Düsseldorf in fremden Augen

Düsseldorf in fremden Augen

Irritierendes Gebäude am Stadtrand, fremde Nachbarn oder einfach Hunde auf der Straße: Wie die Stadt auf einen neuen Bewohner wirken kann.

Düsseldorf. Düsseldorf ist in meinen Augen die Stadt der Schönheit und der Vollkommenheit. Nicht nur der längste Fluss Deutschlands, der Rhein, liegt dort und schenkt dem Ort eine natürliche Magie. Schon während meines Architektur-Studiums in Damaskus hatte diese Stadt einen besonderen Klang für mich. Mehrmals begegnete ich ihr, mit ihren wundervollen architektonischen Pioniertaten, die als einzigartige Beispiele weltweit berühmt sind: Zum Beispiel gibt es dort die Ikone Frank Gehry, der kanadisch-US-amerikanische Architekt, Vordenker der dekonstruktivistischen Architektur. Er ist der Designer der Gebäude im Medienhafen, die in vielen Universitäten weltweit als Paradebeispiele moderner dekonstruktivistischer Architektur präsentiert werden. Sie waren das Erste, was ich von Düsseldorf sah und die meinen Eindruck von der Stadt — und meine Erwartung an diese — geprägt haben.

Am Stadtrand Wenn du vom Stadtrand kommst, etwa mit dem Zug von Krefeld über die Eisenbahnbrücke am Hafen, eilen deine Augen voraus zur Schönheit der Natur und zu dem alles beherrschendem Wasser. Es geht weiter auf den Gleisen. Du empfindest die Gebäude von weitem als eintönig, überall das gleiche Material, die gleichen Fenster und Türen, alles ist perfekt geplant. . . Kommst du jedoch näher, findest du die zerlumpten Bauten rechts und links in ständiger Wiederholung — und du fragst dich: Echt?! Ist das die Zivilisation? Ist das der Fortschritt, die industrielle städtebauliche Entwicklung, von denen ich vorher so viel hörte? Ja, das alles frage ich mich erstaunt, denn im Kopf jedes Menschen aus Nahost nistet das Stereotyp über die westliche Welt und besonders Deutschland als Mitglied der EU. Dort, wo die technologische Entwicklung ihren Ursprung hatte, wo es weder alte Steine, noch altes Holz gibt. Dort, wo alle Gebäude aus Gold gebaut wurden, wo Steine und Staub verschwunden sind, und jede Stadt wie ein Gemälde von Disneyland-Palästen aussieht. Im Laufe der Zeit ändert sich dieser Eindruck, dann beweist das Leben in dieser Stadt, dass der Fortschritt nicht in diesen stummen Mauern lebt, und die westliche Zivilisation weder in sichtbaren Farben, noch in konkreten Dingen ruht. In der Realität findest du die Zivilisation in der staatlichen Ordnung, in der Güte, in den Regeln und Gesetzen, die alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit respektieren.

Hauptbahnhof Die meisten großen Hauptbahnhöfe Deutschlands präsentieren dir sofort einen Panorama-Schnappschuss der Stadt, wenn du den Ausgang verlässt. Ein Foto, das die Stadt bündelt — nur in Düsseldorf ist es anders: Die Stadt versteckt ihre Perlen! Da fühlt man sich wie in einer ganz anderen Welt, während man in dem Gedränge läuft und von dort auf den offenen Bahnhofsvorplatz tritt. Auf den ersten Blick scheint die Stadt leer und öde zu sein — ganz im Gegensatz zum Gedränge im Bahnhofsinneren. Der Neuankömmling wird sich später wundern, wie schön und gigantisch Düsseldorf ist.

(Nicht gerade ein Aushängeschild für Düsseldorf: Der Bahnhofsvorplatz.)

Der soziologische Autismus Es ist ganz normal, dass man als Neuankömmling in Einsamkeit lebt, weil das soziale Leben in Deutschland etwas träge zu sein scheint. Viele begründen das mit dem Mangel an Zeit — die Zeit reicht nicht aus, um diese soziale glatte Mauer aufzubrechen. Ich bin aber anderer Auffassung, denn wenn man die Gesellschaften miteinander vergleicht — also beispielsweise Düsseldorf und eine orientalisch-arabische Stadt oder Köln und eine orientalisch-arabische Stadt —, dann entdeckt man am Beispiel Kölns, dass die fehlende Zeit nicht der Grund sein kann. In der Levante, der Region, aus der ich stamme, haben die meisten Menschen mindestens zwei erschöpfende Jobs, kümmern sich um vier oder fünf Kinder und pendeln mehrmals täglich zwischen Wohnung, Arbeitsplatz und der Gebetsstätte hin und her — und trotzdem gibt es immer Zeit für die wichtigen Menschen. Fragt man hier: „Warum hast du nicht jeden Tag Kontakt mit Vater, Mutter, mit deiner Familie? Das stiehlt keine Zeit und kostet tatsächlich nur ein paar Minuten“, so heißt es: „Ich habe keine Zeit.“ Ist die deutsche Gesellschaft da vielleicht anderer Natur? Häufig findest du viele Meter zwischen den Menschen: Nicht nur in der Schlange vor der Bank oder der Supermarktkasse, sondern auch in den sozialen Beziehungen. Es ist auffällig: Wer die soziologischen Typen recherchiert, findet hier überall Singles, die durch die Stadt laufen.

Nachbarn „Nachbar“ ist ein Ausdruck, der zu verschwinden scheint. In den zwei Jahren, in denen ich in Deutschland bin, habe ich die Bedeutung des Wortes fast vergessen. In meiner Heimat ist der Nachbar immer anwesend. Ich erinnere mich gut daran, während ich in Düsseldorf lebe. Doch erst als ich schon ein Jahr und acht Monate in meiner Düsseldorfer Wohnung lebte, fing eine meiner Hausbewohnerinnen an, mich zu grüßen und mir mit einem angenehmen Lächeln zu begegnen, wenn wir uns zufällig trafen. Vielleicht ist ein Lächeln der Schlüssel für die trennende Tür? Für mich war dieser Vorbehalt, diese Angst, auch Fanatismus so schwer zu erleben, so störend und so heftig! Störend, wenn man in einer sozial offenen Gesellschaft wohnte, und sich dann plötzlich mit einer geschlossenen, zurückhaltenden Gesellschaft abfinden muss. Eines Tages beschloss ich, selbst die Initiative zu ergreifen und eine von den Nachbarinnen anzusprechen: Die Frau, die neben mir wohnt, ist alleine — soll ich sie zum Kaffeetrinken einladen? Nein, das ist komisch als erster Schritt! Besser, ich bereite zunächst ein arabisches Essen vor und bringe es ihr — ja, so machte ich es, genau! Stopp! Das ist nicht so einfach — denn leider missglückte dieser Versuch einer Annäherung, die Reaktion war negativ. Obwohl sie so freundlich aussah. Man erwartet es nicht, dass jemand ein Essen so ablehnt. Diese Eiswand muss gebrochen werden, sagte ich nachher zu mir. Als ich später zufällig die andere Nachbarin sah, ebenfalls eine allein wohnende Seniorin, wechselte ich mit ihr einige Wörter, lud sie zum Kaffee ein und brachte ihr kurz danach ein leckeres arabisches Essen — das sie nett und gerne annahm. Ich konnte die starke Barriere brechen. Und sie fragte mich sogar, warum ich sie sieze! Ja, das freute mich. Sie begegnet mir jetzt mit schönem Lächeln und fragt mich gerne, wie es mir geht — oder meiner Familie.

Fragen stellen Es ist ganz normal, dass man sich hier in diesem komplizierten Land, in dieser schraubenförmigen Stadt verliert, sowohl in den stacheligen Gesetzen als auch bei den Verkehrsverbindungen — nur als Beispiel. Nach fast zwei Jahren hatte ich endlich gelernt, dass, wenn du gezwungenermaßen eine Frage auf der Straße stellen möchtest, sofort eine weitere Frage hinterhergeschoben wird — und du dann ganz direkt mit dem Smalltalk beginnen musst — und das meine ich nicht ironisch! Denn: Nur mit der kurzen Frage „Entschuldigung, eine kurze Frage. . .“ machst du dich verdächtig. Irgendwann ging mir auf, dass ich einfach nur als Bettler betrachtet wurde und der Angesprochene lediglich darauf wartete, wie viel Euro ich fordern würde! Und dabei habe ich doch nur darüber nachgedacht, welches Modalverb ich nutzen soll: wollen oder möchten? Konjunktiv 1 oder besser Konjunktiv 2? Er denkt werweißwas, und du denkst nur über eine möglichst höfliche Formulierung nach! Was für ein Missverständnis!

Hunde Mehrmals sprang ich meterweit weg aus Ehrfurcht vor diesem Wesen. Es ist für jeden Neuankömmling aus Nahost etwas sehr Fremdes, diese Hunde auf der Straße — auch wenn es so etwas bei uns gibt, aber dann nur Polizeihunde oder Diensthunde oder im schlimmsten Fall Raubtiere. Hier hingegen änderte sich mein Eindruck schnell: Jetzt seht man dieses Wesen mit Milde, auf eine nette, liebe Weise und mit liebevollem Blick. Was ist denn mit diesem Wesen! Seine Augen, Lippen, sein Fell, die Bewegungen, dass man Gedichte darüber schreiben könnte. Er fühlt, versteht, isst, trinkt, weint. Jemanden einen Hund zu nennen, gilt in unserer Kultur als Beschimpfung. Irgendwann sagte ich dann spaßeshalber zu meinen Freunden: „Schämt ihr euch nicht!? Schaut ihn euch an, dieser strubbelige Hund versteht jedes deutsche Wort und vielleicht redet er! Und zwar besser als ihr!“ Irgendwann sollte sich jeder Neuankömmling an diesen Anblick gewöhnen.

Buchhandel Es ist eines der schönsten Kulturdenkmäler am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Wenn man hineingeht, empfindet man unbedingt diesen Rausch! Sie beinhaltet vieles, von jedem Meer einen Tropfen und von jedem Land einen Song. In der Heimat vermisst jeder Neuankömmling diesen Ort, denn dieser Ort befindet sich dort nur in den Unis und weniger in den Städten. Das ist tatsächlich ein Zeichen für die Begeisterung für das Lesen und die Liebe dazu, vom hohen geistigen Reifegrad und dem großen Interesse an Bildung. Heute haben viele mit der Bibliothek Freundschaft geschlossen, und ich bin einer davon. Fast täglich komme ich vorbei, schaue über die Romane, Geschichtsbücher, Architekturbände, Wissenschaftsmagazine, und immer gehe ich dorthin, wo die politischen Nachrichten in allen Sprachen vorhanden sind, an den Stand mit den Weltzeitungen. Dort besorge ich mir öfter etwas zum Lesen.

(Einer der Lieblingsorte: Der Buchhandel im Hauptbahnhof)

Die politische Schicht Auffällig für Fremde ist die Normalität, mit der du bei einem Event oder auch einer kleinen Veranstaltung auf einen Staatsmann oder mehrere treffen kannst — und vielleicht sogar neben einem sitzt! Für viele ist diese Egalität unglaublich, und gerade in Düsseldorf als Hauptstadt des Bundeslandes wird sie ganz deutlich: Bürgermeister, Ministerpräsident, der Hauptkommissar und Parlamentsabgeordnete leben hier. Staatsmänner führen hier ein ganz normales Leben — im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wo diese Leute verrückterweise wahnsinnig ausgerüstet und abgeschirmt werden müssen. Hier in Düsseldorf erkennt man sie oft nicht, weil sie reden, ausgehen und auf Fahrräder steigen. Das ist sehr auffällig und spannend für die Neuankömmlinge, vor allem für die aus der arabischen Welt, wo die Verherrlichung solcher Menschen total normal und Teil des alltäglichen Lebens ist. Das ist spürbar wegen der Bodyguards und den Straßensperren — und das bei jedem noch so kleinen Staatsmann, der wie ein großer Imperator auftritt: der Echte-Konvoi, dann die Lockvogel-Konvois etc. Man wird dort nach und nach gezwungen, diese Haltung anzunehmen.

Das Phänomen der Staatsflagge In Düsseldorf sieht man die deutsche Flagge selten. Das Flaggenhissen ist in vielen Ländern üblich, um nicht zu sagen, gang und gäbe. Einmal dachte ich, es sei gesetzlich verboten zu flaggen! Man denkt, die Liebe zu ihrem Land muss bei der Bevölkerung sehr gering sein, oder ihr Patriotismus fragil. Nach einiger Zeit merkte ich, dass genau das Gegenteil richtig ist: Patriotismus ist keine Frage einer Plakette oder Flagge. Denn unter der Flagge herrscht oft die Herzlosigkeit, die Härte der Heimat! Und das nicht nur in Deutschland. Aber der Staat kämpft gegen diese Menschen. Und mit Sicherheit ist der Schutz der Bürger wichtiger als eine Flagge. Man fühlt das landesweit in allen Städten der 16 Bundesländer in Deutschland — und eine davon ist definitiv meine Lieblingsstadt — Düsseldorf! Albaraa Alsaadi kommt aus Daraa in Syrien und hat in Damaskus als Architekt in einem Ingenieurbüro gearbeitet. In Düsseldorf arbeitet er auch als Architekt.

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