Düsseldorfer Unternehmen wollen das Arbeiten hip machen

Arbeitswelt : Wie Düsseldorfer Unternehmen das Arbeiten hip machen wollen

Immer mehr Düsseldorfer Unternehmen bieten Mitarbeiten neue Privilegien. Das ist nicht ganz uneigennützig.

Wer bei Sipgate in Unterbilk seinen Job anfängt, wird irgendwann mal auf Cornelius Quabeck treffen. Der Künstler porträtiert jeden Mitarbeiter des Unternehmens. Die Zeichnung wird gemeinsam mit den anderen Bildern in einem Flur ausgestellt. Das zeige die Wertschätzung für den Mitarbeiter und nebenbei lerne man so auch die Kollegen kennen, sagt eine Sipgate-Mitarbeiterin, die vergangene Woche Teilnehmer der von dem städtischen Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft (Komkuk) organisierten Tour „Mission to the Makers“ durch den Unternehmenssitz an der Gladbacher Straße geführt hat.

Der Internet-Telefonie-Anbieter ist Vorreiter einer Philosophie, die das Wohlbefinden des Mitarbeiters stärker in den Mittelpunkt stellt und die – in unterschiedlicher Ausprägung – immer mehr Düsseldorfer Unternehmen aufgreifen. Die Ziele: effektiveres Arbeiten und eine höhere Attraktivität für Fachkräfte.

Sipgate verzichtet auf Titel, Gehälter sind transparent

Sipgate – das erfuhren die Gäste, die durch die Räume geführt wurden – habe keine Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen – obwohl das Unternehmen geringere Gehälter zahle als größere Konkurrenzunternehmen. 155 Mitarbeiter zählt das Unternehmen aktuell. Sie dürften sich stärker angezogen fühlen durch andere Dinge: Titel gibt es nicht, die Gehälter sind transparent, das unternehmenseigene Restaurant bietet kostenfreies Frühstück und Mittagessen an. Ein Relikt aus der alten Arbeitswelt gibt es noch: eine Stempeluhr – damit die Mitarbeiter nicht zu lange zu arbeiten, heißt es.

Einen solchen Zeitnehmer sucht man bei einem anderen jungen Unternehmen ein paar hundert Meter weiter vergeblich. Der Hotelsuchanbieter Trivago im Medienhafen setzt auf Vertrauensarbeitszeit. Die 1500 Mitarbeiter können sich ihre Arbeitszeit und ihren Urlaub frei einteilen. Die Liste der ungewöhnlichen Angebote wird an der Kesselstraße fortgeführt: In der Kantine gibt es elf Kochstationen, in 25 über das Gebäude verteilte Küchen stehen Getränke, Obst und Snacks gratis zur Verfügung. Konferenzräume werden nach Heimatorten von Mitarbeitern aus der internationalen Belegschaft benannt.

Bei Henkel helfen Experten bei Technikproblemen

Auch bei einem der größten Arbeitgeber in der Landeshauptstadt setzen die Verantwortlichen darauf, das Arbeitsumfeld zu verbessern. Seit diesem Sommer gibt es bei Henkel in Holthausen einen sogenannten Tec-Stop: Mitarbeiter können sich bei Technikproblemen an diese zentrale Anlaufstelle wenden. Experten führen kleine Reparaturen durch und bieten Schulungen an. Das Ziel ist es, die Akzeptanz von Technik zu erhöhen. Angeboten wird außerdem ein Wäscheservice. Und der Werksärztliche Dienst des Dax-Konzerns bietet Mitarbeitern zum Beispiel Faszien-Training oder eine „Aktive Pause“ an. Viele Räume in Holthausen würden mit den bunten Büromöbeln und Flächen zum Austausch auch bei einem Start-up nicht als unpassend auffallen.

L’Oréal hat mit dem Umzug in die neue Zentrale an der Johannstraße alte Arbeitsweisen geändert: Unabhängig von der Stellung im Unternehmen haben alle Mitarbeiter den gleichen Arbeitsplatz. Dieser muss jeden Abend geräumt werden. Zum Telefonieren geht man in eine schalldichte Kabine, damit die Kollegen nicht gestört werden. Und natürlich gibt es kostenlos Kaffee und Tee.

Bei Sipgate räumt man bei dem Rundgang ein, dass nicht jeder Arbeitnehmer den Wandel hin zur neuen Unternehmenskultur habe mitgehen wollen. 2010 habe das Unternehmen die Entwicklung unter Mithilfe einer Unternehmensberatung eingeleitet. Von den damals 70 Mitarbeitern sei ein Großteil gegangen. Es gebe durchaus Menschen, die einen Nine-to-Five-Job attraktiver fänden. Tatsächlich gibt es im Unternehmen Dinge, die für viele Arbeitnehmer ungewohnt sein dürften: Die Teams begeben sich regelmäßig in einen sogenannten Therapieraum, wo rund anderthalb Stunden darüber gesprochen wird, was zuletzt gut und was schlecht gelaufen ist. In Konferenzen können Mitarbeiter einfach den Raum verlassen, wenn sie den Eindruck haben, nichts Neues mehr lernen zu können. Die Teams stellen Mitarbeiter neu ein – und beschließen auch die Kündigung, wenn das Zusammenarbeiten nicht passt. Rund zehnt Prozent der Neueinstellung bestünden die Probezeit nicht. „Mittelmäßigkeit reicht leider nicht“, heißt es auf einer Unternehmensseite über Neueinstellungen.

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