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Eine Familie mit 15 Straßenhunden

Eine Familie mit 15 Straßenhunden

Marco Lenzen war Modemacher, jetzt hat er eine Tierklinik gegründet. Seine Familie hat sich ganz der Hundepflege verschrieben.

Düsseldorf. Dass Familie Lenzen vor elf Jahren im Griechenland-Urlaub anhielt, als eine kleine Mischlingshündin verletzt am Straßenrand lag, veränderte das Leben der drei Düsseldorfer für immer. „Sie hatte Schusswunden, war mit 300 Zecken übersät, sie hat nur noch schwach gehechelt“, berichtet Monika Lenzen (50). „Die Leute im Dorf sagten, wir sollten einen Stein dranbinden und sie ins Meer werfen.“ Stattdessen nahmen Lenzens die Hündin mit, päppelten sie auf. Heute ist Lesia eine fröhliche Hundeseniorin — und Namensgeberin der Lesia Tierklinik an der Adlerstraße.

„Lesia hat uns die Augen geöffnet“, sagt Monika Lenzen. „Plötzlich war es, als hätte das Schicksal gesagt: Euch hab’ ich.“ In jedem Urlaub kreuzte ein weiteres leidendes Geschöpf den Weg der Familie. Lucky etwa, ein erst wenige Wochen alter Golden-Retriever-Mix, der sich beim Zusammenstoß mit einem Auto das Bein gebrochen hatte. Er sollte gerade eingeschläfert werden, als Marco Lenzen (52) zufällig bei dem griechischen Tierarzt vorbeischaute. Sofort legte er das nötige Geld für Röntgenaufnahmen auf den Tisch — und nahm Lucky schließlich zur Behandlung mit nach Deutschland. Oder Elena, die das Ehepaar Lenzen in einem Urlaub über Tage verfolgte. Als wüsste sie, wo sie Hilfe bekommt. Kaum in Deutschland wurde die Hündin dicker und dicker — und warf schließlich neun Welpen. Alle wurden in liebevolle Hände vermittelt.

Elena hingegen wohnt immer noch bei Familie Lenzen. Ebenso wie Lucky, der wegen seiner Beinfehlstellung jeden Morgen die Pfote verbunden bekommt. Ebenso wie Lesia, noch immer. 15 Hunde sind es insgesamt. Aus Tötungsstationen in Belgien, Ungarn, Griechenland, Polen. Oder einfach aus schlechter Haltung in Deutschland. Die Familie ist inzwischen nach Meerbusch gezogen, wo die Tür zum großen Garten Tag und Nacht offen steht. „Hier bricht niemand ein“, ist Tochter Gina Lenzen (20) sicher. „Einmal haben alle Hunde nachts laut gebellt. Am nächsten Tag stand unser Nachbar mit einer Flasche Wein vor der Tür: Die Hunde hatten einen Einbrecher verjagt, der bei ihm einsteigen wollte.“

Aber nicht alle Hunde sind geblieben. Vor zwei Jahren musste Ginas Rüde Romeo eingeschläfert werden. Seine Verletzungen konnten nicht mehr behandelt werden. Gina litt über Monate. Das machte Marco Lenzen nachdenklich. Er und seine Frau kommen eigentlich aus der Modebranche, stellten mit dem Edel-Label „Love’s“ Dessous her. Doch vor gut einem Jahr eröffnete er schließlich die Lesia Tierklinik an der Adlerstraße 63. Ein gigantisch schickes Haus mit hellem Leder im Wartezimmer. Und doch gibt es die Behandlung mit der neuesten Technik zu erschwinglichen Preisen. Ob Unterwasser-Laufband oder Computertomografie. Oder ein Sterbezimmer für den würdevollen Abschied.

Für Marco Lenzen ein rein caritatives Unternehmen. Einen Großteil seines Vermögens hat er investiert. „Das ist weg“, sagt er. Ohne großes Bedauern. Die Klinik spielt nichts davon wieder ein. Aber sie hält die Familie eng zusammen. Mutter Monika arbeitet an der Adlerstraße mit, wann immer sie zwischen Gassigehen, Hundefutter-Kochen und Verarzten zu Hause Zeit findet. Die 20-jährige Gina absolviert in der Klinik gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr. Bald will sie anfangen, zu studieren. Aber in der Nähe. „Ich könnte mich nicht von den Hunden trennen.“

Die Tochter wohnt in einem Anbau mit neun der 15 Tiere. Vier von ihnen schlafen in ihrem Bett. Darunter die blinden Rüden Bummel und Bobby. Der eine hasst Katzen, der andere rastet aus, wenn ein Handy klingelt. Ein anderes Zuhause würden beide wohl nie wieder finden. Aber warum sollten sie auch? Der jungen Gina würde ohne Haare auf der Jeans und Dreckstriemen an der Couch auch etwas fehlen. Und bei allen Eigenarten spürt sie doch die Dankbarkeit ihrer Lieblinge: Trotz der Schläge und Tritte von früher hat noch nicht einer der Hunde gebissen.