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Ein Auktionator schwimmt gegen den Strom

Ein Auktionator schwimmt gegen den Strom

In Düsseldorf haben viele große Versteigerer eine Repräsentanz. Wie aber läuft das Geschäft vor Ort? Ein Gespräch mit Versteigerer Andreas Sturies.

Das Geschäft mit der Kunst macht immer häufiger Schlagzeilen. Das liegt an den Auktionshäusern Sotheby’s und Christie’s. Ersteres ist eine Aktiengesellschaft und wird an der New Yorker Börse gehandelt; Christie’s gehört dem französischen Milliardär Francois Pinault und ist seit zehn Jahren Marktführer, mit einer Repräsentanz in Düsseldorf. Im Interview mit Andreas Sturies haben wir erörtert, ob Düsseldorfer Auktionshäuser überhaupt Chancen haben. Sturies ruft zweimal im Jahr seine Lose im Steigenberger Parkhotel auf — im November zum 40. Mal.

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Auktionshäuser

Herr Sturies, warum wurden Sie Auktionator?

Sturies: Notgedrungen. Ich hatte als Angestellter beim Hamburger Auktionshaus Hauswedell und Nolte gearbeitet und war anschließend Geschäftsführer in einer Wuppertaler Galerie, wo täglich im Schnitt zwei Künstler und ein halber Kunde vorbeischauten.

Warum sollte es ein Auktionshaus und keine Galerie sein?

Sturies: Ich habe nicht das Gefühl, dass es so viel gute Kunst gibt, dass ich mich alle acht Wochen vor ein Publikum stellen kann. All die Konzepte, die keiner versteht. Ich glaubte natürlich, die Leute kommen in Scharen. Zur ersten Auktion kamen zwar viele Leute, aber das waren meistens Freunde. Dennoch hatte ich Glück.

Inwiefern?

Sturies: Meine damalige Freundin meinte, du schaffst das. So habe ich mir bei einer Bank einen Kredit besorgt.

Brauchte man das?

Sturies: Ja, natürlich. Ich musste ja ein halbes Jahr vorfinanzieren. Ich habe ein Büro an der Blücherstraße im Souterrain gemietet, Katalog und Bürokosten gezahlt, mich selbst und mein Auto finanziert. 50 000 Mark waren knapp kalkuliert. Aber es ging.

Die erste Auktion?

Sturies: Ich hatte den Ehrgeiz, einen Katalog mit Adolf Hoelzel und seiner Schule zu machen. Von Ida Kerkovius hatte ich ein Ölbild von 1951 in intensiver Farbigkeit ausfindig gemacht. Es wurde für 16 000 Mark angeboten und ging für 24 000 nach Süddeutschland. Aber der Gesamtumsatz von 150 000 Mark war nicht so doll. Das meiste Geld ging an die Einlieferer.

Sie waren also noch nicht schuldenfrei?

Sturies: Überhaupt nicht. Das hat mehr als zehn Jahre gedauert. Wenn man nichts in der Tasche hat, dauert es lange, bis der Gewinn kommt.

Sie geben sich viel Mühe, wenn Sie ein Werk analysieren. Lohnt sich das?

Sturies: Das macht doch Spaß. Dabei kann mir keiner helfen.

Sie sind ein Einmannbetrieb?

Sturies: Ja, natürlich. Nur bei den Auktionen sind wir zu 15 oder 20 Leuten.

Das Auktionshaus Grisebach erzielte für ein Fotogramm von Moholy-Nagy rund eine halbe Million Euro. Wie finden Sie das?

Sturies: Dafür kann ich mir eine Wohnung kaufen oder in Schwarzafrika ein Jahr lang ein Dorf unterhalten. Das sind Relationen, die mit dem Einkommen eines Normalmenschen nichts mehr zu tun haben. Ich sage manchmal in meinen Auktionen: Regt Euch nicht auf. Es ist doch nur Kunst. Das kommt gut an, weil es wahr ist.

Kaufen hiesige Museen?

Sturies: Sie kaufen, aber es dauert lange, bis sie sich zu einer Entscheidung durchringen. Otto Coester zum Beispiel hatte in Böhmen bei einem Verleger gearbeitet, der als erster Franz Kafka auf tschechisch übersetzte und herausgab. In dessen Nachlass fand ich die Illustrationen, die Coester Ende der 1920er Jahre zu Kafkas Prozess gemacht hat. Diese kleinen Tuschezeichnungen bot ich dem Literaturarchiv Marbach an. Aber die gaben ihr Angebot per Post ab, anstatt mich anzurufen. Als ich den Brief öffnete, war die Auktion längst abgeschlossen.

Wer sind die Kunden Ihrer kleinen Preziosen?

Sturies: Eher Kunstkenner. Ich locke sie mit spezielleren Dingen. Bei mir gibt es nicht acht Seiten mit Günter Ueckers Prägedrucken, höchstens einen ganz frühen Prägedruck von 1962, einen der allerersten.

Wie kann man im internationalen Rummel bestehen?

Sturies: Will man das? Das Problem des Kunstmarktes ist doch, dass wir die Relevanz einer Sache am Geld messen. Aber ich habe das Gefühl, dass es auch noch einen anderen Maßstab gibt als den des Kapitals. Wichtig ist mir, dass über Kunst auch eine Kommunikation entsteht.

Wie kommen Sie an Waren?

Sturies: Über Empfehlung. Ich gehe aber auch ans Telefon, was die anderen nicht tun, denn die haben Personal. Eine Dame aus Münster schickte mir eine Aufstellung von Arbeiten aus dem Umkreis Folkwang in Essen. Lauter Dinge, die fast nichts kosteten. Die Dame hatte sich aber solche Mühe beim Schreiben des Briefes gegeben, dass ich ihr nicht rundum absagen wollte, sondern telefonierte. Sie hörte sich gut an. Die Stimme war gut. Ihre Pausen waren gut. Sie war sehr aufmerksam. So entschied ich schnell, bei ihr vorbeizukommen. Und siehe da, ihre Wohnung war voller Beckmann und Kirchner. So etwas bemerkt man nur, wenn man selbst ein Gehör hat. Ihre ganze Familie ist mir sehr zugetan.