Düsseldorfer Händlerin erklärt ihre Sicht auf Second-Hand-Mode

Kleidung : Düsseldorfer Händlerin: „Gebrauchte Kleidung hat Charakter“

Ute Schaer führt den urigen Second-Hand-Laden an der Wallstraße. Sie kann das neue Tempo von „Fast Fashion“ nicht gutheißen.

Gedämmtes Licht, verwinkelte Nischen und alte, stilvolle Koffer – Ute Schaers Geschäft „Vintage Paradise“ ist wohl das genaue Gegenteil zu einem herkömmlichen Fast-Fashion-Bekleidungsgeschäft. Den Second-Hand-Laden in der Düsseldorfer Altstadt hat die gelernte Stylistin vor knapp fünf Jahren übernommen und mit der Zeit ihre eigene, ganz persönliche Note mit einfließen lassen. Kunden finden hier handbemalte Lederjacken, Pelzmäntel, mit Pailletten bestickte Röcke, bunte Blusen und extravagante Stiefel. Manche Stücke in Schaers Laden stammen von Marken wie Gucci oder Prada. Doch nicht wenige kommen ohne ein großes Markenlabel aus. Die Mode bezieht sie von Händlern aus Amsterdam oder aus Belgien und so ist jedes Stück in ihrem Laden ein Unikat.

Diese Mischung kommt wohl gut bei ihren Kunden an – denn zu denen zählen neben einem Publikum aus Schauspielern und Musikern auch viele junge Leute. „Super, dass ich das nicht neu kaufen muss“, ist mittlerweile ein Satz geworden, den die 61-Jährige oft hört. Das Konzept Second-Hand ist vielseitig und so ist es nicht immer offensichtlich, dass die Kleidung tatsächlich schon mal getragen wurde. Mode sei ein Kreislauf, sagt Schaer, und einige Trends aus den Generationen ihrer Großmutter und ihrer Mutter würden zurück ins Heute kommen und immer wieder modern werden. Sie macht sich darum dafür stark, Kleidungsstücke ein wenig länger im Kleiderschrank aufzubewahren. Denn auch Mode sei ein Weg, der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen und das eigene Wesen zu unterstreichen.

Ein Konzept, dem sich auch Influencer, beispielsweise durch das Fotonetzwerk Instagram, bedienen. Sie bringen Mode und andere Stylinggegenstände durch persönliche Anpreisung und Kooperation mit ausgewählten Unternehmen unter die Leute. Neue Mode, oft nur einen Wisch entfernt. Das gibt dem Kleidungs-Kauf ein ganz neues Tempo. Aber Ute Schaer nutzt kein Instagram und ist auch keine Influencerin; zumindest nicht im herkömmlichen Sinne.

Extravagante Second-Hand-Kleidung gibt Geschäft Vintage-Paradise an der Wallstraße. Foto: Frederike Grund

Abgewetzte Lederjacken zeigen besonders viel Charakter

Schaer schätzt Second-Hand-Kleidung aufgrund des Charakters, welchen jedes Kleidungsstück über die Jahre entwickelt hat – besonders gut zu sehen bei abgewetzten Lederjacken. Diese sähen dann noch ein Stückchen interessanter, noch ein Stückchen individueller aus. Kleidung mit Geschichte also, die Menschen mit Geschichte repräsentiert, darstellt und einzigartig macht.

Die wachsende Fast-Fashion-Branche um Läden wie Primark, Zara und den schwedischen Modekonzern H&M beobachte sie aufmerksam; teils mit Unverständnis aufgrund der vielen identischen Kleidungsstücke. Denn trotz der oft wechselnden Kollektionen und der schnell produzierten Mode gleichten sich die heute getragenen Kleidungsstücke stark. Ute Schaer wünscht sich darum den Stilbruch, das Provokante. Sie wünscht sich die Mischung: „Karierte Maiglöckchen mit etwas Gestreiftem oder Blümchenkleider mit Schuhen von Dr. Martens“. Eine Gegnerin von Zara & Co sei sie zwar nicht, verkaufe allerdings auch keine Stücke der besagten Läden.

Denn diese wechseln ihre Modekollektionen schnell aus. Fast-Fashion-Mode, die von Konsumenten und Kaufrausch-Events wie dem „Black Friday“ weiter befeuert wird. 60 neue Kleidungsstücke kauft der Deutsche Konsument durchschnittlich pro Jahr, wobei jedes fünfte Kleidungsstück nie getragen wird.  Ähnlich sieht es im deutschen Onlinehandel für Mode aus. Hier landet zurückgeschickte Ware oftmals nicht wieder im Verkauf, sondern im Müll – so das Ergebnis einer Greenpeace-Umfrage zum Kauf-und Retouren-Verhalten bei Online-Bestellungen vom November 2018. Persönliche und nachhaltige Beratung? Fehlanzeige. Genau das ist es jedoch, was Ute Schaer besonders schätzt: Den Kontakt zu ihren Kunden und die persönliche Beratung, die durch von Ketten unabhängige Läden wie dem ihren erst möglich wird. Schaer wünscht sich darum weniger Bewertung in der Mode. „Jeder soll seine eigene Persönlichkeit mit den Sachen unterstreichen“.

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