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Düsseldorf: Geflüchtet, Deutsch gelernt und sehr gutes Abi gemacht

Erfolgsgeschichte : Geflüchtet, Deutsch gelernt und richtig gutes Abi gemacht

Drei Schüler, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, lernen in vier Jahren Deutsch und absolvieren das Abitur am Schloss-Gymnasium Benrath mit sehr guten Noten. Zwei von ihnen haben wir getroffen.

„In der Klausur habe ich gedacht, Margot wäre ein Mann“, sagt Fatina Ali. „Erst später habe ich erfahren, dass es ein Mädchen ist.“ Heute, in einem Benrather Café, kann die 20-Jährige über die Fehler in der Deutschklausur lachen, während der Schulzeit war der Deutschunterricht häufig ein Grund zum Verzweifeln. „Man kann so viel üben, wie man will, es reicht nicht“, sagt Fatina, die in Folge des Krieges mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland geflohen ist. Das war 2015. In den vergangenen vier Jahren hat sie Deutsch gebüffelt und 2019 ihr Abitur am Schloß-Gymnasium in Benrath gemacht. Die beste Note, die die Abiturientin je in Deutsch hatte, war eine drei. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie ihr Abitur mit einem Durchschnitt von 2,2 absolvierte.

Auch Kenan Amtou Almasri sprach kein Wort Deutsch, als er 2015 nach Deutschland kam. Über die Flucht aus Syrien spricht der 20-Jährige nicht gerne. Die Familie reiste zunächst über den Libanon und Ägypten nach Libyen. Als 2014 die Situation dort zu unsicher wurde, flüchtete die Familie mit einem Boot nach Italien. Das klappte erst im dritten Anlauf. Über die Flucht sagt er knapp: „Die Sachen, die man erlebt hat, sind schrecklich.“

Sie sprechen mehrere Sprachen, jetzt kommt Deutsch hinzu

Ernüchternd sei auch die Ankunft in der Flüchtlingsunterkunft in Dortmund gewesen. „Man kommt mit der Erwartung an, dass man mit der Ausbildung starten kann, aber wir konnten monatelang nichts machen“, sagt Kenan. Erst seit November 2015 können Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive, zum Beispiel aus Eritrea, dem Irak, dem Iran, aus Syrien oder Somalia am Integrationskurs teilnehmen. „Das war Zeitverschwendung“, sagt Kenan über die Zeit im Flüchtlingsheim. Deutschland ist nach dem Krieg und der Flucht für ihn eine zweite Chance. „Deshalb muss ich etwas dafür tun“, sagt Kenan.

Und das hat er getan. Genauso wie Fatina hat er sich durchgebissen. Obwohl beide mehrere Sprachen sprechen, darunter Arabisch, Englisch, Russisch und Französisch, müssen sie die deutsche Sprache lernen, um in Deutschland einen Schulabschluss zu machen. Einen Nachteilsausgleich gibt es nicht.

Fatina bekommt nach ihrer Ankunft acht Monate lang jeden Tag für fünf Stunden Deutschunterricht. Danach hat sie das Sprachniveau B1, das heißt, sie „kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht“, heißt es im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen.

Für die Schule reicht das Sprachlevel nicht aus: „Ich habe gar nichts verstanden“, sagt Fatina und erzählt lachend von sprachlichen Missverständnissen und Schwierigkeiten bei Gedichtanalysen. „Mir fehlte der Hintergrund des Autors. Es wird aber erwartet, dass wir alles verstehen.“ Kenan ergänzt: „Das erste Jahr war für jeden von uns schwer.“ Beide haben eine Klasse wiederholt, durch die Flucht haben sie zwei bis drei Jahre in der Schule verloren.

„Die Lehrer waren nett und wollten uns helfen“, erinnert sich Fatina. In der Deutschförderung habe sie unter anderem gelernt, wie man Analysen schreibt. In naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathe, Physik und Chemie sowie Spanisch hatte Fatina keine Probleme.

Auch Kenan ist dankbar für den Einzelunterricht, den er bekam. „Manche Lehrer wollten einen aber auch demotivieren und haben ganz klar gesagt: du schaffst das nicht“, sagt er. Für ihn war das nur ein weiterer Ansporn zu zeigen, „dass ich mehr kann, als die von mir erwarten“. Sein Abidurchschnitt von 1,9 zeugt von diesem Willen.

Gerade warten Fatina und Kenan auf die Antworten ihrer Unibewerbungen. Fatina will Medizintechnik oder Luft- und Raumfahrttechnik studieren. Kenan hat sich für Medizin- und Pharmazietechnik beworben. Dass sie für ihr Studium in eine andere Stadt ziehen müssen, ist für sie kein Thema.

Fatina hat vor der Flucht bereits eineinhalb Jahre ohne ihre Eltern bei ihrer Oma in Georgien gelebt. Kenan sagt, er würde in die hinterste Ecke von Deutschland ziehen, um zu studieren. „Ich will so schnell wie möglich anfangen, ich will nicht warten.“