Endspurt im Europa-Wahlkampf in Düsseldorf

Europawahl : Wahlkampf mit Waffeln und Kicker: Petra Kammerevert wirbt für Europa

Beim Ortstermin in Benrath spricht die SPD-Abgeordnete mit Bürgern über Brexit und Urheberrecht, Rechtspopulismus und Roaming. Und hofft endlich auf mehr Interesse in Düsseldorf für die europäische Politik.

Tischfußball und Foodtruck mit Gratis-Waffeln und Kaffee: Petra Kammerevert hat bei ihrem Wahlkampftermin auf dem Benrather Marktplatz am Donnerstag einiges zu bieten, was „Kundschaft“ anlockt. Und tatsächlich ist am SPD-Stand gut was los, sogar ein TV-Team von Sat 1 filmt. Aber nicht nur Waffelduft und Kicker lockten die Leute an, sagt die Düsseldorfer Europaabgeordnete in der roten Steppjacke: „Das Interesse ist eindeutig größer als bei früheren Europawahlen, viele Menschen diskutieren jetzt wirklich über Europa und nicht nur über deutsche Politik.“

Eine Mutter will wissen, in welchem Ausschuss Kammerevert „in Europa“ sitze (sie ist Vorsitzende des Kulturausschusses) und was sie da mache. Ein Schüler meckert über die neue Urheberrechtslinie, die Youtube behindere (Kammerevert gibt ihm recht). Ein Mann fragt, ob die Briten nun doch noch in der EU blieben. Ja, der Brexit. Natürlich sei der eine Katastrophe, habe aber Bewusstsein und Zustimmung zu Europa in Deutschland klar verbessert. Das gelte auch für andere EU-Krisen wie den Rechtsruck in Ungarn, Polen oder Italien. „Man spürt, dass hier viele Bürger plötzlich merken, wie schnell man als selbstverständlich erachtete Rechte und Freiheiten wieder verlieren kann“, sagt Kammerevert. Und dass man den Kontinent lieber nicht Populisten und Nationalisten überlassen sollte.

Für Düsseldorf wünscht sich die 52-Jährige eine höhere Wahlbeteiligung als beim letzten Mal (53,8 Prozent),  „60 Prozent wären prima.“ Kammerevert, seit 2009 Mitglied des Europa-Parlaments, hat gute Aussichten, ihr Mandat zu behalten. Sie steht auf Platz 13 der SPD-Bundesliste, wenn die alte Faustformel „ein Prozent der Stimmen für einen Sitz“ für die 96 Abgeordneten aus Deutschland noch gilt, sollte sie es schaffen.Wobei, es geht um die SPD...

Petra Kammerevert bei einer früheren Wahlkampfveranstaltung. Foto: Fischer, Andreas H503840

Kammerevert lebt in Düsseldorf, in Brüssel und Straßburg hat sie keine Wohnung, übernachtet in den 40 Sitzungswochen immer im Hotel. Was sie vermisst, ist ein wenig Aufmerksamkeit. Das mediale Interesse an ihr habe als Europaabgeordnete rapide nachgelassen, wundert sich die ehemalige Ratsfrau: „Ich habe mal eine Pressemitteilung zur EU-Richtlinie für Bodenverkehrsdienste an Flughäfen rausgeschickt, da hat mich eine Zeitung in Düsseldorf aufgefordert, sie aus meinem Verteiler zu nehmen, denn sie bräuchten nur lokal relevante Nachrichten. Das war irre angesichts der offenkundigen Bedeutung für den Flughafen in Lohausen.“ Ja, das Desinteresse an europäischer Politik sei schon frustrierend, gerade in Düsseldorf, findet Kammerevert – obwohl fast 70 Prozent der relevanten Beschlüsse in Brüssel und Straßburg fielen.

Deshalb gibt sie nicht auf und hat eine Wahlkampfbroschüre mitentwickelt, die „Europäische Sternstunden“ heißt und an einem Tagesablauf zeigen soll, wie wichtig Europa für das Alltagsleben ist. Das geht mit dem Wecker beim Aufstehen um 6.30 Uhr los, für den die EU zwei Jahre Garantie durchgesetzt hat, geht übers gesunde Frühstück (EU-Gütezeichen für Lebensmittel) den ÖPNV (mehr erneuerbare Energien, bessere Entschädigungen bei Verspätungen) den Arbeitsplatz (Arbeitszeitrichtlinie) bis zum Grillen am Abend (Holzeinfuhr) oder dem Handy-Gespräch mit Freunden im Spanienurlaub (Roaming).

Sie selbst will sich politisch vor allem für einen besseren Bildungsaustausch zwischen den EU-Staaten einsetzen, etwa die Mittel für das Erasmus-Programm verdreifachen. Denn gerade dieser Austausch junger Menschen fördere auf Dauer ein Zusammengehörigkeitsgefühl, dass es so noch zu wenig gebe. „Wir sollten in allen EU-Staaten zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung und Ausbildung investieren“, sagt Kammerevert, „auch im Azubi-Bereich, das ist wichtig im Kampf gegen den Fachkräftemangel.“

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