„Entweihung ist besser als Abriss“

„Entweihung ist besser als Abriss“

Immer mehr Kirchen werden abgerissen. Das Haus der Architektur zeigt Alternativen. Wir sprachen mit Christof Rose.

Düsseldorf.Die katholische und die evangelische Kirche können und wollen die steigenden Unterhalts- und Betriebskosten für ihre Gotteshäuser nicht länger tragen, weil die Zahl der Gemeindemitglieder und damit die Einnahmen durch die Kirchensteuer rapide sinken. In Düsseldorf werden die Gebäude Sankt Anna und Epiphaniaskirche abgerissen. In ganz NRW sind 1500 von 6000 Kirchen beider Konfessionen von der Schließung bedroht. Um dem damit verbundenen Kahlschlag entgegenzuwirken, hat die Wüstenrot-Stiftung einen bundesweiten Wettbewerb ausgeschrieben. Sein Ziel ist die Umnutzung von Kirchen. Die Ergebnisse werden im Haus der Architekten präsentiert. Wir sprachen mit Pressesprecher Christof Rose darüber.

Foto: Max Kampel

Herr Rose, in Bayern und Baden-Württemberg gibt es kaum Schließungen oder Veräußerungen von Kirchengebäuden. Geht man im Rheinland etwas flotter mit dem Erbe um? Gibt es hier kaum ein Bewusstsein für Architektur?

Rose: In NRW sind die Städte in der Nachkriegszeit schnell gewachsen. In vielen Neubaugebieten der 50er bis 70er Jahre entstanden neue Kirchen, durchaus auch von prominenten Architekten wie die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg in Garath. Aber die Neubaugebiete sind in die Jahre gekommen, die Bewohner alt geworden. Die Neubürger sind nicht unbedingt solche, die in die Kirche gehen. Und Düsseldorf ist eine Pendlerstadt. Hier wechselt die Bevölkerung eher als in kleineren Städten.

Christof Rose zum Kirchensterben

Gibt es Gegenbewegungen?

Rose: Es gibt die Landesinitiative Stadtbau-Kultur NRW, die seinerzeit von Michael Vesper gegründet wurde. Sie will im Laufe des Jahres, sofern die neue Regierung mitmacht, ein qualifiziertes Beratungsangebot starten. Den Kirchengemeinden, deren Häuser vor einer möglichen Schließung stehen, soll ein Pool von Architekten zur Seite stehen, um Alternativen anzubieten.

Die Ausstellung in Ihrem Haus bietet neuartige Vorschläge an. Dabei tauchen Begräbniskirchen auf. Was versteht man darunter?

Rose: Der lateinische Begriff dafür ist ein Kolumbarium, eine altrömische Grabkammer mit Nischen, die reihenweise übereinander liegen. Dort wurden einst die Urnen nach der Feuerbestattung hinein gestellt. In St. Joseph in Aachen griff man vor 15 Jahren diesen Gedanken auf. Seitdem stehen dort die Urnengräber in besonderen Einbauten. Die Angehörigen können sie besuchen und haben eine preiswerte Alternative zur Erdbestattung auf einem Friedhof. Und die Kirchen haben weiterhin eine Nutzung, wenn auch aus einem traurigen Anlass. Und sie erhalten eine Vergütung dafür.

Sonstige Vorschläge?

Rose: Beliebt ist die Integration einer profanen Nutzung ins Kirchengebäude. Dabei findet meist eine Transformation vom reinen Sakralraum hin zum multifunktionalen Gemeindezentrum statt. Oft geht damit eine Verkleinerung des Kirchenraums einher. Man denke an die Johanneskirche in der Innenstadt.

Welche Umbauten sind andernorts bevorzugt?

Rose: Die Verwandlung einer Kirche in ein Seniorenzentrum oder Seniorenheim, in eine Kita, in ein Kirchenarchiv, eine Bibliothek, eine Galerie oder gar in ein Museum sind Vorschläge. Der Umbau von Christus König in Oberkassel ist ein gutes Beispiel. Hier blieb die Kirche erhalten, ist aber dank geschickter Umbauten zu einem Familienzentrum mit großer Kita geworden.

Was wollte der Wettbewerb?

Rose: Das bauliche Erbe zu erhalten. Eine Kirche ist meistens städtebaulich prägend. Sie hat eine soziale Funktion als Treffpunkt. Und sie hat einen hohen Grad der Identifikation. Dies gilt es zu schützen.

Würden Sie akzeptieren, wenn eine Kirche zur Gänze profanisiert würde?

Rose: Da es sich hier in vielen Fällen um eine anspruchsvolle Architektur handelt, sollte man Gotteshäuser nicht auf die religiöse Funktion beschränken. Die Entweihung ist besser als ein Abriss.

Die Ausstellung „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ ist im Haus der Architekten, Zollhof 1, zu sehen. Sie wurde von der Wüstenrot Stiftung konzipiert. Sie läuft bis 30. Juni und kann wochentags von 8 bis 17 Uhr besichtigt werden.

wuestenrot-Stiftung.de

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