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Düsseldorfer Privattheater-Chefs fürchten wegen Corona ein Sterben auf Raten

Düsseldorf : Privattheater-Chefs fürchten wegen Corona ein Sterben auf Raten

Auch bei einer Öffnung der Spielstätten bleibt ein Unsicherheitsfaktor: das Publikum und sein Verhalten

Corona-Pandemie, Lockdown und die überall geltenden Hygiene-Regeln könnten Spuren in der Theater-Landschaft Düsseldorfs hinterlassen, die sich keiner wünscht. Auf lange Sicht könnten Strukturen zerstört werden, die – in absehbarer Zeit – kaum wieder aufzubauen sind. Ein Sterben auf Raten droht einer vor zwei Monaten noch blühenden Landschaft von Privattheatern. Denn anders als die von öffentlicher Hand satt subventionierten Tempel der Hochkultur – wie Opernhaus, Tonhalle und Schauspielhaus – könnten in einem Jahr privat geführte Traditionshäuser wie das Kom(m)ödchen, das Theater an der Kö, die Komödie, Theater Takelgarn und andere vom Kulturfahrplan der Stadt verschwunden sein. Wenn es so weiter geht, spätestens im Herbst. Wohlgemerkt: Nicht durch eigenes Verschulden, sondern durch höhere Gewalt.

Um das zu verhindern und ein Zeichen zu setzen, suchen Kö-Theaterleiter René Heinersdorff und Kay Lorentz (Kom(m)ödchen) nach alternativen Spielstätten. Denn bei den überall geltenden Abstands-Regeln (1,50 Meter) können ihre Häuser keine Vorstellungen anbieten und dabei einen überlebensnotwendigen Gewinn erwirtschaften. Da hilft nur wenig, dass die Landesregierung Grünes Licht für die Öffnung der kleinen Theater gab. „Die NRW-Regierung schickt uns in die Wüste, aber ohne Wasser,“ sagt Heinersdorff. Knapp ein Viertel der Plätze dürften sie maximal verkaufen. Davon können aber weder Gagen noch Mieten bezahlt werden. Dann wäre es besser, die Theater dicht zu lassen. Heinersdorff: „Ein geschlossenes Theater kostet mich 20 000 Euro. Das Fünffache aber, wenn ich es öffne.“ Zumal Abstands- und Hygiene-Regeln für Toiletten-Benutzung und Theater-Gastronomie unklar sind.

Kürzlich überraschten Lorentz und Heinersdorff mit dem Vorschlag eines Theatertauschs. Boulevard-Theater ziehen auf die Opernbühne um, Lorentz‘ Kabarett indes ins Große Schauspielhaus. Die Idee ist nicht neu, beleben doch die Hamburger einmal im Jahr mit diesem Tausch ihr Kulturleben. „Verrückte Stunde“ nennt Hamburg das Konzept, das in der Corona-Krise kaum geeignet wäre, um Privattheater finanziell über die Runden zu bringen. Aber: „In dieser Situation, bei den geltenden Vorschriften, wäre es aus Düsseldorf ein deutschlandweit wirkendes Zeichen des Aufbruchs und der Solidarität,“ sagt Heinersdorff. Das gehe jedoch nur, wenn es alle wollen.

Wer bezahlt das
Aufsichtspersonal?

Oper und Schauspielhaus winken ab. Rheinterrassen, Messe und Henkel-Saal der Heinrich-Heine-Uni sind im Gespräch. Kay Lorentz hofft aber, Kom(m)ödchen-Produktionen eventuell im Robert Schumann-Saal spielen zu können. Auch wegen der lokalen Nähe zu seinem Haus. Knapp 800 Plätze im Kammermusiksaal des Kunstpalasts könnten sich eignen, um eventuell 100 Karten zu verkaufen. Schwierigkeiten könnten aber bei der Nutzung der Toiletten auftreten. Eine Frage, die die Schumann-Saal-Leitung in den nächsten Tagen klären will, so Lorentz. Klar muss vorher sein, wer die Miete und das Aufsichtspersonal bezahlt. Da wäre die Stadt am Zug. Doch der Kulturausschuss des Rates tagt erst am 6. Juni.

Die Schauspieler sind alle heiß darauf zu spielen, wollen aus der Passivität heraus, wären mit einem Bruchteil ihrer sonst üblichen Gagen einverstanden, so Lorentz. Er, Heinersdorff und Katrin Schindler (Komödie) würden auch während der Sommerferien ein Programm anbieten. Denn im Juli und August wird es vermutlich noch nicht den üblichen Reisetourismus geben.

Doch auch wenn die Stadt die Bedingungen schafft, bleibt ein Unsicherheitsfaktor: das Publikum. Wird es den Rufen an alternative Spielstätten folgen? Das wisse niemand, sagen Lorentz und Schindler – die Komödie steckt auch noch in einem schwebenden Insolvenzverfahren. Sind auch die Zuschauer ‚heiß‘ auf Theater und Kabarett? Oder scheuen sie die Nähe zu anderen Besuchern? Haben sie Angst, sich mit Corona zu infizieren? Das Schlimmste für alle wäre, wenn sich nur ein Zuschauer in einer Vorstellung anstecken würde. Eine solche Nachricht könnte schnell das wirtschaftliche Aus eines jeden Privattheaters bedeuten.

Was also kann die Stadt tun, um die Privattheater über die Krise zu retten? Heinersdorff, Sprecher der Pirvattheater im Bühnenverein, hat es ausgerechnet: „Eine geringe sechsstellige Summe pro Monat reicht, um alle kleinen Theater zu retten. Zumindest für ein halbes Jahr.“