Düsseldorfer Einkaufs-Legenden: Lütgenau, Evertz und Mata-Hari-Passage

Düssel-Flaneur : Einkaufs-Legenden: Lütgenau, Evertz und die Mata-Hari-Passage

Bei Lütgenau waren es Spielsachen, bei Funkhaus Evertz, Schlembach und im Musicshop Schallplatten und CDs und im Stern-Verlag Bücher: Eine „Shoppingtour“ entlang verschwundener Geschäfte – mit einem Finale an der Mata-Hari-Passage.

11 Uhr. Das Geschäft ist seit einer Stunde geöffnet.
„Sollen wir mal reingehen?“, frage ich. „Ich war da seit Ewigkeiten nicht mehr.“

„Ich traue mich nicht“, sagt mein bester Freund P., der sich normalerweise fast alles traut, und grinst. Unschlüssig stehen wir vor dem Schaufenster.

„Als Kind hätte ich hier Stunden verbringen können“, sage ich.

Mein Begleiter nickt bestätigend: „Das war wie im Paradies, die hatten alles!“

„Noch dazu auf zwei Ebenen“, ergänze ich.

Damenbekleidung in Übergrößen springt uns ins Auge. Shirts, Jacken, Jeans. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ja, wir stehen vor einer Filiale der Modekette Ulla Popken. Nein, das Sortiment – Slogan „Mode bis Größe 68“ – ist und war nicht der Grund unseres Besuchs. Vielmehr haben wir an diesem Vormittag (wieder mal) kollektive Erinnerungsorte im Visier. Und das Geschäftslokal in dem Pracht-Altbau an der Graf-Adolf-Straße 15 ist unsere erste Station.

Bis vor acht Jahren residierte an eben dieser Stelle das weit über die Grenzen Düsseldorfs hinaus bekannte Spielwarengeschäft Lütgenau, schon von weitem zu erkennen an der himmelblauen Hausfassade. 2010 musste das Familienunternehmen, in dem sogar Fußball-Legende Pelé, die Schweden-Popstars von Abba sowie Queen Elizabeth II. Spielzeuge gekauft haben, schließen. Tenor der Inhaber – nach 134 Jahren, in denen Lütgenau-Spielzeuge Generation für Generation Kinderherzen höherschlagen ließen: Es sei nicht mehr rentabel.

„Ich weiß noch, dass ich hier Ende der 70er die Big-Jim-Figuren von Winnetou und Old Shatterhand bekommen habe“, erzählt mein bester Freund P.

„Bei mir waren es Cowboys, Indianer und Nordstaaten-Soldaten von Playmobil- und Play-BIG“, sage ich. „Und als Krönung haben mir meine Eltern das Playmobil-Fort gekauft.“

Wir beschließen: Dieser Ort verliert für uns den letzten Hauch seiner Lütgenau-Magie, wenn wir ihn betreten. Also besser weiterschlendern zum nächsten verschwundenen Geschäft auf unserer „Shoppingroute“. Es liegt nicht mal zwei Fußminuten entfernt und passt, wenn man die Chronologie unserer Kindheit und Jugend zu Grunde legt, auch zeitlich: Königsallee 63-65, Ecke Aderstraße. Zu unserer Teenager-Zeit kamen wir hierher, um im Funkhaus Evertz auf Kopfhörern die aktuellen Alben anzuhören – und hin und wieder zu kaufen. Unabhängig voneinander, denn damals kannten wir uns noch nicht. Heute warten die Evertz-Räume am Süd-Ende der Kö, in denen zuletzt ein Fitnessstudio untergebracht war, „traurig“ auf einen neuen Mieter.

Als wir vor dem Eckgebäude stehen, tauchen in meinem Kopf längst vergessene Szenen auf – als sei eine Erinnerungskapsel geplatzt: Ich stehe Ende der 1980er an der Evertz-Kasse und bezahle eine CD. Allerdings ist sie nicht in Folie verschweißt, sondern in eine aufwendige Papp-Folien-Verpackung gezwängt – und somit drei bis vier Mal so groß. Wahrscheinlich eine Anti-Diebstahl-Maßnahme aus einer Zeit, als Compact Discs gerade dabei sind, Schallplatten zu verdrängen. Plötzlich habe ich wieder die ganz- bis mehrseitigen Evertz-Anzeigenkampagnen vor Augen, über die die halbe Stadt spricht. Die Hits aus den Album- und Single-Charts werden dort ebenso angepriesen wie innovative Elektro-Geräte. Kurzum: Das Funkhaus Evertz ist in unserer Jugend Düsseldorfs bekanntestes Hifi- und Plattengeschäft (Düsseldorfer Musikfreaks fahren damals auch gerne mal nach Köln, wo auf dem Hansaring im ersten Saturn-Markt der Republik die angeblich „größte Schallplattenschau der Welt“ lockt).

Ein Prospekt des Funkhaus Evertz. Foto: Evertz

Als hätte sich sein Unterbewusstsein mit meinem synchronisiert, strömen nun auch bei P. die Erinnerungen: „Im Erdgeschoss gab es Musik, und im Keller war der Elektro- und Hifi-Bereich“, sagt er. “Ich glaube, ich habe hier sogar mal einen Computer gekauft – Commodore 64 oder Amiga 500 oder so.“

Derweil sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie ich nicht über den Haupteingang an der Königsallee, sondern über einen langen Gang vom Graf-Adolf-Platz aus das Funkhaus Evertz betrete. Mein bester Freund P. ist überzeugt, der Nebeneingang sei erst später, Anfang der 1990er geschaffen worden. Ich meine mich zu erinnern, dass das Funkhaus Evertz zu eben dieser Zeit verschwunden ist. Überprüfen lässt sich das nicht mehr, zumindest nicht online: Über die Google-Suche finden sich zu dem Geschäft erstaunlich wenige Informationen und nicht ein einziges Foto – durchaus typisch für Orte, die ihre Hochzeit vor dem Siegeszug des Internets und der digitalen Fotografie erlebten. Nur so viel: Mit-Inhaber Helmut Evertz hat das Geschäft 1988 an die Rewe-Gruppe verkauft, nach 30 erfolgreichen Jahren. Und wenn man den autobiografischen Roman „Hotel Laguna“ des in Düsseldorf geborenen Autors Alexander Gorkow liest, erfährt man außerdem, dass bei Evertz in den 1970ern ein „Jazz-Mann“ arbeitete, der Gorkows Vater regelmäßig mit Neuerscheinungen versorgte.

P. fallen jetzt sogar die Namen der Konkurrenten ein, die lange Jahre schräg gegenüber von Evertz residierten, in den Räumen der heutigen Aldi-Filiale: „Erst Schossau, später MediMax – aber Evertz war um Längen besser.“ Anders gesagt: Für uns als Teenager war das Funkhaus Evertz in den 80ern quasi der Stern-Verlag der Plattenladen-Szene. Man konnte stundenlang stöbern – und sich dabei verlieren und die Zeit vergessen. Weil über Deutschlands ehemals größte und von vielen Düsseldorfern immer noch schwer vermisste Buchhandlung bereits „genug“ geschrieben worden ist – sogar einen öffentlichen Abschiedsbrief soll der Stern-Verlag kurz vor seiner Schließung 2016 erhalten haben – sparen wir uns den Um-die-Ecke-Abstecher zur Friedrichstraße. Stattdessen spazieren wir in entgegengesetzter Richtung weiter. Zur Berliner Allee.

11.30 Uhr. Während wir die im vergangenen Frühling eröffnete Edeka-Zurheide-Filiale durchqueren, habe ich die ehemals bienenwabenartigen Design-Kacheln der Außenfassade vor Augen. Und dann erzähle ich P., wie ich hier – noch vor den regelmäßigen Evertz-Besuchen – im Warenhaus Horten meine letzten „Drei ???“-Kassetten und meine ersten Musik-Schallplatten gekauft habe. Horten, das ist die „Basis“, von der aus ich als Kind und Jugendlicher nach und nach die Stadt entdecke: das erste Geschäft im Zentrum, zu dem ich alleine mit der Linie 701 von der Bilker Haltestelle „Uni-Kliniken “ aus „anreise“. Ist ja auch einfach: Raus aus der Bahn, zwei Fußgängerüberwege passiert, rein in die Musikabteilung.

Kurz vor der Eröffnung von Horten an der Berliner Allee am 24. März 1966. Foto: Jürgen Retzlaff

„Und was hast du hier damals so gekauft?“, fragt mein bester Freund P. und zieht eine Augenbraue hoch.

„Zum Beispiel das 1983er-Debütalbum von Nena und 1984 die LP ,Forever Young’ von Alphaville.“

Mein so geschmackssicherer wie zuweilen arroganter Freund grinst – und dann sagt er mit spöttischem Unterton: „Sounds like a melody“. Und bevor ich ihn fragen kann, welche exquisiten Platten er sich denn mit 12 oder 13 Jahren von seinem Taschengeld geleistet hat, strebt er bereits feinkostflankiert Richtung Ausgang.

„Sollen wir noch kurz bei Schaulandt vorbeischauen?“, fragt P., als wir auf die Oststraße treten, und nickt dabei mit dem Kopf Richtung Graf-Adolf-Straße.

Lütgenau ist 1873 gegründet worden und schloss 2010. Foto: JA/Arend

„Hast du da früher oft eingekauft?“, frage ich zurück.

„Eher selten“, sagt P. „Aber das Logo mit dem weißen Gespenst vor schwarzem Hintergrund – das war genial!“

11.45 Uhr. Weiter zu Schlembach an der Friedrich-Ebert-Straße 16. Zu unserer Jugend in den 1980ern konnte man hier Fahrräder und Schallplatten kaufen.

„Eigentlich eine ziemlich gewagte Kombi“, sagt mein bester Freund P., als wir vor dem Gebäude stehen „Oder hatten die auch noch Elektrogeräte im Programm?“

„Hab ich vergessen“, sage ich. „Jedenfalls hat sich Schlembach bei den Album-Neuerscheinungen jahrelang spektakuläre Preiskämpfe mit Evertz geliefert.“

Heute werden vor Ort zwar keine Platten, jedoch weiterhin Fahrräder angeboten. Sogar der Name „Schlembach“ ist erhalten geblieben. Offiziell heißt das an eine Kette angeschlossene Geschäft mit gelbumrandetem Schriftzug inzwischen: Lucky Bike Schlembach.

„Apropos gelb“, sage ich. „Gab es nicht direkt gegenüber von Schlembach noch ein weiteres Elektro- und Musikgeschäft, mit gelber Außenfront?“

P. brilliert als gedächtnisstarke Datenkrake: „Klar, Medialand – aber deren Plattenabteilung war eher durchschnittlich.“

12.15 Uhr. Flinger Straße. Die Young-Fashion-Meile der Altstadt. Als wir vor der Hausnummer 50 stehen, wo heute der Schuhhändler Office London und das Modelabel Gina Tricot auf Kundschaft warten, erinnern wir uns an den Musicshop – eine weitere feste Größe der Plattenladenszene unserer Jugend. Wieder spielt die Farbe „gelb“ eine Rolle: „Die haben die verkauften Platten immer in gelbe Plastiktüten mit Musicshop-Schriftzug gesteckt“, meint sich mein bester Freund P. zu erinnern.

Ich widerspreche: „Nein, ich glaube, die Tüten waren schwarz, mit weißen Logo.“ Und gleichzeitig denke ich: P. war sicher so einer, der Musicshop-Tüten mit in die Schule genommen hat, um sich dezent und gleichzeitig unübersehbar als Bescheidwisser zu inszenieren.

Der Musicshop an der Flinger Straße (Ende der 70er). Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Dann zeige ich auf das gegenüberliegende Haus Nr. 37: „Hast du mir nicht mal erzählt, du hättest dort als Verkäufer gejobbt, während deines Zivildienstes?“ Mit „dort“ meine ich nicht den heutigen Mieter – den Flagshipstore des Modelabels PME Legend –, sondern den damaligen: Factory, ein Multilabel-Store mit damals populären Marken wie Chevignon, Blue System, Marc O´Polo, Naf Naf, Windsurfing Chiemsee. „Wer weiß“, sage ich, „vielleicht hast du mir damals sogar höchstpersönlich eine Levis 501 verkauft.“

Mein „Generation Golf“-Genosse P., der erstaunlich viele Düsseldorf-Jugend-Erinnerungen mit mir teilt, obwohl ich ihn erst zu Beginn des Studiums kennen gelernt habe, möchte sein Mode-Verkäufer-Kapitel gar nicht erst öffnen: „Vergiss es, lass uns lieber mal Richtung Mata Hari spazieren.“

12.30 Uhr. Die Mata-Hari-Passage: über schwarz-weißes Schachbrett-Trottoir sowohl von der Hunsrücken- als auch von Bolker- und Flinger Straße aus erreichbar.. Schuh- und Modeläden, ein Friseur, ein Tattooladen, ein plüschiges Café, ein palmenbestandener Brunnen, im hinteren Bereich zwei alternative Plattenläden („Sounds Good“ und „Studio 33“). Kaum ein verschwundener Ort löst bei Düsseldorfern ein dermaßen intensives, wohltuendes, wehmütiges „Weißt du noch?“-Pingpong aus. Eine Nische zwischen Glamour und Subkultur. Bunt, grell, schräg, anders – und doch für vollkommen unterschiedliche Menschen anschlussfähig. Kein Wunder, dass die Einkaufspassage heute sogar bei Stadtführungen ein Thema ist.

Der Brunnen in der Mata-Hari-Passage. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

„Krasser als durch einen Burger King hätte man die einmalige Aura nicht killen können“, konstatiert mein bester Freund P., als wir vor dem ehemaligen Haupteingang stehen. Wie es hier bis 2002 aussah, kann man nur noch erahnen. „Und jetzt schieben sich die Leute in den heiligen Hallen Doppel-Whopper mit Pommes zwischen die Kiemen“, schimpft P.

Weil er eine Skater-Vergangenheit hat, ist P.s Verhältnis zur Mata-Hari-Passage intensiver als meines. Sein Redefluss ist nicht zu stoppen: „Als Teenie habe ich hier in der Gegend fast jeden Nachmittag mit meinen Leuten abgehangen, von 1988 bis 1990. Auf dem Platz vor dem Carsch-Haus haben wir Tricks geübt, und zwischendurch sind wir durch die Passage gecruist. Erste Anlaufstelle war dort ein Geschäft mit Skateboards und Skater-Mode, direkt neben Sounds Good. Im Umfeld der Passage trafen sich aber auch Mods und Scooter-Boys. Ein paar von denen haben auch geskatet, und abends sind wir oft gemeinsam ins Line Light feiern gegangen.“

13 Uhr. Unser Streifzug geht zu Ende. „Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass es vom Funkhaus Evertz und von der Mata-Hari-Passage kaum Fotos gibt“, resümiert mein der Zukunft zugewandter Freund P. bei der Verabschiedung. „Wer sich unbedingt an die Vergangenheit erinnern möchte, sollte sich dafür ruhig ein wenig anstrengen.“ Und als er sich bereits auf sein Rennrad geschwungen hat, legt er nach, verkündet in der ihm eigenen Mischung aus Ironie und Ernst: „Es gibt nichts Gesünderes für Körper und Geist als Erinnerungsanstrengungen!“

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