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Düsseldorf: Wie eine Organspende Hendrik Verst das Leben rettete

Tag der Organspende : Wie eine Organspende Hendrik Verst das Leben rettete

Der fünffache Familienvater Hendrik Verst muss beinahe sechs Jahre täglich um sein Leben bangen. Zuletzt betrug die Chance, den nächsten Tag zu überstehen, nur noch 46 Prozent. Heute setzt sich der 36-Jährige wo immer es geht für das Thema Organspende ein.

Wer Hendrik Verst aus dem Internet kennt, weiß, dass der fünffache Familienvater ein froher Mensch ist. Einer, der immer einen guten Spruch auf den Lippen hat, anderen Mut macht. Wie schwer ihm das Leben in den vergangenen sechs Jahren gefallen sein muss, lässt sich nur erahnen. Rückblickend sagt der 36-Jährige, der Familie wegen habe er oftmals gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Um seine Kinder zu schützen und die Gemeinschaft, die ihm unter anderem bei Instagram folgt, nicht zu sehr zu belasten.

Dass Verst selbst in persönlich bittersten Momenten noch an andere Menschen denkt, sagt viel über seine Person aus. Mehr als eine Viertelmillion Abonnenten verfolgen auf Instagram alles, was der gelernte Software-Entwickler dort mit ihnen teilt. Doch auch ihnen blieb nicht verborgen, dass der heute 36-Jährige in den vergangenen Jahren einiges von seiner Sportlichkeit einbüßte, Muskelmasse abbaute und immer häufiger zu Arztbesuchen ins Krankenhaus musste. Irgendwann machte Verst öffentlich, dass er eine neue Leber benötigt, dass seine Überlebenschancen sonst drastisch sinken.

Das Weihnachtsfest 2015 wird für die Familie zum Schicksalsschlag

Diese Aussicht hat er selbst am 26. Dezember 2015 erhalten, am zweiten Weihnachtsfeiertag also. Die Diagnose: Autoimmunhepatitis (AIH). Eine seltene Erkrankung der Leber, bei der das eigene Immunsystem aus ungeklärten Gründen die körpereigenen Leberzellen angreift.

Verst kommt in die Notaufnahme, wird stationär aufgenommen. Das Fest der Liebe wird für ihn zum Schicksalsdatum und gleichzeitig zum Beweis der Liebe seiner Frau Denise und seiner Familie.

Während die Ärzte der Uni-Klinik Essen anfangs prognostizieren, dass Verst spätestens in zehn Jahren eine neue Leber benötigen wird, müssen sie diese Prognose aufgrund mehrerer Komplikationen nach unten korrigieren. Denn in der Zwischenzeit werden auch andere Organe von der Autoimmunhepatitis beeinflusst. Die Milz etwa wird bei ihm mit 28 Zentimetern rund vier Mal so groß wie sie eigentlich sein sollte, der Blutdruck steigt, Krampfadern entstehen in der Speiseröhre, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können, wenn sie platzen.

Zu allem Überfluss entwickelt sich in der Pfortader, jene Vene, an die bei einer Transplantation das neue Organ angeschlossen werden müsste, eine Thrombose. Der Name Hendrik Verst wird jetzt auf der Organspende-Liste von Euro-Transplant geführt. Mittlerweile ist es 2021, ein ganzes Jahr wartet Verst auf ein passendes Organ. Mit jedem Tag rutscht sein Name weiter nach oben. Nicht etwa, weil so viele Menschen zur Organspende bereit sind, sondern weil seine Überlebenschancen rapide sinken. „Eines Tages sagten mir die Ärzte, dass die Wahrscheinlichkeit, den nächsten Tag nicht lebend zu überstehen, bei 54 Prozent liegt“, sagt Verst. Was damals ein Schock für ihn war, kann er heute mit nur ein paar Monaten Abstand etwas lockerer sehen.

Inzwischen hat der fünffache Familienvater eine neue Leber erhalten. Am 27. November vergangenen Jahres wurde sie ihm in der Uni-Klinik Essen transplantiert. An den Moment vor der OP kann er sich noch genau erinnern, erstmals sei richtig Angst in ihm aufgekommen. „Plötzlich kam eine Schwester mit einer weißen Tasche und sagte ,Sagen Sie doch mal Hallo zu ihrer neuen Leber‘“, blickt Verst zurück. Am Ende überwog aber die Freude, dass für ihn ein passendes Organ gefunden wurde. Vier Versuche vorher hatten noch vor der OP nicht zum Erfolg geführt.

Ein halbes Jahr später ist der sportbegeisterte Mann fast wieder der alte. Er selbst sagt, er sei nie fitter gewesen. Noch immer wird er engmaschig von Spezialisten kontrolliert, wofür er sehr dankbar ist. Die Organspende hat ihm das Leben gerettet, ermöglicht ihm, seine Kinder im Alter von 17, neun, fünf (Zwillinge) und einem Jahr aufwachsen zu sehen. Auch sie haben gemerkt, dass in der Zwischenzeit etwas mit ihrem Papa passiert ist. „Sie sind beim Spielen teilweise noch immer sehr vorsichtig, da merkt man, dass sie das ganze Thema unterbewusst schon beschäftigt hat“, sagt Verst.

Seine Reichweite in den Sozialen Netzwerken will der 36-Jährige in Zukunft noch mehr dafür nutzen, für die Organspende zu werben. „Es ist wichtig, dass jeder für sich selbst ja oder nein sagt und nicht den Angehörigen die Entscheidung überlässt, die im Zweifel ein Leben lang Gewissensbisse haben“, mahnt Verst. Den aktuellen Weg mit der Bestellung des Organspendeausweises hält er für zu kompliziert, auch wenn er schnell angefordert sei. Er sagt, die Einwilligung zur Organspende müsse digitaler werden. Auf seinen Social-Media-Kanälen will er den Anfang machen, zumindest was die Informationen betrifft.