Düsseldorf: Kunst für Fünfjährige – gar nicht so einfach

Das macht mir Spaß : Kunst für Fünfjährige – gar nicht so einfach

Eine Familienführung in der Kunsthalle: ein Nachmittag mit Erwachsenen-Wörtern, tanzenden Maschinen und echter Kinderkunst.

Ein Besuch der Kunsthalle? Heute? Draußen scheint die Sonne. Der Fahrradausflug vom Vormittag steckt noch in den Knochen. Wer mag es den Eltern da verdenken, wenn sie zur Erhöhung der kindlichen Motivation in die Trickkiste greifen: „Es wird bestimmt auch gemalt“, hört sich die Mutter plötzlich sagen. Und siehe da – Schon sind die Fünfjährigen überzeugt. Aber was ist diese Kunsthalle überhaupt? „Eine Halle ist ein großer Raum“, sagt die Größere. Und Kunst? „Auch einfach: Das ist wie malen. Nur anders. Eher so Kriggel-Kraggel.“ Spätestens an dieser Stelle ist auch die Mutter überzeugt, dass ein bisschen Bildung dem Spielplatzbesuch vorzuziehen ist.

Und tatsächlich: Bevor die Kinder bei der Familienführung in der Kunsthalle an den Pinsel gelassen werden, müssen sie durch eine harte Schule. Es gibt eine Führung durch die Ausstellung. Geleitet wird sie vom wissenschaftlichen Volontär Raphael Nocken, der die Kinder zunächst locker und herzlich empfängt, dann aber sprachlich komplett den Bezug zu seinem Publikum verliert. Es ist die Rede von der Kunsthalle, von Skulpturen und Werken unbekannterer Künstler. Und davon, dass sich das Haus immer schon darum bemüht habe, auch ihnen eine Chance zu geben. Es scheint, als richte er sich eher an die begleitenden Eltern als an die eigentliche Zielgruppe – Kinder ab fünf Jahren.

Die im Haus geltenden Regeln, nichts zu berühren und nicht zu rennen, sind hingegen klarer kommuniziert: „Die Künstler stellen aus, und wir müssen darauf aufpassen, dass ihre Sachen nicht kaputt gehen.“ Wie gut, dass zumindest das in den Kinderköpfen angekommen ist.

Wörter wie „fraktal“ und „kubisch“ fallen

Im ersten Raum, dem so genannten Kinosaal, haben sich die Kinder offenbar mit ihrem Schicksal abgefunden, erst einmal durch einige Räume gehen zu müssen, bevor es im Werkraum aufregend wird. Raphael Nocken erzählt von einem Ralf Werner, der etwas mit „Architektur“ am Hut hat und offenbar weiße Wände mag. Zumindest aber hat er etwas gebaut, durch das man durchkrabbeln kann. Seine Frau hat Bilder gemacht, die an der anderen Wand gegenüber hängen. Raphael Nocken sagt, dass irgendetwas „auf einen bestimmten Blickpunkt konzipiert worden ist“, auch so komische Wörter wie „kubisch“ und „fraktal“ fallen. Spätestens da müssen auch die Eltern grinsen. Und die Nachfrage des ersten Kindes, wann denn nun endlich Kunst gemacht werde, kommt nun wirklich nicht mehr überraschend.

Im nächsten Raum ist davon aber erst einmal keine Rede mehr: Die Kinder sind gefesselt von den Maschinen, die miteinander sprechen, sogar seufzen und sich ruckartig bewegen. Oder von der „Skulptur“ aus einem alten Lampenschirm, Rohren und Stromkabeln, die für die Kinder immer wieder zu tanzen beginnt. Raphael Nocken hockt sich zu den Kindern und fragt nach: „Was seht ihr? Was passiert da?“ Er hat das Niveau seiner Ansprache mehrere Stufen nach unten korrigiert. Und die Kinder scheinen langsam zu verstehen: Kunst ist ziemlich vielfältig.

Noch eine Etage höher sitzen zwei Figuren auf ihrem Balkon, die ebenfalls die Aufmerksamkeit der Kinder für sich gewonnen haben. Das Künstlerduo „Strafe für Rebellion“ hat seine Gesichter per Beamer auf die Figuren übertragen. So bewegen sich ihre Münder, während sie schräge Töne von sich geben. Zwei Mädchen in der Runde finden das ebenso spannend wie gruselig. Raphael Nocken, der nun immer wieder zu den Kindern in die Hocke geht, ist an der Wand gegenüber mit den gemalten Gesichtern angekommen. „Was wollte die Künstlerin damit bezwecken?“, fragt er in die Runde, noch einmal kurz in alte Verhaltensmuster verfallend. Ein blondes Mädchen meldet sich: „Da ist auch so ein bisschen grüne Farbe dabei“, lautet die wenig akademisch anmutende Antwort. Zack - zurückgeholt in die Realität einer Fünfjährigen. Es ist das letzte Mal an diesem Tag, dass der wissenschaftliche Volontär vergisst, wen er vor sich hat.

Schließlich dürfen die Kinder Kunst machen. Im Werkraum bekommt jeder Teilnehmer eine Plexiglasscheibe, Pinsel und jede Menge Acrylfarbe. Die Scheibe hält sich das eine Kind vor das Gesicht, der Partner kann mit Pinsel und Farbe das Gesicht nachzeichnen. Anschließend wird die Farbseite auf ein Blatt gepresst. Das Ergebnis ist gleichermaßen überraschend wie umwerfend. Ein riesiger Spaß für alle Beteiligten. Vergessen ist der holprige Start bei der Führung mit der komplizierten Erwachsenensprache. So richtige Kriggel-Kraggel-Kunst ist halt immer noch die beste. Obwohl nun alle wissen, dass Kunst auch so viel mehr sein kann.

Mehr von Westdeutsche Zeitung