1. NRW
  2. Düsseldorf

Düsseldorf: Tagebuch aus der Quarantäne

Corona und die Folgen : Tagebuch aus der Quarantäne

Unsere Autorin Julia Nimführ ist seit Anfang März mit anhaltendem Husten zu Hause – sicherheitshalber. Sie beschreibt, was sie gegen Lagerkoller unternimmt und was ihr jetzt wichtig geworden ist.

Wie geht man damit um, tage-, ja wochenlang zu Hause zu bleiben? Unsere Autorin erzählt, wie sie den vergangenen Monat erlebt hat und welche Strategien ihr helfen. Durch eine Erkrankung war sie bereits länger an die Wohnung gefesselt.

Tag 1-3, 4.-6. März. Ich wache auf mit starkem Husten, bin völlig schlapp. In meinen Hauptjob zu gehen, mit Kindern zu tanzen – ausgeschlossen. Ich kann sofort zum Hausarzt, das Coronavirus scheint noch weit weg zu sein. Komisch fühle ich mich trotzdem, ich bin froh, schnell wieder daheim zu sein. Ein paar Tage später brauche ich Medikamente, ich habe Bronchitis. Ein Test auf das Virus ist nicht möglich, ich erfülle keines der Kriterien. Die Tage verbringe ich wie bei einer starken Erkältung: Schlafen, Hörbücher hören, lesen, Filme schauen, ein wenig telefonieren.

Tag 8, 11. März. Mir geht es deutlich besser, ich bekomme wunderbar Luft, der Husten ist fast weg. Meine Temperatur liegt im Rahmen, um 37 Grad. Dennoch heißt es weiterhin, daheim bleiben, zu Kräften kommen. Die Fallzahlen der mit Covid-19 Infizierten schnellen international in die Höhe. Unter Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen gibt es auch nur noch ein Thema. Ich freue mich, wenn ich wieder raus darf, am Leben teilnehmen.

Tag 10-12, 13.-15. März. Der große Showdown. Ich telefoniere und diskutiere, sitze stundenlang am Handy, verfolge Liveblogs und Nachrichten, checke Messenger-Dienste. Ich habe ja Zeit, will wissen, was auf mich und andere zukommt. Es trifft schließlich auch das Tanzstudio, für das ich arbeite. Was kommt als nächstes? Ich bin aufgeregt, unruhig. Ich will nicht noch länger daheim bleiben. Mir geht es zunehmend besser, ich fühle mich fit, freue mich eigentlich auf die Kinder und die Kollegen.

Tag 13, 16. März. Bei meinem Zweitjob, in der Jugendhilfe, muss ich auf meinen Einsatzplan warten. Jeden Tag können neue behördliche Anweisungen kommen. In den nächsten Tagen soll ich mehr erfahren. Im Tanzstudio muss ich noch etwas vorbeibringen. Spontan entscheiden wir uns, Online-Angebote zu machen, noch spontaner drehen wir die ersten Videos. Wir haben alle keine Ahnung von Youtube – und umso mehr Spaß. Wir albern herum, lachen uns alle Anspannung von der Seele. Es tut gut. Es sollte das letzte Mal für länger sein.

Tag 15, 18. März. Ich bin wieder etwas heiser und hüstele, habe etwas erhöhte Temperatur. Die Diagnose vom Arzt erfolgt nur noch telefonisch. Allerdings komme ich nicht durch. In meinen diversen Messenger-Gruppen geht es hoch her. Klopapier-Witze machen die Runde, ebenso wie eine Mischung aus Nachrichten und Gerüchten. Die Unruhe steigt. Ich habe mehrere Menschen im engen Familien- und Freundeskreis, die zur Risikogruppe zählen und die viel mit Menschen arbeiten.

Tag 16, 19. März. Mein leichter Husten ist unverändert. Jetzt klappt es beim Arzt. Ich werde telefonisch für die nächsten zehn Tage krankgeschrieben, nur zur Sicherheit. Es ist keine offizielle Quarantäne, doch ich soll zu Hause bleiben – und viel alleine spazierengehen. Die kommenden Tage breiten sich als unendliche Leere vor mir aus. Gemeinsame Videos sind erst mal nicht mehr möglich.

Tag 17, 20. März. Der erste Lagerkoller. Die Sorgen um meine Familie, meine Freunde, die teils starken Husten haben, brechen über mich herein. Wer hat Corona, wer nur eine harmlose Erkältung? Ich vermisse so viele Menschen. Die Ungewissheit, wann ich sie wieder sehen, in die Arme nehmen kann, erschlägt mich. Die Nachrichten aus Italien, Spanien schockieren. Ich bin genervt von dem zwar leichten Husten, der aber einfach nicht weggeht, genervt von meiner Erschöpfung. Ich muss einfach nur raus. Die Sonne scheint, die Natur erblüht. Plötzlich Ruhe, weniger Flieger in der Luft, die Schnellstraße verwaist, die Autobahn rauscht kaum noch. Ich atme durch, laufe einfach los, dabei entdecke ich Wege und Pfade, die ich noch nicht kenne. Wildromantik mitten zwischen Häuserzeilen. Ich konzentriere mich nur darauf, mit allen Sinnen. Und das tut einfach nur gut. Nach dem langen Spaziergang, einem Telefonat, bin ich erholt und wieder zuversichtlich.

Tag 18, 21. März. Ich huste kaum noch. In einem Bericht lese ich Tipps von einer Psychologin. Sie empfiehlt, den Nachrichtenkonsum deutlich einzuschränken. Tagesstrukturen zu schaffen. Ich bin motiviert, das Beste aus der Situation machen, setze mir Ziele, entwerfe einen groben Terminplan. Am Nachmittag schaue ich im Supermarkt vorbei, mit einem komischen Gefühl im Bauch, denn es ist von Warteschlangen, Plexiglasscheiben, Abstandsmarkierungen die Rede. Meine Angst vor einer Art Endzeitstimmung verschwindet rasch: Die Änderungen sind dezent, ich bekomme auch alles, was ich brauche.

Tag 19, 22. März. Täglich Telefonieren, teils stundenlang, ersetzt die Treffen mit Freunden. Spazierengehen wird zum Höhepunkt meines Lebens. Ich erhöhe auf zwei Mal pro Tag. Sonne genießen, Menschen treffen, ein Lächeln, ein paar Worte wechseln, es gibt nichts Schöneres. Ich bin gerührt: Flüchtige Bekannte, die ich zufällig treffe, bieten mir plötzlich an, mich jederzeit zu versorgen, sollte es nötig sein. Spontan gehen wir mit weitem Abstand voneinander gemeinsam weiter, teils auch hintereinander, und lachen uns kaputt darüber. Lachen uns die Sorgen weg.

Tag 20, 23. März. Husten und Temperatur sind unverändert, ich bin aber schlapp. Der Terminplan klappt nur bedingt. Ich sehe keinen Sinn darin, mir selbst beispielsweise vorzuschreiben, um welche Uhrzeit ich den Müll rausbringe. Das nervt einfach nur, passt nicht zu meinem früher sehr abwechslungsreichen Alltag. Ich ändere meine Pläne. Eine feste Uhrzeit erhält jetzt nur noch der Spaziergang im Sonnenuntergang. Ansonsten setze ich mir Tagesziele und ich verabrede mich mit Freunden: einen Ballettabend anzuschauen, in dem Wissen, die anderen sitzen daheim jetzt auch vor dem Video, das macht Spaß.

Tag 21, 24. März. Meine Tage waren früher vollgepackt, zügiges Arbeiten eine Voraussetzung. Viel Zeit zu haben, keine Fristen einhalten zu müssen, sorgt nun dafür, dass ich mich in Aufgaben, in Ideen, verliere. Ich muss eine Lösung dafür finden. Mein Fieberthermometer hat nach Jahren den Geist aufgegeben. Kein Wunder. Ich hoffe, ich bekomme noch irgendwo eines. Wenn nur diese Heiserkeit endlich aufhört.

Tag 24, 27. März. Ich genieße die Ruhe. Noch nie habe ich den Frühling hier so intensiv erlebt, die Blätter und Blüten sprießen sehen. Einen Sonnenuntergang am See genießen, das sollte ich mir beibehalten. Routine ist eingekehrt, ich habe mich an die Situation gewöhnt. Viel tun kann man ohnehin nicht außer abwarten und irgendwie weitermachen. Meine Videos mache ich alleine – und das ist viel mehr Arbeit als gedacht, die Tage fliegen nur so vorbei. Spazierengehen ist mein persönliches Allheilmittel geworden. Ich hoffe, ich kann nächste Woche wieder mit den Kindern in der Jugendhilfe arbeiten. Der Husten ist weg, meine Temperatur normal, ich fühle mich fit.

Tag 26, 29. März. Plötzlich liegen Menschen, die ich kenne, im Krankenhaus. Andere aus meinem engsten Umfeld werden getestet. Das Virus rückt näher. Nach einem Monat daheim wird es komisch, nächste Woche wieder „draußen“ zu arbeiten.