen Papiermaschinen-Fabrik ein Kulturzentrum. Er wird zu einem wichtigen Ort der regionalen Jazz-Szene. Bis heute ist der Bau der Jagenbergs ein Bürgerzentrum mit Veranstaltungen, Kursen und Partys.

Hinter einem ganz anderen Stück Industriegeschichte steckt übrigens auch ein Jagenberg. Emil, Sohn des Firmengründers, hat 1904 etwas erfunden, das das Transportwesen weltweit revolutioniert hat: einen Lkw mit getrennter Zugmaschine und Auflieger – den Sattelschlepper.

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