„Electricity Conference“: Wie ein Laden den Punk prägte

Musikkultur : „Electricity Conference“: Wie ein Laden den Punk prägte

Vor 40 Jahren hatte der Punk in London seine Hoch-Zeit. Bei der „Electricity Conference“ berichteten Protagonisten von damals über die Bewegung – und warum ein Kleidungsgeschäft zum Treffpunkt der Szene wurde.

Großbritannien muss in der zweiten Hälfte der 70er Jahre ungefähr so aufregend gewesen sein wie eine durchschnittliche Ausgabe des ZDF-Fernsehgartens. Das ist der Tenor vieler Redner, die am Samstag bei der „Electricity Conference“ im Haus der Universität am Schadowplatz auf der Bühne waren. Das Thema der vierten Ausgabe der Musikkonferenz war Punk. Eingeladen waren Akteure, die die Szene in London vor rund 40 Jahren prägten. „Alles war damals grau, braun und deprimierend“, sagte Jordan Mooney, die als Model für Modedesignerin Vivienne Westwood arbeitete. Als Reaktion ließ sie sich als Teenager die Haare so kurz schneiden wie Mia Farrow in dem Film „Rosemaries Baby“ und begann Kleidung zu tragen, die so sehr von der Norm der Zeit abwich, dass der Direktor ihrer Schule sich um das Wohl von ihren Mitschülern sorgte.

Der Termin für die nächste Konferenz in Düsseldorf steht

Die Sehnsucht nach Vielfalt scheint ein wesentlicher Faktor gewesen zu sein, der die Entstehung des Punk begünstigt hat. Der Ort, an dem man damals gewesen sein muss, wenn man ähnlich dachte wie die Protagonisten dieser Zeit, war ein Modegeschäft im Stadtteil Chelsea. Die Boutique „Sex“ an der King‘s Road 430 war – im übertragenen Sinn – so etwas wie der Ratinger Hof von London. In dem Geschäft von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, in dem Mooney arbeitete, konnte man nicht nur Klamotten kaufen, die es nirgendwo anders gab. Man konnte dort auch einfach Zeit verbringen, Musik hören und Leute treffen. Wenn man das Geschäft betrat „ging man aus der Realität heraus, die man nicht mochte, hinein in eine Welt, in der man lieber sein wollte“, fasste Marco Pirroni, der mit den Bands Adam and the Ants und Siouxsie and the Banshees zusammenarbeite, die Besonderheit dieses Ortes zusammen. Diese Magie brachte unter anderem die Sex Pistols zusammen, die in dem Geschäft auf ihren Sänger John Lydon trafen.

Doch zu den Errungenschaften des Punk habe nicht nur gehört, Menschen wie Lydon, der objektiv betrachtet nicht singen konnte, eine Karriere im Musikgeschäft zu ermöglichen. Punk habe auch bestehende Geschlechterrollen infrage gestellt, so der britische Journalist und Autor John Robb. So habe die Bewegung neue Vorbilder für Frauen hervorgebracht. „Ugly can be beautiful“ („eklig kann schön sein“), habe eine Devise gelautet. Auch Männer hätten im Zuge des Punk aus ihrem Rollenbild ausbrechen können.

Die Entwicklungen, die der Punk in Düsseldorf und Rheinland genommen hat, waren bei der britisch geprägten „Electricity Conference“ allenfalls am Rande ein Thema. So berichtete Jah Wobble, früherer Bassist der Band Public Image Ltd. (PiL) davon, wie beeindruckt er von Jaki Liebezeit und Holger Czukay von Can war, mit denen er im Studio in Weilerswist zusammengearbeitet hat. Während der Zeit mit den doppelt so alten Künstlern habe er viel Grundlegendes über Musik gelernt.

Organisator Rudi Esch kündigte am Samstag an, dass es auch im kommenden Jahr eine weitere Ausgabe der „Electricity Conference“ im Haus der Universität geben soll. Das Thema am 21. September 2019 ist Techno.

Mehr von Westdeutsche Zeitung