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Düsseldorf: Wo Hans Albers immer noch ganz der Alte ist

Stadt-Teilchen : Hier ist Hans Albers immer noch ganz der Alte

Zu Besuch im Medienhafen bei dem Denkmal, das Immendorff dem Hamburger gesetzt hat.

Ich habe mich kürzlich mal zu meinem Vornamensvetter gesellt. In der Früh, als die Sonne sich gerade anschickte, über die Straßenschluchten des Hafens zu klettern, war ich bei Hans Albers. Ja, genau bei jenem Denkmal, das einst Jörg Immendorff geschaffen hat und das nun dieser eigenartigen Baulandschaft im Hafen ein bisschen kulturellen Hauch verleiht. Zwischen all diesen eckigen Bauten, die stets ein bisschen wirken, als habe sie irgendwer beim Klötzchenspiel im Internet schlecht platziert, steht der gute Hans. Eine Möwe unter seinen Füßen und die Quetschkommode lässig zur Linken herabhängend hebt er die rechte Hand vor die Augen, um in die Ferne zu blicken. Man kennt dieses Streben, es passt zum Bild, das der große Filmkünstler zeitlebens von sich malte. Er war der Ruhelose, den es immer wieder zu neuen Gestaden zog. Seine Heimat war das Meer, und der weite Blick ins Endlose gehörte dazu.

Nun ist Hans Albers Düsseldorfer, und das mit dem weiten Blick ist eine, nun ja, relative Sache geworden. Schaute er anfangs noch weit nach Westen in die untergehende Sonne und fühlte sich jedesmal gemüßigt, eben dieser zu folgen, so enden seine Blicke jetzt direkt hinter der hölzernen Hafenbrücke. Sie prallen ab an jenem Baukoloss, an dem Hyatt Regency steht. Eine kleine Lücke gibt es noch, wenn man am Hotel vorbeischaut. Aber es ist eben eine Lücke, nichts, was einem großen Mentalseefahrer wie Hans Albers würdig wäre.

WZ-Kolumnist Foto: NN

Mit etwas Glück kann er sich im Morgensonnenlicht noch am silbrig glänzenden Raumschiff erfreuen, das neben dem Hyatt gelandet ist. Natürlich ist da nichts gelandet, es ist nur etwas Futuristisches dorthin gebaut worden. Aber es ist wenigstens etwas Rundes in diesem ach so eckigen Hafen, in dem viel zu viele Architekten ihr Glück in der Eckigkeit gesucht und gefunden haben. Selbst wenn sie mal ein bisschen Rundung versucht haben, dann wirkt es in seiner Wuchtigkeit am Ende doch wieder kantig und abweisend, wenn man nicht zur Selbsthilfe greift und die furchtbaren Geraden mit dem Weitwinkelobjektiv ein bisschen biegt. Da ist diese Raumschiffbar neben dem Hotel dann doch gleich wieder eine schöne Ausnahme.

Man kann sehr schön bei gutem Sommerwetter auf den vor ihr herabführenden Treppen sitzen und teure Drinks schlürfen, die das Vielfache eines Hartz-4-Tagessatzes kosten. Man kann notfalls auch einfach nur so dort hocken. Vielleicht ist es das Schöne an dieser Hafensimulation, dass man immer ein Plätzchen findet, wo man sich hinhockt und notfalls auch seine Ruhe findet.

Wie Hans Albers das findet? Ich habe keine Ahnung. Ich habe ihn gefragt, aber er hat mir nicht geantwortet, obwohl uns doch ein Vorname eint, an dem man leicht erkennen kann, aus welcher Zeit wir stammen. Hans klingt altmodisch, weil der Name stets nach der Zeit klingt, in der er modern war, also nach den eher doofen fünf Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Seitdem will der Hans aber in Sachen Beliebtheit nicht mehr auf die Beine kommen. Jungs heißen heute durchaus mal wieder Paul oder Wilhelm, aber an den Hans traut sich keiner ran. Wer heute sagt, er heiße Hans, gibt damit direkt die Altersangabe mit.

Man erkennt ältere Menschen übrigens nicht nur am Vornamen, auch die Mobilnummer ist verräterisch. Wessen Funkadresse etwa mit 0171 oder 0172 anfängt, der ist rasch als Oldie identifiziert. Auch die falsche E-Mailadresse verweist aufs Geriatentum. Ich habe noch eine AOL-Kennung, ich weiß, wovon ich rede. Die stammt aus der Zeit, als sich Boris Becker noch freute, wenn er drin war. Also im Netz.

Man darf also getrost davon ausgehen, dass AOL-Adressen und 0171-Vorwahlen so schnell nicht wieder modern werden, was ein bisschen seltsam wirkt in einer Zeit, da die Männerfrisuren oft wirken, als seien sie kurz nach dem letzten Weltkrieg geschnitten worden. Ich weiß noch, wie ich gegen das ankämpfte, was heute Undercut heißt, dass man sich die Schläfen bis hoch über die Ohren fast haarlos rasiert. Mein Opa hat das so getragen, weshalb ich immer, wenn ich heute jemanden mit solch einem Undercut sehe, den ekligen Geruch von billigen Zigarren in der Nase habe. Es sind schon irgendwie verkehrte Zeiten.

Ich habe versucht, mit meinem Namensvetter Hans darüber zu reden. Aber der war ja schon zu Lebzeiten ein wortkarger Typ. Ich kann also nur annehmen, dass es ihm hier im schicken Pseudohafen gefällt, dass er inzwischen möglicherweise eingesehen hat, dass es mit der Seefahrerromantik nicht mehr so arg weit her ist.

Führe sein Geist heute noch zur See, wäre er wahrscheinlich auf einem seelenlosen Containerschiff mit den Ausmaßen des Saarlandes unterwegs, wo man auf der Kommandobrücke das Meer nur noch erahnen kann.

Nein, da ist Hans Albers im so genannten Medienhafen doch besser aufgehoben. Hier trifft er vor allem in den wärmeren Tagen um den Sonnenuntergang auf jenes Klientel, das er von seiner Zeit auf der Reeperbahn kennen dürfte. Da sind so viele unterwegs, die grundlos auf dicke Hose machen, die nur so tun als ob, dass es fast schon wieder Flair hat. Hier ist viel BlingBling, viel UffzUffz und jede Menge Röhrerei aus doppelten Auspuffrohren.

Natürlich könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass einem Hans Albers das alles am rückwärtigen Unterleib vorbeigeht, weil er eben so ausdauernd nach Westen schaut. Aber das ginge an seinem Wesen vorbei. Er gab sich zeitlebens als blitzgescheiter Schnellmerker, als einer, dem man nur schwer ein X für ein U vormachen konnte. Dass sein Wirken in den dunklen Tagen Deutschlands nicht immer so eindeutig war, wie er vorgab, steht auf einem anderen Blatt.

Hier im Düsseldorfer Medienhafen gibt er sich dank Immendorff immer noch ein bisschen als der Alte, der er einst in Hamburg zu sein vorgab. Er hat verkraftet, dass viele an ihm vorübergehen, ohne ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken, dass er nachts trotz des allgemeinen Gedöns um ihn herum im Dunkel steht, dass niemand einen Scheinwerfer für ihn übrig hat. Aber was stört das einen Hans?

Ich habe mich neulich mal in der Dämmerung ganz nah an den bealgten Betonklotz heranwagt, auf dem er Posten bezogen hat, dort habe ich ihn tatsächlich singen hören.
Ganz leise und nur für eingeweihte Ohren ist dann zu vernehmen, was einst die Reeperbahn beseelte und nun auch für den Medienhafen gilt: „Komm doch, liebe Kleine, sei die Meine, sag nicht nein. Du sollst bis morgen früh um Neune meine kleine Liebste sein...