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Düsseldorfer Altenheim will Bewohnern mit Videospielen helfen

Videospiele für Senioren : Videospiele gegen das Vergessen in einem Düsseldorfer Altenheim

Im Stammhaus der Kaiserswerther Diakonie ist die Memorebox als präventives Angebot im Einsatz. In der Pflege sollen die Spiele die Fähigkeiten der Patienten reaktivieren.

Herbert Spiller sitzt in seinem Rollstuhl vor einer Leinwand und lenkt ein Motorrad. Der 100-jährige bringt das Fahrzeug mit Bewegungen seines Oberkörpers an den Hindernissen vorbei. Als er auf den Seitenstreifen gerät, lässt er sich nicht davon beirren, dass sein Fahrzeug ruckelt. Im Videospiel kommt er letztlich auch auf dem steinigen Weg neben der Fahrbahn in Bonn an. Beim nächsten Spiel tanzen mehrere Senioren im Sitzen zum Lied „Die Hände zum Himmel“. Herbert Spiller streckt die Arme in die Luft. Auch das Spiel scheint ihm Spaß zu machen. „Tanzen und Schwimmen, das waren meine Leidenschaften“, sagt Spiller.

Im Stammhaus der Diakonie in Kaiserswerth will die Krankenkasse Barmer mit der Memorebox zwei Dinge zusammenbringen, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben: Senioren und Videospiele. Aber die Präsentation zeigt, dass die pflegebedürftigen Menschen sichtlich Freude daran haben, über einen Avatar auf der Leinwand zu kegeln, tanzen oder eben Motorrad zu fahren. Dafür müssen sie nur kleine Bewegungen ausführen, um die Figuren auf der Leinwand zum Leben zu erwecken. So wie Annelie Busch, die auf einem Stuhl vor der Leinwand sitzt, ihren Arm schwingt und auf der Leinwand alle Neune kegelt. Die 82-Jährige lächelt zufrieden. „Das gefällt mir gut. Ich habe vor 30 Jahren immer gekegelt, das hat aber jetzt keinen Zweck mehr“, sagt Annelie Busch, die sich nur noch mit Hilfe fortbewegen kann.

Die Bewohner des Pflegeheims sind zum größten Teil pflegebedürftig, motorisch eingeschränkt oder dement. Für diese Gruppe soll die Memorebox, eine interaktive Videospielesammlung, als Betreuungsangebot eingesetzt werden. „Wir wollen Spaß und Freude in Gemeinschaft mit anderen Spielern erzeugen. Ein positiver Nebeneffekt wäre, wenn der ganze Körper dadurch aktiviert würde“, sagt Klaus Patzelt, der Leiter des Pflegeheims Stammhaus Kaiserswerth. Er hofft darauf, dass der ein oder andere feststellt: „So viel Hilfe brauche ich ja gar nicht beim Anziehen.“

So sieht die Memorebox aus. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Ergebnisse werden nach Testphase in Berlin ausgewertet

Das Projekt ist zunächst auf ein Jahr angelegt und wird wissenschaftlich von der Charité und der Humboldt-Universität in Berlin ausgewertet. Nach einer Testphase in Hamburg und Berlin wird die Memorebox jetzt bundesweit in 100 Senioreneinrichtungen eingeführt, davon rund 20 in NRW. „Die Idee hatte ein Gründerteam, das sich die Frage stellte, wie man Demenz ohne Medikamente lindern kann“, sagt Stev Klapschuweit vom Hersteller RetroBrain. Ziel der Memorebox ist, die kognitive Leistungsfähigkeit auf spielerische Weise zu stärken.

„Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass Spiele sofort eine positive Emotion wecken“, sagt Klapschuweit. Zumal sich die Spiele dem Spielniveau anpassen und man nichts falsch machen könne. Die Avatare, die von Senioren mitentwickelt wurden, leiten durch das Geschehen und können so eine Entlastung für das Pflegepersonal sein. Zugleich sei gerade eine direkte Ansprache für Menschen wichtig, die an Demenz leiden.

Für die Barmer steht bei dem Einsatz der Memorebox der Faktor Prävention im Vordergrund: „Die Memorebox unterstützt nachweislich die Gesundheit. Die Standfestigkeit, Ausdauer, Motorik und das Erinnerungsvermögen werden verbessert“, sagt Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Kasse. Wenn die weiteren Studienergebnisse positiv seien, könne das Projekt bundesweit ausgerollt werden. Finanziert wird der Einsatz der Memorebox derzeit aus den Mitteln für die Gesundheitsprävention, in die die Barmer jährlich bundesweit 2,9 Millionen Euro investiert.