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Musik: Düsseldorfer Metal-Band Callejon: Vorwärts in die Vergangenheit

Musik : Düsseldorfer Metal-Band Callejon: Vorwärts in die Vergangenheit

Callejon haben es mit ihrem neuen Album „Fandigo“ erneut in die Charts geschafft.

Düsseldorf. Nicht nur die Veröffentlichungen von JKP, der Plattenfirma der Toten Hosen (DTH, Broilers, Antilopen Gang) oder die der Gangster-Rapper Farid Bang und Kollegah schaffen es regelmäßig, die Charts in Deutschland und Österreich zu erobern: Auch der bislang nur Eingeweihten bekannten Metalcore-Band Callejon gelang nun bereits zum fünften Mal hintereinander der Einstieg in die Album-Charts (Platz 9).

Vor einer Woche wurde Callejons siebtes Studioalbum „Fandigo“ veröffentlicht und durchaus kontrovers aufgenommen. Wie so oft sind alte Fans mit einem Kurswechsel ihrer Helden nicht einverstanden. Aber die Band wollte sich weiterentwickeln. „Das Album hat eine neue Ausrichtung. Es ist zum Beispiel völlig unironisch, was für uns sehr ungewöhnlich ist“, sagt Sänger und Frontmann „BastiBasti“ Sobtzick. Mit der 43-minütigen, wutschnaubenden Abrissbirne „Wir sind Angst“ hat „Fandigo“ nun wirklich wenig gemein. Radiotauglicher Deutsch-Pop oder Kuschelrock ist es aber nun auch nicht gerade geworden.

Themen wie Kannibalismus und andere Obsessionen werden umgesetzt, trotzdem könnten Songs wie „Utopia“ oder „Monroe“ durchaus auch im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt werden. „Der Vorgänger war sehr wütend, sehr aufgeladen von den Stimmungen, die zur Produktionszeit in der Luft schwebten. Alles musste nach draußen, die ganze Angst, der Zorn. Auch musikalisch, alles laut, heftig. ‚Fandigo’ ist die logische Konsequenz daraus. Alles, was wir befürchtet hatten, ist wahr geworden: der Brexit, Trump als Präsident, die AfD. Jetzt geht es aber darum, zu reflektieren, wie gehe ich mit der Sache um? Wir prangern nicht mehr an, sondern sprechen aus, wie wir uns in dieser neuen Welt fühlen. Eine Reaktion ist sicherlich auch die Flucht aus der Realität, die Fokussierung auf Persönliches.“

„Frag mich nicht, was morgen ist. Ich bin noch nicht so weit“: Geschrei und Gebolze gibt es also kaum noch. Stattdessen verblüffen die Thirtysomethings mit Elektronik und sanften Klängen. Stärker als zuvor werden Beats und Stimmeffekte in den Vordergrund gerückt.

Das melancholische „Noch einmal“ betrauert die verlorene Jugend, „Mit Vollgas vor die Wand“ ist (trotz des martialischen Titels) eine musikalisch weichgezeichnete Selbstzerstörungsballade, in der es auch um Selbstverwirklichung und künstlerische Emanzipation geht. Anscheinend haben sie ein wenig in den Plattensammlungen ihrer Väter gestöbert. Mehrmals fühlt man sich in die 80er Jahre entführt. Bands wie Tears For Fears, Joy Division und Depeche Mode sollen ihre neuen Kompositionen beeinflusst haben. Das vergessene Alte ist ja oft das schöne Neue. Außerdem betonen die Bandmitglieder gerne ihre Erwachsenwerdung. Was sich auch in der Bühnenpräsenz widerspiegelt. Die martialische Gesichtsbemalung hat BastiBasti bereits vor vier Jahren Nachahmern wie Eskimo Callboy überlassen. „Außerdem fordere ich weniger zum Springen und Mitsingen auf. Ich finde es viel schöner, wenn so etwas von alleine passiert.“ Das Release-Konzert im Altstadtclub „The Tube“ war trotzdem eine solch schweißtreibende Angelegenheit, dass die Show für eine zehnminütige Trinkpause unterbrochen werden musste. „Die Leute wären sonst reihenweise umgekippt.“

Dass die Band sich verantwortungsvoll um ihre Fans kümmert, hat sie schon mal in der Boulevardpresse zu den „Helden von Köln“ gemacht. Am 10. November 2012 brachen sie das Finale ihrer „Blitzkreuz“-Tournee vor 2000 Menschen in der Live-Music-Hall in Ehrenfeld ab, nachdem Deckenteile auf Zuschauer herabgestürzt waren. Elf Personen wurden leicht verletzt. Größerer Schaden wurde durch die schnelle Reaktion der Band und der Besonnenheit des Publikums verhindert. Das Konzert wurde ein paar Wochen später nachgeholt. Da man Callejon auch schon als Düsseldorfs Antwort auf Linkin Park bezeichnet hat, bereitet die düstere Grundstimmung angesichts des kürzlich geschehenen Selbstmordes des depressiven Linkin Park-Sänger Chester Bennington ein wenig Sorge. „Keine Angst“, lacht Bassist Thorsten Becker die Bedenken weg, „soweit ich weiß, hat keiner von uns suizidale Tendenzen. Die düstere Grundstimmung gehört einfach zu uns. Und wer sich sehenden Auges in der Welt umsieht, muss schon sehr naiv sein, wenn er optimistisch in die Zukunft blickt.“