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Düsseldorfer Abiturientin: Schwer, sich trotz Corona zu motivieren

Abi-Vorbereitung : Düsseldorfer Abiturientin: Es ist schwierig, sich in Corona-Zeiten zum Lernen zu motivieren

Lili Wolf (17) vom Marie-Curie-Gymnasium berichtet von einem traurigen letzten Schultag, Abi-Vorbereitungen und dem digitalen Austausch mit Freunden und deren Kreativität gegen Langeweile und Einsamkeit.

Spontan hat Lili Wolf sich zum Gespräch mit unserer Zeitung bereit erklärt. Wann es zeitlich passen würde? Eigentlich immer, sie sei immer Zuhause in diesen Tagen, daran ändere sich ja auch erst mal nichts. Die 17-Jährige geht auf das Marie-Curie-Gymnasium im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim und steckt mitten im Abitur. Aber diesmal sehen die Vorbereitungen eben ganz anders aus. Denn ausgerechnet am Freitag, den 13. März, fand bereits urplötzlich der letzte Schultag statt. Drei Wochen früher als geplant. Doch was ist schon planbar, wenn die Coronavirus-Pandemie den Alltag neu bestimmt. „Der ganze Lebensabschnitt war an diesem Freitag so schnell zu Ende, das konnten wir gar nicht richtig greifen,“ sagt Lili.

Sie sei an diesem Tag etwas zu spät zum Bio-Leistungskurs gekommen. Die Lehrerin habe sehr ernst und angespannt gewirkt. Sie kam bereits aus einer Krisensitzung am Städtischen Gymnasium. Doch in der ersten Stunde habe niemand gewusst, wie alles weitergehen kann. Ob am Montag oder Dienstag vielleicht noch der Unterricht stattfindet. In der 6. Stunde dann aber wurde der Ernst der Lage deutlich. Im Geschichts-Leistungskurs fing der Lehrer plötzlich an zu weinen. Weil ihm klar war, dass es nun wirklich die letzte Unterrichtsstunde vor den Abiturprüfungen, die bisher noch für den April terminiert sind, sein würde. „Es war ein sehr emotionaler Abschied, ein krasses Gefühl“, beschreibt Lili Wolf die letzten Unterrichtsminuten. Es sei so komisch gewesen, sich zu verabschieden. Mit Mitschülern habe sie danach noch ratlos vor der Schule gestanden und sich gefragt, wann man sich überhaupt wiedersehe.

Die Schülerin bekennt: „Ich habe kein Zeitgefühl mehr.“

Am Nachmittag hörte die Schülerin dann noch im Radio die Rede von Ministerpräsident Armin Laschet, in der dieser die Schulschließungen verkündete.

Nun also begann der neue Alltag. Auch für die Schülerin, die sagt: „Es ist total schwierig, sich zum Lernen zu motivieren.“ Sie hat die Abifächer Geschichte, Biologie, Englisch und Deutsch. Am letzten Schultag waren auch die Noten der Vorabi-Klausuren nicht bekannt. „Wir haben sie telefonisch erfahren. Es war der vergangene Mittwoch, glaube ich. Ich habe gar kein Zeitgefühl mehr“, sagt die Düsseldorferin. Mit den Noten jedenfalls war sie persönlich zufrieden. Der Austausch mit der Schule sei nicht einfach, „sie ist wie die meisten bundesweit nicht darauf eingerichtet, digital zu kommunizieren“, sagt Lili Wolf.

„Wir im Abi sind ja mit dem Stoff durch und wissen, was zu lernen ist“, erklärt sie. Lehrmaterial habe es per mail von den Lehrern oder noch in der letzten Stunde persönlich gegeben. Das sei für den Abi-Jahrgang mit rund 150 Schülern ganz anders geregelt, als beispielsweise bei ihrer jüngeren Schwester Paula. Die geht in die achte Klasse und bekomme vom Klassenlehrer Wochenpläne für alle Fächer.

Nach einer ersten unstrukturierten Woche hat sich Lili nun am Montag aufgerafft, sich einen Überblick verschafft, was sie lernen muss. Einen genauen Zeitplan, wann sie was tun will, hat sie nicht. „Das kann ich gar nicht, dann fühle ich mich schlecht“, bekennt sie. Aber da sie die Leistungskursfächer beide sehr interessieren, fange sie jetzt einfach mal an mit der Wiederholung. Sie hofft noch, auch wenn es stressig werde, dass sie ab 21. bis zum 24. April ihre drei Klausuren schreiben kann. Lili Wolf will kein Not-Abi. „Durch die Klausuren können viele ihren Abi-Schnitt noch verbessern“, das sei wichtig, eben eine Chance, je nachdem, was man studieren wolle. Deshalb hat sie persönlich auch nicht die von zwei Hamburger Schülern gestartete Online-Petition unterschrieben, in der die bundesweite Absage der Abitur-Prüfungen gefordert wird. Einige ihrer Freunde sind da anderer Meinung. Aber es würden ja alle zu Hause sitzen, seien gesund und hätten eigentlich Zeit, zu lernen.

Was die junge Düsseldorferin aktuell besonders vermisst, ist natürlich das Treffen mit ihren Freunden. Doch in der besonderen Situation entdecken sie jede Menge neue Wege, um im Kontakt zu bleiben. Mit dem sozialen Netzwerkdienst „Houseparty“ konnten die neun Freundinnen und Freunde jetzt als Gruppe chatten, und gemeinsam in den 18. Geburtstag von Freundin Amelie „reinfeiern“, erzählt Lili Wolf. Ansonsten kommuniziert sie wie viele in WhatsApp-Gruppen. Als Maßnahme gegen die Langeweile und die Einsamkeit hat sie nun jeden Abend gegen 22 Uhr eine Verabredung und telefoniert mit drei Freunden über WhatsApp. Das Besondere: Die vier lesen sich im Wechsel Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ vor.

Mottowoche, Abi-Streich, das alles war selbstverständlich auch am Marie-Curie-Gymnasium vom Abi-Jahrgang geplant und vorbereitet worden. Nichts wird davon stattfinden, jedenfalls jetzt nicht. „Wir wollen schon, wenn es irgendwann geht und erlaubt wird, noch ein paar Mottotage nachholen“, sagt Wolf. Sie kümmert sich jedoch um die Abi-Zeitung. Die soll es auf jeden Fall im geplanten Umfang geben, damit „man trotzdem eine Erinnerung haben wird.“ Noch hoffen die Gymnasiasten, dass die Zeitung auf dem für den 21. Juni geplanten Abi-Ball verteilt werden kann.

Natürlich haben viele Abiturienten schon lange vor der Corona-Krise Pläne für die Zeit nach der Schule gemacht. Bei Lili sind sie sehr konkret. Im nächsten Jahr will sie in Berlin studieren. Zuvor aber, ab September, möchte sie mit einer Freundin für drei Monate nach Asien reisen. Zunächst nach Bali, dann durch drei weitere Länder als Backpackerin. „Wir wollen etwas Neues sehen, waren noch nie in Asien, wollten mal weg vom geregelten Alltag,“ sagt die 17-Jährige. Die Flugtickets sind schon lange gebucht, dafür hat sie jahrelang gespart. Zudem wollte sie nach dem Abi auch noch auf Messen arbeiten, um Geld zu verdienen. Das klappt nun natürlich erst mal nicht, aber ihre Eltern hätten sie großzügig unterstützt. „Nun steht alles in den Sternen“, sagt die Schülerin. Und ergänzt: „Das nervt.“