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Düsseldorfer Bäcker Michael Hinkel: Irgendwann musste mal Schluss sein

Interview : Mit Tränen in den Augen - Bäcker Hinkel erklärt, wie es ihm geht und warum jetzt Schluss sein musste

Nach 22 Jahren hat die Traditionsbäckerei Hinkel an Heiligabend das letzte Mal geöffnet gehabt. Viele Kunden wollen es nicht glauben. Im Interview spricht Michael Hinkel über das Wie und Warum.

Wir treffen Michael Hinkel in seiner Backstube am Burgplatz. Seit 3 Uhr am Donnerstagmorgen hat er die Bestellungen für Großkunden gebacken. Doch Silvester ist auch damit Schluss. Seine drei Filialen hatte er Heiligabend zum letzten Mal geöffnet. Hinkel äußert sich zu den Gründen und seinem Befinden. Als er erzählt, wie er sich am 24. Dezember von seinem Meister nach 22 Jahren verabschieden musste, bleibt ihm die Stimme weg und seine Augen werden feucht.

Herr Hinkel, Heiligabend war der letzte Verkaufstag vor dem Rathaus (Burgplatz 9), in der Glockenstraße und Am Wehrhahn, wie war das?

Hinkel: Das war ganz schön blöd. Aber auch all die Tage vorher schon. Eine Frau hat geweint, mich als besten Bäcker Düsseldorfs bezeichnet, ich habe Blumen, Karten und Glückwünsche für die Zukunft bekommen — aber irgendwann muss mal Schluss sein.

Warum?

Hinkel: In allen drei Läden gingen die Umsätze zurück. An der Glockenstraße beispielsweise haben wir seit der Schließung zur Münsterpassage täglich 100 Kunden weniger gehabt. Die Menschen sind bequem.

Und wie sah es an den anderen Standorten in Düsseldorf aus?

Hinkel: Am Wehrhahn haben wir jahrelang mit der U-Bahnbaustelle gekämpft und uns nicht berappelt. Und am Burgplatz sind viele Ämter weggegangen, da blieben die Mitarbeiter aber auch der Publikumsverkehr für uns als Kunden weg. Außerdem hatte die Stadt uns Kurzzeitparkplätze am Burgplatz zugesagt, stattdessen gibt es dort nun eine Feuerwehrbewegungszone mit absolutem Halteverbot. So kann man mit den Gschäftsleuten nicht umgehen. Zudem verlässt die Sparkasse die Altstadt 2019, auch das waren meine Kunden.

Es gibt aber noch weitere Gründe?

Hinkel: Ja, ich habe keinen Nachfolger gefunden. Meine beiden Kinder Nadine und Niklas wollen die Bäckerei nicht übernehmen. Ich verstehe das und ich danke den beiden, dass sie mir in den vergangenen schweren Wochen so geholfen haben, ob im Verkauf oder beim Ausfahren.

Sie wollen zudem aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten.

Hinkel: Ich hatte Anfang 2017 einen leichten Schlaganfall. Der Arzt sagte mir, das sei ein Warnschuss. Bevor ich krank werde und meine Frau Petra das alles abwickeln muss, mache ich das selber. Außerdem habe ich den letzten Jahren fast täglich 13 oder 14 Stunden gearbeitet, auch sonntags mindestens sechs. Ich möchte noch etwas vom Leben und meiner einjährigen Enkelin haben.

Was steht jetzt bei Ihnen an?

Hinkel: Ich möchte so viel wie möglich aus der Backstube verkaufen. Knetmaschine, Tische, Verpackungsmaterial. Allein für das Abholen und Entsorgen der Einrichtung am Wehrhahn zahle ich ein paar tausend Euro. Ich habe eine e-mail an alle Kollegen in Düsseldorf geschickt, ob sie etwas gebrauchen können. Auch meine bekannte Schaufensterdeko mit der Weihnachtsbäckerei gehört dazu.

Nehmen Sie auch etwas mit nach Hause?

Hinkel: Ich habe bislang nicht Zuhause gebacken. Aber eine Brotform mit unserem Namenszug oder ein Teigschaber werden es schon sein. Für viel mehr wird der Platz nicht reichen.

Ihr Cousin ist der sehr bekannte Bäckermeister Josef Hinkel. Welchen Kontakt haben sie zueinander, und wie hat er auf Ihre Entscheidung reagiert?

Hinkel: Wir haben sehr gut in der Innung zusammengearbeitet, er als Obermeister und ich als Lehrlingswart. Wir verstehen uns sehr gut. Ich habe übrigens auch täglich das Laugengebäck von ihm bekommen. Er versteht meine Entscheidung. Und gerade warte ich auf seinen ersten Mann, der schauen will, was er noch aus meiner Backstube nutzen könnte.

Sie hatten viele Mitarbeiter, machen Sie sich um die Gedanken?

Hinkel: Natürlich. Zu Beginn des Jahres waren es noch 20, zuletzt 13. Mit einem gab es eine gerichtliche Auseinandersetzung, aber ich sehe für alle gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die werden mit Kußhand genommen.

Was machen Sie, wenn Sie die Filialen leer und alles abgewickelt haben?

Hinkel: Nun, ich bin 61 und muss noch weiterarbeiten. Ich habe auch Angebote, aber ich habe mich noch nicht entschieden, muss alles mal sacken lassen.

Sie wurden schon als bester Bäcker in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet, weitere Ehrungen folgten. Was zeichnet Ihre Backkunst aus?

Hinkel: Ich habe das Geschäft ja 1991 von meinem Vater übernommen. Ich habe nach und nach fast alle zugekauften Produkte rausgeschmissen und alles selber gemacht. Wir hatten beispielsweise 20 Sorten Weihnachtsgebäck, alles aus eigener Herstellung. Zudem habe ich auf fertige Backmittel verzichtet und auf magenfreundlicheren Sauerteig gesetzt. Meiner Meinung nach waren wir ein guter Betrieb, aber gegen Ketten und Discounter kommt man preislich und bei der Erreichbarkeit nicht an.

Herr Hinkel, bislang wohnen Sie auch im Haus über der Bäckerei. Aber sie wollen die Altstadt verlassen. Warum?

Hinkel: Ja, ich bin zwar Altstädter, bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe hier gelebt und gearbeitet. Aber, wenn man jeden Sonntag die Garage putzen muss, Alkoholisierte morgens um 6 ins Ladenlokal kommen und es nicht mehr verlassen wollen. Es hat sich hier viel verändert. Ich werde mit meiner Frau an den Stadtrand ziehen. Ich werde manche Sachen in der Altstadt sicher nicht vermissen, aber es tut schon auch weh.