400 Beschäftigte in Düsseldorf Mitarbeiter von Mercedes-Benz-Niederlassungen fürchten Ausverkauf

Düsseldorf · Die Automarke will sich von ihren Niederlassungen trennen. 400 Düsseldorfer Beschäftigte fragen sich: Unter welchen Bedingungen?

Mercedes-Mitarbeiter und Gewerkschaftler der IG Metall bei der Betriebsversammlung am Duisburger Standort von Mercedes-Benz Rhein-Ruhr: In der Mitte mit Brille ist Betriebsratschefin Sandra Gutsch zu sehen.

Mercedes-Mitarbeiter und Gewerkschaftler der IG Metall bei der Betriebsversammlung am Duisburger Standort von Mercedes-Benz Rhein-Ruhr: In der Mitte mit Brille ist Betriebsratschefin Sandra Gutsch zu sehen.

Foto: l/dssd

Sie haben extra Busse gebucht, um von ihrer Niederlassung in Düsseldorf aus anzureisen. Die Techniker tragen Blaumann, die Autoverkäufer Sakko und weiße Sneaker. Die Gewerkschaft IG Metall hat die Beschäftigten von Mercedes-Benz Rhein-Ruhr zu einer Betriebsversammlung an den Standort in Duisburg geladen. Trotz 450 Stühlen müssen manche im Publikum sogar stehen. Weil so viele gekommen sind, wird an diesem Vormittag kaum ein Auto von Mercedes-Benz an Rhein und Ruhr verkauft. Stattdessen wollen die Mitarbeiter wissen, wie es um den befürchteten Ausverkauf ihres Autohauses steht. „Die Stimmung ist aufgeheizt“, sagen zwei Düsseldorfer, die seit Jahrzehnten im Dienst des Konzerns sind.

Mercedes hat 1909 seine Niederlassung in Düsseldorf eröffnet. Am Mörsenbroicher Ei werden Neu- und Gebrauchtfahrzeuge mit Stern verkauft, an der Tußmannstraße gibt es Ersatzteile, an der Schloßstraße eine große Werkstatt. Etwa 400 Menschen arbeiten in dem Düsseldorfer Vertriebsarm der Automarke, 800 sind es insgesamt bei Mercedes-Benz Rhein-Ruhr. Anfang des Jahres aber hat die Konzernspitze in Stuttgart beschlossen, künftig keine eigenen Niederlassungen mehr führen zu wollen.

IG Metall zeigt Präsenz an der Niederlassung: Insgesamt arbeiten 800 Menschen für Mercedes-Benz Rhein-Ruhr, etwa die Hälfte davon in Düsseldorf.

IG Metall zeigt Präsenz an der Niederlassung: Insgesamt arbeiten 800 Menschen für Mercedes-Benz Rhein-Ruhr, etwa die Hälfte davon in Düsseldorf.

Foto: l/dssd

Während diese Nachricht durch alle Medien gegangen ist, hat sich Mercedes selbst nie in einer offiziellen Stellungnahme dazu geäußert. Auf Anfrage sagt ein Sprecher nur, man sei offen für Gespräche mit möglichen Erwerbern. „Nach sehr guten Erfahrungen in verschiedenen europäischen Märkten prüfen wir nun auch in Deutschland, wie wir unsere konzerneigenen Niederlassungen eigenständiger aufstellen können.“ Mercedes betreibt Autohäuser und Servicestellen an 80 Standorten in Deutschland, mit insgesamt 8000 Beschäftigten.

Für die Betriebsversammlung am Standort Duisburg hat die IG Metall einen Verkaufsraum in einen Kundgebungssaal verwandelt. Vor dem Autohaus parkt ein Sprinter mit Gewerkschaftslogo, in den Büschen wehen rote Fahnen, an der Scheibe hängt ein Banner: „Kein Verkauf der Niederlassungen!“ Dabei wissen alle hier, dass das quasi beschlossen ist. Doch die entscheidende Frage lautet: Unter welchen Bedingungen?

Der individuelle Arbeitsplatz soll erhalten bleiben, so ein Sprecher

Für die tariflich beschäftigten Mercedes-Mitarbeiter aus den Niederlassungen garantiert der Konzern eine Beschäftigung bis Ende 2029, im Gegenzug verzichtet die Belegschaft teils auf Prämien. Der Verkauf der einzelnen Niederlassungen soll aber schon ab Frühjahr 2025 beginnen, heißt es von IG Metall. Ein Sprecher des Autoherstellers betont: Kündigungen werde es dabei nicht geben, der individuelle Arbeitsplatz bleibe erhalten. Und: „Im Rahmen des Übergangs ist Mercedes-Benz bereit, den Betroffenen einen angemessen Nachteilsausgleich zu leisten.“

Was angemessen ist – darüber gibt es geteilte Ansichten. Auf der Versammlung trägt Sandra Gutsch, Betriebsratsvorsitzende von Mercedes-Benz Rhein-Ruhr, die Forderung der Gewerkschaft IG Metall vor: 60 000 Euro pauschal pro Person. Und dazu jeweils bis zu 60 Brutto-Monatsgehälter.

Bis Ende Juli will der Vorstand von Mercedes-Benz das Eckpunktepapier zum Sozialplan festzurren. Diese Woche Montag wurde erneut über die Bedingungen in Berlin verhandelt. Die Ansprüche der Gewerkschaft nennt ein Sprecher des Konzerns „völlig unrealistisch und nicht nachvollziehbar“. Bei der Betriebsversammlung dagegen heißt es von einem Mitarbeiter per Mikrofon: „Wir müssen noch mehr fordern!“ Der Applaus der Kollegen ist ihm sicher.

In vorderster Reihe sitzt Georg Abel, der für Mercedes den Vertrieb im Westen verantwortet – und damit auch die Niederlassung Rhein-Ruhr. Wie ist seine Meinung zum geplanten Verkauf? „Kein Kommentar.“

Betriebsratschefin Sandra Gutsch sagt mit Blick auf Abel, dass die Geschäftsleitung „auf unserer Seite zu sein scheint“. In jedem Fall werde nun der Kampf um einen hohen Nachteilsausgleich enorm wichtig. „Dafür müssen wir auch auf die Straße gehen.“

Wer käme denn als Käufer für den Standort Düsseldorf in Frage? Mercedes-Benz selbst möchte sich zu einzelnen Standorten und laufenden Gesprächen nicht äußern. In der Belegschaft kursiert der Name Lueg. Der Händler mit Hauptsitz in Bochum ist auf die Marke mit dem Stern spezialisiert und hat gerade erst in Ratingen das Mercedes-Autohaus Sahm übernommen.