Düsseldorfer Arzt zu Rauchen und Krebs: „Der Körper vergisst nie“

Medizin : Rauchen und Krebs: „Der Körper vergisst leider nie“

Obwohl die Anzahl der Raucher zurückgeht, steigt die Tumorquote. Der Urologe David Schulz von der Golzheimer Klinik erklärt den Zusammenhang zwischen Rauchen und Blasenkrebs. Und was im Ernstfall zu tun ist.

Vor wenigen Tagen war „Weltnichtrauchertag“. Nach wie vor ist das Rauchen auch in Deutschland eine Hauptursache für Krebserkrankungen, ganz besonders gilt das für Blasenkrebs, wie Dr. David Schulz von der urologischen Paracelsus-Klinik in Golzheim im Interview erklärt.

Wie entsteht denn ein Harnblasenkarzinom?

David Schulz: Man kann da pauschalisieren: Rauchen, also Nikotin und die mindestens 40 cancerogenen Stoffe, die beim Rauchen vorhanden sind, führen in den Industrieländern primär zu rund einem Drittel aller Krebserkrankungen. Allein das Rauchen ist bei Krebs in Mundhöhle und Lunge sogar zu 90 Prozent Schuld. Was viele nicht wissen: Bei Niere und Blase ist das Rauchen für die primären Karzinome die häufigste Einzelursache.  Es gibt natürlich auch genetische Prädispositionen, es kann aber auch schon reichen, wenn man als Jugendlicher nur wenige Jahre geraucht hat.

Ab wann darf ich mich, was den Blasenkrebs angeht, sicher fühlen?

Schulz: Leider nie, wenn man einmal geraucht hat. Es kann tatsächlich eine Latenzzeit von 10, 15, 20 Jahre geben und erst dann kann ein Karzinom ausbildet werden. Generell empfehlen wir: Erst gar nicht anfangen und wenn man schon Raucher ist, dann so schnell aufhören wie möglich. Denn die Gefahr steigt potenziell. Je länger man raucht, desto größer ist die Gefahr, dass man ein Harnblasenkarzinom bekommen kann. Der Körper vergisst leider nie.

Woran liegt das speziell bei der Harnblase?

Schulz: Die Harnblase mit ihrer Reservoirfunktion ist besonders gefährdet. Denn die ganzen giftigen Stoffe, die beim Rauchen entstehen, werden zunächst teilweise „abgefiltert“, was schon mal den Nierenkrebs fördern kann. Andere krebserregende Stoffe werden aber ungefiltert durch die Niere in die Harnblase mit dem Urin abgegeben. Dies führt auf DNA-Ebene zu Umwandlungsprozessen und oxidativem Stress mit hohem Risiko von Entartungen einzelner Zellen und so Ausbildung eines Harnblasenkarzinoms.

Wie kann man rechtzeitig  die Gefahr erkennen?

Schulz: Wenn man etwa eine Blutbeimengung im Urin bemerkt und man hat mal geraucht oder raucht noch immer, dann sollte man einen Urologen aufsuchen. Es gibt leider keinen Blutmarker für das Vorliegen eines Karzinoms. Wenn man Blut im Urin hat ohne Schmerzen beim Wasserlassen  und ohne Nachweis einer Infektion durch Urinuntersuchungen, so ist leider zunächst bis zum Beweis des Gegenteils davon auszugehen, dass eine bösartige Neubildung in der Harnblase vorliegt. Für eine sichere Diagnose muss man eine Blasenspiegelung durchführen lassen.

Was droht mir, wenn man tatsächlich einen Tumor findet?

Schulz: Die Überlebenschancen sind sehr gut. Die Tumore, die man findet, sind meistens rein oberflächlich. Sie wachsen noch nicht in die Muskulatur, wo die großen Blut- und Lymphgefäße sind mit einer hohen Gefahr der Ausbildung von Metastasen. Die 5 bzw. 10-Jahre-Überlebensrate bei oberflächlichen Karzinomen liegt bei über 80 Prozent. Selbst bei der invasiven Form ist die Überlebensrate noch bei 45 bis 60 Prozent, was für einen bösartigen Tumor eine gute Rate ist. Kein Vergleich also mit anderen Krebserkrankungen wie dem Pankreaskarzinom und dem Lungenkarzinom.

Weltweit sind die Raucher auf dem Rückzug. Da müsste doch auch das Harnblasenkarzinom rückläufig sein…

Schulz: Das Gegenteil ist leider der Fall. Die Inzidenz steigt etwa um ein Prozent pro Jahr. Wir hier in Deutschland haben etwa 30 000 Neuerkrankungen jedes Jahr. Das liegt aber auch an der stetig steigenden Lebenserwartung.

Soll ich erst warten, bis ich Blut im Urin habe, um zum Urologen zu gehen?

Schulz: Ich empfehle allen, die stark geraucht oder als Chemiearbeiter oder Lackierer mit giftigen Dämpfen und Substanzen gearbeitet haben, sich untersuchen zu lassen auch wenn noch kein Blut im Urin sichtbar ist.

Was droht bei ernsten Fällen?

Schulz: Wenn es soweit kommt, dass der Tumor bis in die Muskelschicht vorgedrungen ist, aber noch nicht in umliegende Organe streut, kann man noch heilend eine komplette Blasenentfernung durchführen.

Wohin mit dem Urin ohne Blase?

Schulz: Die Königsdisziplin ist die kontinente Harnableitung mit einer sogenannten Neoblase. Dafür wird ein  60 cm langes Stück Dünndarm operativ „ausgeschaltet“ und zu einer neuen Blase geformt. Die Harnleiter  werden in die neue Blase implantiert und anschließend erfolgt der Anschluss an die Harnröhre mit dem Schließmuskel, so dass nach einer gewissen Zeit eine normale Entleerung über die Harnröhre vollzogen werden kann. Red.