Düsseldorf: Wo Kinder den Unterricht selbst in die Hand nehmen

Schulserie : Kinder nehmen den Unterricht selbst in die Hand

In unserer Serie stellen wir die Schulen der Stadt vor. Unsere Autoren besuchen die Einrichtungen an einem normalen Schultag und berichten davon. Am Ende des Jahres wählt eine Jury die Träger des Schulpreises, den WZ und Stadtwerke vergeben. Dieses Mal: die Montessori-Grundschule Garath.

Morgens halb zehn in Garath. Auf dem langen Flur sitzen Kinder auf blauen Matten. Allein, zu zweit, in kleinen Gruppen. Einige sortieren bäuchlings Karten, den passenden Artikel zum Nomen. Daneben wird mit dem Rechenrahmen multipliziert. Die Türen der vier Klassen auf dem Schulflur stehen offen. Kinder stehen auf, gehen zum Regal, sprechen mit ihren Mitschülern und suchen sich wieder einen Platz. Es ist nicht etwa Pause. Für die Kinder der städtischen Montessori-Grundschule im Düsseldorfer Süden ist das Schulalltag. Vier Stunden täglich lernen die Schüler jahrgangsübergreifend in Freiarbeit. Sie entscheiden in dieser Zeit selbst, was sie lernen und womit sie sich beschäftigen wollen. In diesem Jahr wird die Schule 50 Jahre alt.

Helena knöpft sich heute Geografie vor. Sie sitzt auf einer der Matten im Flur und vergleicht Puzzleteile mit den Erdteilen auf einem kleinen Globus. Daneben feilen Jule und Lucy am Ende ihrer Geschichte über die verborgene Feenwelt, die sie heute ihren Mitschülern vorstellen wollen. Jule ist acht Jahre alt und weiß schon genau, wie Freiarbeit funktioniert: „Wir dürfen uns das Material selbst aussuchen, aber müssen die Aufgabe auch zu Ende bringen.“ Helena hat sie dabei fest im Blick. „Sie ist nämlich mein Patenkind. Wenn sie Fragen hat, helfe ich ihr“, erklärt sie stolz.

Flagge, Puzzle, Globus: Bis heute hilft das Material beim „Be-greifen“ geografischer Zusammenhänge: Schulleiterin Sandra Gehrke zeigt Helena, wie es geht (rechts). Foto: ja/Montessori Garath

Selbstständiges Lernen im eigenen Tempo

Damals wie heute müssen die Lernmaterialien auch geputzt werden. Heute übernimmt Ronja (9) das Abstauben des Montessori-Materials, mit denen die Kinder in der Freiarbeit jahrgangsübergreifend lernen. Foto: ja/Montessori Garath

Schulleiterin Sandra Gehrke erklärt, welcher Grundgedanke hinter der Freiarbeit steckt: „Die Montessori-Pädagogik geht davon aus, dass jedes Kind einen Lerntrieb hat, weil ein Interesse daran besteht, an der Welt teilzuhaben“, sagt sie. Jedes Kind habe aber sein eigenes Lerntempo. „Manche verstehen eine Sache früher als andere, die etwas noch mal wiederholen möchten“, sagt sie. Die Freiarbeit mit Montessori-Material ermögliche den Kindern das selbstständige Lernen im eigenen Tempo. Weil sie ihre Aufgaben nach Interesse wählen, seien Lernmotivation und -erfolg größer als in einer Gruppe, in der Aufgaben vorgegeben werden. Die altersgemischten Klassen sind auch Teil der Montessori-Pädagogik: In den zwölf Klassen der Schule lernen Kinder des ersten bis vierten Schuljahres von- und miteinander. In jeder Klasse sind etwa 28 Kinder, ungefähr sieben aus jeder Jahrgangsstufe.

Ronja (9) übernimmt heute das Abstauben des Montessori-Materials, mit denen die Kinder in der Freiarbeit jahrgangsübergreifend lernen. Foto: Ines Arnold

Ergänzt wird die Freiarbeit durch Fachunterricht, der in jahrgangsgleichen Gruppen stattfindet - vom ersten Schuljahr an in den Fächern Englisch, Religion, Sport und Musik, ab dem zweiten Schuljahr in den Fächern Mathematik und Deutsch/Sachunterricht. Den größten Raum mit vier Stunden täglich nimmt aber die Freiarbeit ein. Pro Klasse ist eine Lehrkraft anwesend. Sie geht von Schüler zu Schüler, beobachtet die Lerngruppen oder reicht Material aus dem Regal an, das nach Themen und Schwierigkeitsgrad sortiert ist.

Links der Blick in den Klassenraum im Schuljahr 1993/1994: Ein Schüler arbeitet an der Schreibmaschine. Heute steht an dieser Stelle der Laptop. Die Zeiten der Schreibmaschine sind längst vorbei. Foto: Montessori-Grundschule Garath

„Das Ziel ist es, sich als Lehrerin überflüssig zu machen“, kommentiert Sandra Gehrke das überraschend leise Treiben auf den Schulfluren während der Freiarbeit. Ganz nach dem Motto Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“. „Der Lehrer muss aufmerksam beobachten: Wer kommt klar, wer nutzt seine Zeit gut, wer lässt sich vielleicht von den anderen nur mitziehen?“, sagt Gehrke.

Heute arbeitet Gustav (7) am Laptop. Die Zeiten der Schreibmaschine sind vorbei. Foto: Ines Arnold

Der Lernfortschritt jedes einzelnen Schülers wird aber auch in der Freiarbeit kontrolliert – in täglicher Absprache mit dem Lehrer, aber auch anhand des sogenannten Lerntagesbuchs. Darin stehen auch solche Lernmaterialien, die der Schüler innerhalb einer Woche verbindlich bearbeiten muss, nämlich zu den Themen Deutsch und Mathe. „Der Lehrer muss jeden Tag Hefte ansehen, jedes einzelne Kind auf dem Schirm haben und bestmöglich unterstützen“, zählt Gehrke die Anforderungen an die Lehrer auf. Und macht gleichzeitig deutlich, wie ideal eine Doppelbesetzung in den Klassen wäre. „Die ist aktuell bei der dünnen Personaldecke, die wir haben, aber einfach nicht möglich.“

Noten gibt es an der Schule ab Klasse 3. „Am Ende von Klasse 4 muss ja leider die Einteilung der Kinder in das dreigliedrige System erfolgen. Diese Selektion widerspricht zwar unseren pädagogischen Grundgedanken, ist uns aber leider als staatliche Schule vorgeschrieben - ein Spagat“, bedauert Gehrke.

Die Schulleiterin, die sich bereits während ihres Studiums intensiv mit Maria Montessori auseinandergesetzt hat, ist überzeugt, dass die Pädagogik für jedes Kind geeignet ist. „Montessori hat ursprünglich mit beeinträchtigten Kindern gearbeitet und es zeigte sich, dass ihr Ansatz für diese Kinder ideal ist. Auch bei uns in der Schule sehen wir, wie gut Kinder mit Förderbedarf in der Freiarbeit zurechtkommen. Aber es kommen eben auch die anderen Schüler zurecht. Solche, die leistungsstark sind und andere, die etwas mehr Zeit brauchen.“ Die 100 Jahre alte Pädagogik sei in Zeiten von Inklusion das einzig funktionierende Modell. „In einem jahrgangsgebundenen Unterricht, in dem gleichschrittig vorgegangen wird, wird man niemals allen Kindern gerecht werden können“, ist sie überzeugt.

Gleichzeitig gesteht sie, dass Freiarbeit nicht für alle Eltern geeignet sei. „Es erfordert sehr viel Vertrauen: Wir haben keine Bücher. Alle Kinder desselben Jahrgangs arbeiten mit unterschiedlichen Materialien. Eltern wissen nicht, wie weit ihr Kind ist. Sie können es nicht mit den anderen Kindern vergleichen“, sagt Gehrke. Eltern müssten vertrauen – den Lehrern, die genau im Blick haben, welche individuellen Lernfortschritte das Kind macht. Und vor allem den Kindern, die lernen wollen.

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