Düsseldorf: Was eine Stadt für Fußgänger tun kann

Mobilität : Was eine Stadt für Fußgänger alles tun kann

Ampeln, die einen Fußgänger von weitem erkennen, gemischte Zonen, in denen Passanten Vorrang haben, mehr abgesenkte Bordsteine – das alles probieren Städte gerade aus. Das Gute für Düsseldorf: Der Vorsprung ist einholbar.

Die Kreuzung, an der Corneliusstraße, Bilker und Oberbilker Allee aufeinandertreffen, ist ein großes Sinnbild. An dieser Stelle diskutiert Düsseldorf, wie der tägliche Stau der Autos reduziert werden kann. Wie die Straßenbahn-Linien 704 und 707 zügiger über die Kreuzung zu bringen sind. Und wie man dort eine Umweltspur schaffen kann. Dass an dieser Kreuzung regelmäßig Fußgänger stehen, die verzweifelt auf die Rot zeigende Ampel blicken und es nicht mehr rechtzeitig an die Haltestelle und zu ihrer Bahn schaffen, darüber spricht im Moment niemand. Und auch deshalb ist die Kreuzung ein so treffendes Sinnbild: Bei der ganzen Diskussion um die Verkehrswende spielen die Fußgänger derzeit eine bestenfalls kleine Rolle.

Einer, der die Fußgänger mehr im Blick hat, ist der Städteplaner Jeff Speck. Er hat in seinem Buch „Walkable City“ zehn Punkte veröffentlicht, in denen er beschreibt, was Städte für Fußgänger tun können. An dieser Stelle seien nur drei Punkte genannt: Speck sagt, dass die Subventionierung von Parkplätzen sowie die Forderung einer Mindestzahl von Stellplätzen bei Neubauten pro Auto und contra Fußgänger wirken. Zudem führt der Städteplaner aus, dass Förderung des Nahverkehrs auch den Laufenden hilft, weil sie in aller Regel die Strecke zur und von der Haltestelle zu Fuß erledigen. Und Speck fordert, Fußgänger besser zu schützen, was zum Beispiel durch Bäume am Straßenrand möglich ist. Ähnliche Gedanken treiben einige Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz schon um, in denen mindestens praktische Versuche zugunsten von Fußgängern unternommen werden:

Berlin Im Stadtstaat ist ein Mobilitätsgesetz in Kraft getreten, das vorschreibt, umweltfreundliche Verkehrsmittel auszubauen. Dabei stehen die Fußgänger mit im Mittelpunkt, wie sich nun zeigte, als die zuständige Senatorin Regine Günther vorstellte, wie das Gesetz praktisch umgesetzt werden soll: Fußgänger sollen weniger Umwege nehmen müssen, längere Grünphasen erhalten und Straßen leichter überqueren können. Es soll mehr verkehrsberuhigte Straßen, mehr Sitzmöglichkeiten am Wegesrand und mehr abgesenkte Bordsteine geben. Dies sei ein zentrales Element, Berlin zu einer lebenswerten Stadt zu machen, sagte Günther.

Biel Die Stadt in der Schweiz ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Sie hat so genannte Begegnungszonen an zentralen Stellen geschaffen. Dabei handelt es sich um Bereiche, in denen alle Verkehrsmittel unterwegs sein dürfen. Im Gegensatz zum auch hier bekannten „Shared Space“, in dem alle gleichberechtigt sind, sind in den Begegnungszonen die Fußgänger „vortrittsberechtigt“. Biel ist zudem der jüngste Gewinner der Auszeichnung als fußgänger-freundliche Stadt, die in der Schweiz alle drei Jahre vergeben wird. Der Grund: Sie hat im Herzen der Stadt einen Park ermöglicht, die Schüssinsel, und damit den Fußgängern einen zusätzlichen, erholsamen und sogar am Wasser gelegenen Raum geschaffen - zahlreiche Bänke sowie gute Ideen für Kinderwagen und Rollstühle inklusive.

Chemnitz/Mainz Der deutsche Fachverband Fußverkehr hat für zwei Phasen Modellstädte gefunden, in denen Ideen für Fußgänger erörtert werden. Die größten teilnehmenden Kommunen waren/sind Chemnitz und Mainz.

Die Düsseldorfer Partnerstadt Chemnitz zählte zu den Orten, an denen der Fachverband einen Fußgänger-Check durchgeführt hat. Danach gab es eine Liste mit Vorschlägen für die Verwaltung, die unter anderem mehr für Barrierefreiheit, Sitzgelegenheiten und kürzere Wartezeiten an den Ampel tun sollte. Mainz ist aktuell Teil des Programms, dort sollen auch Erkenntnisse aus der ersten Phase vertieft werden.

Der Fußgänger-Check steht dort Mitte des Monats Oktober an.

Graz/Wien Die österreichische Stadt Graz hat sich zum Zentrum der Experimente mit Ampeln entwickelt. Zunächst wurde vor Ort ausprobiert, wie es auf den Verkehr wirkt, wenn Ampeln für Fußgänger sofort auf Grün schalten, sobald diese den Knopf an der Ampel drücken. Die Erhebungen zeigten, dass die Fußgänger profitieren (u.a. sind sie sicherer unterwegs, weil sie nicht über Rot gehen) und die Autofahrer mindestens keine negativen Auswirkungen spüren. Inzwischen hat die Technische Universität in Graz Ampeln entwickelt, die über Kameratechnik und Computerprogramme erkennen können sollen, was Fußgänger vorhaben und so die Grünphase einleiten, dass diese nicht erst einen Knopf drücken und auf Grün warten müssen. Das System kann bei größeren Gruppen an der Ampel die Grünphasen verlängern. Die Technik soll 2020 in der Hauptstadt Wien eingebaut und im größeren Stil getestet werden.

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