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Düsseldorfer Unternehmen geht mit Integration gegen Fachkräftemangel vor

Integration : Düsseldorfer Unternehmen geht mit Integration gegen Fachkräftemangel vor

In Christian Klemms Betrieb haben mehr als die Hälfte der Mitarbeiter Migrationshintergrund. Dafür hat er einen Preis erhalten.

Das Büro der Firma Niepmann befindet sich in einem Hinterhof auf der Volmerswerther Straße. Die roten Autos der Firma sind bereits auf Montage. In dem kleinen Bau im hinteren Teil des Hofes scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Linoleumboden ist dunkelgrün, die Einrichtung könnte aus den siebziger Jahren stammen. An der Wand hängen Fotos vom 90-jährigen Bestehen des Betriebes. Ein Gruppenbild zeigt mehrere Männer in Blaumännern. Das war 1997.

Auch wenn das Büro an vergangene Zeiten erinnert, weht in dem Sanitär- und Heizungsbetrieb ein frischer Wind. Christian Klemm, der den Betrieb 2014 übernommen hat, steht im Hier und Jetzt. Er engagiert sich im Organisationsteam eines bundesweiten Aktionsbündnisses, das den Beruf des Sanitär- und Heizungstechnikers bekannter und vor allem attraktiver machen soll. Auf Instagram zeigen junge Handwerker mit vielen Fotos und wenig Text, wie vielseitig ihr Beruf ist. So will man dem Fachkräftemangel entgegentreten.

Flüchtlinge können hier ein zweiwöchiges Praktikum machen

Seit 2016 ermöglichte Klemm auch etwa zwanzig Flüchtlingen, den Beruf des Sanitär- und Heizungstechnikers in einem zweiwöchigen Praktikum kennenzulernen. Einer von ihnen ist Saber Auriakhil aus Afghanistan. Er wurde auf dem Weg nach Schweden in Neuss aufgegriffen. Inzwischen arbeitet er im dritten Lehrjahr bei Niepmann. „Er bekommt Nachhilfe, um Deutsch zu lernen, aber auch, um die Fachbegriffe zu lernen“, sagt Klemm.

Die Einstellung eines Flüchtlings gestaltet sich aber nicht immer einfach. „Ich habe noch nie so viele Unterlagen unterschrieben“, sagt Klemm. Er bürgt für Auriakhil, der die Wohnung eines befreundeten Dachdeckers gemietet hat. Ohne Klemm hätte der Flüchtling aus Afghanistan keine Chance bei der Wohnungssuche gehabt. Manchmal gebe es noch Pannen, wie eine vergessene Referenznummer bei der Begleichung der Stromrechnung. „Auriakhil zeigt von sich aus viel Engagement, bekommt aber auch viel Hilfe, um hier zurecht zu kommen“, sagt Klemm.

Für sein Engagement ist Christian Klemm im vergangenen November mit dem ersten Integrationspreis des Westdeutschen Handwerkskammertages ausgezeichnet worden. „Durch die offizielle Auszeichnung fühle ich mich sehr geehrt“, sagt Klemm, der betont, dass es Mehrarbeit bedeutet, sich zu engagieren. Andererseits sagt er selbstbewusst: „Wir können das!“ Bevor ein neuer Praktikant bei Niepmann anfängt, wird eine Checkliste abgearbeitet, damit alle Mitarbeiter wissen, wer wann kommt. Auch Arbeitskleidung und Schuhe stehen bereit, damit der Praktikant gleich auf Montage mitfahren kann und sich willkommen fühlt.

Früher kamen Migranten aus Italien und der Türkei, inzwischen hat Christian Klemm Angestellte mit Wurzeln in Russland, Thailand, Marokko, der Türkei und Afghanistan. Sechs der 13 Mitarbeiter haben die islamische Konfession. „Wir sind multikulturell“, sagt Tayfun Gecgel aus Düsseldorf. Der 21-jährige hat nach der Realschule seine Lehre bei Niepmann gemacht und ist jetzt als Monteur angestellt. Der Umgang unter den Kollegen sei gut, sagt Gecgel und erzählt, dass sie sich untereinander Spitznamen geben. „Aber nur wenn der andere damit einverstanden ist. Meist entsteht der Spitzname aus einem lustigen Ereignis, er ist nie beleidigend gemeint.“ Er ist in der Firma geblieben, weil er sich gut mit dem „Chef“ versteht, sagt Gecgel. „Hier zieht nicht jeder sein eigenes Ding durch, sondern wir arbeiten gemeinsam.“

„Mir ist egal, wo die Leute herkommen. Wenn jemand Interesse hat, kann er herkommen und ausprobieren, ob der Beruf etwas für ihn ist“, sagt Christian Klemm über seinen Antrieb, mit Menschen aus verschiedenen Nationen zu arbeiten. Er findet, dass Migranten die gestellten Hilfen besser nutzen als manch deutscher Schüler und redet sich über fehlerhafte und unvollständige Bewerbungen richtig in Rage. Aber auch hier ergreift Christian Klemm die Initiative: Er bietet demnächst ein Bewerbungstraining am Franz-Jürgens-Berufskolleg an, bei dem Schüler lernen können, worauf es Unternehmern ankommt. Sein Motto lautet: „Ich kritisiere gerne, aber ich will auch etwas ändern.“