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Ehemalige Zeugen Jehovas packen aus

Ehemalige Zeugen Jehovas packen aus

Frühere Mitglieder der Gemeinschaft haben sich in Garath getroffen und Erfahrungen ausgetauscht, darunter viele leidvolle.

Düsseldorf. Drei Jahre ist es jetzt her, seit Martina (alle Nachnamen sind der Redaktion bekannt) ihrer Familie offenbarte, dass sie keine Zeugin Jehovas mehr ist. "Du weißt, dass du falsch gehandelt hast, du weißt, dass du jetzt sterben musst", hätten Mutter und Schwester ihr daraufhin immer wieder drohend gesagt. Die 40-Jährige aus einem Düsseldorfer Nachbarort leidet seither unter Angstzuständen, Albträumen und lebt weitgehend isoliert von ihrer Familie.

Martina ist kein Einzelfall. Jetzt trafen sich ehemalige Mitglieder der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Garath zu einem Erfahrungsaustausch. Eingeladen hatte das Netzwerk Sektenausstieg, ein Verein, der sich seit zehn Jahren hauptsächlich um ehemalige Zeugen Jehovas kümmert.

25 Frauen und Männer saßen fast acht Stunden beisammen. Darunter auch der 30-jährige Michael, der seine Geschichte erzählt: "Ich hatte mit 17 Jahren sexuellen Kontakt zu einer Frau." Der sei jedoch vor der Ehe verboten und "eine schwerwiegende Verfehlung, wenn man Zeuge Jehovas ist". Doch Michael war in der Religionsgemeinschaft groß geworden und hatte Vertrauen in sie. Er berichtete ehrlich von seinem vermeintlichen Vergehen. "Es heißt ja, dass ich mein Verhältnis zu Gott nur bereinigen kann, wenn ich zu meinen Sünden stehe."

Sandra (27) berichtet von ähnlich leidvollen Erfahrungen: "Wir waren immer Außenseiter, schon in der Schule, weil wir nicht am Religionsunterricht teilnahmen, Karneval unverkleidet waren und weder Weihnachten noch Geburtstag feierten." Und: "Es ist schwer, einen neuen Wirkungs- und Freundeskreis zu finden, wenn man vorher so abgeschottet gelebt hat." Das Erlebte abzuschütteln, gelinge nur schwer. "Ich habe immer noch Selbstzweifel und fühle mich immer noch unbehaglich, wenn ich zum Geburtstag etwas geschenkt bekomme. Das sitzt alles ganz fest in einem drin."

Kontakt zu ihren Eltern hat die 27-Jährige auch nicht mehr, seit sie vor zehn Jahren der Glaubensgemeinschaft den Rücken kehrte. "Was ich erlebt habe, kann keiner verstehen." Daher sei für sie der Erfahrungsaustausch mit anderen Ehemaligen so wichtig. "Es gibt den Gott der Liebe, der nicht straft", ist sich Michael sicher.