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Düsseldorf-Garath: Sozialzentrum der Graf-Recke-Stiftung startet bald

Ehemaliges Hildegardisheim wird umgebaut : Familien ziehen auf Zeit ein

Das ehemalige Hildegardisheim wird für die Bedürfnisse der Graf-Recke-Stiftung umgebaut. Dort sollen Familien auf Zeit einziehen.

Seit 23. Januar 2020 leitet Patricia Gray den städtischen Bezirkssozialdienst des Jugendamtes in Garath. Zehn Mitarbeiter kümmern sich darum, dass es den Familien und vor allem den darin lebenden Kindern im Stadtbezirk 10 (Garath und Hellerhof) gut geht. Sie hat mitbekommen, wie Corona und die daraus folgenden Einschränkungen mit temporären Schulschließungen, Homeschooling und Kontaktverboten die Situation in einigen Familien verschärft hat. In Garath wohnen viele Familien in engen Wohnverhältnissen, viele Eltern sind Leistungsbezieher oder arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Im vergangenen Monat gab es 26 sogenannte Kindeswohlanzeigen. Zum Vergleich: im Oktober 2020 waren es 14, im Dezember 8, im März 5. Zuletzt haben die Jugendamtsmitarbeiter im März eine 13-Jährige aus ihrer Familie holen müssen, da die Mutter drohte, ihrer Tochter etwas anzutun. „Solche Inobhutnahmen sind das letzte Mittel“, sagte Gray, als sie sich in der jüngsten Sitzung der Bezirksvertretung 10 den Stadtteilpolitikern vorstellte: „Das Kindeswohl steht an erster Stelle.“

Einen weiteren Partner in Garath bekommt das Jugendamt in Kürze mit der Graf-Recke-Stiftung hinzu. Bislang war diese vor allem im Düsseldorfer Norden mit ihren Angeboten präsent. Das ändert sich nun: Im ehemaligen Hildegardisheim im so genannten Burgviertel in Garath Nordwest will diese ab August ihr neues soziales Zentrum in den Betrieb nehmen. Ein Großteil des Angebots dreht sich dabei um das Kindeswohl.

Aber mit einem völlig neuen Ansatz, wie Andreas Quabeck, Leiter der Sparte Erziehung bei der Graf-Recke-Stiftung, bei einem Ortstermin berichtet: Statt die Kinder aus ihren Familien und aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen, kann die ganze Familie in eines von sechs Appartments einziehen und kann dann mit fachlicher Unterstützung an der Lösung ihrer Probleme arbeiten. Nicht alle Angebote, die sich vorrangig an Familien aus dem Stadtbezirk 10 richten, werden schon sofort abrufbar sein, sondern in drei Schritten mit je sechs Wochen dazwischen.

Derzeit läuft der Umbau im denkmalgeschützten Haus, das Architekt Gottfried Böhm 1969 als Altenheim baute. Markant sind die Klinkerfliesen, mit denen das Haus nicht nur außen, sondern auch innen ausgestattet ist. Das Gebäude wirkt mit seinen Gängen mit den sich anschließenden je drei Flügeln und dem gepflasterten Boden wie ein eigenes kleines Dorf. An den Wänden neben den Zimmertüren sind sogar Briefkastenschlitze angebracht. Der Boden ist mit dichten Vlieslagen abgedeckt, um ihn bei den Arbeiten nicht zu beschädigen.

 Annette Methfessel und Reimund Weidinger verantworten das Wohnprojekt für Menschen mit Einschränkungen.
Annette Methfessel und Reimund Weidinger verantworten das Wohnprojekt für Menschen mit Einschränkungen. Foto: Anne Orthen (orth)/Anne Orthen (ort)

Denkmalschutz umfasst nicht die ehemaligen Bewohnerzimmer

Da der Denkmalschutz aber nicht die ehemaligen Bewohnerzimmer umfasst, können diese auf einen modernen Standard umgebaut werden, Wände werden herausgerissen, Nasszellen eingebaut und Anschlüsse für eine so genannte kleine Pantry-Küche gelegt.

Zum 1. August starten die beiden Familienwohngruppen mit je drei Wohnungen. Pro Einheit kümmern sich zehn beziehungsweise elf Vollzeitkräfte um die Bewohner auf Zeit. Bis zu sechs Monate kann eine Familie das Angebot nutzen. Ziel ist es, „gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die ein selbstständiges Zusammenleben wieder möglich machen“, sagt Sabine Brosch, die künftige pädagogische Leiterin. Vorteil dieses Konzeptes: Die Kinder könnten ihre sozialen Bezüge behalten, weiter Sport treiben im Verein, in die gleiche Kita oder Schule gehen. Da der gemeinsame Ansatz aber nicht überall funktionieren wird, ist auch eine reine betreute Kinderwohngruppe mit Platz für sieben über Sechsjährigen geplant. Auch hier ist das Ziel, dass die Kinder wieder in ihre Familien zurückkehren können.

Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten, weil das Projekt am Anfang schlecht in den Stadtteil kommuniziert wurde, hat man bei der Graf-Recke-Stiftung nun das Gefühl, mit ihrem Angebot auf offene Arme zu treffen. Vertreter der Stiftung sind inzwischen auch beim Arbeitskreis innerhalb des Stadtteilerneuerungsprojektes Garath 2.0 dabei, sagte Andreas Quabeck. Ein ans Zentrum angedockter Sozialarbeiter soll im gesamten Quartier als Streetworker unterwegs sein. Zudem soll es ein offenes Angebot für die Menschen im Viertel geben. Geplant sind Elternberatungen oder auch Bildungsangebote, selbst Kochkurse sind möglich, dafür wird die Küche des ehemaligen Seniorenheimes modernisiert.

Weil die in Wittlaer ansässige Stiftung sich aber nicht nur seit über 200 Jahren um gefährdete Kinder und Jugendliche kümmert, sondern auch seit 1987 um das Wohl von Menschen mit einer geistigen oder psychischen Einschränkung, wird ein Flügel des Hauses mit insgesamt acht Appartments als betreutes Wohnheim eingerichtet. Auch hier sind die Arbeiten schon weit fortgeschritten. Tagsüber werden sich künftig zwei Mitarbeiter um die Mieter kümmern. Diesen soll im ehemaligen Hildegardisheim ein so unabhängiges Leben wie irgend möglich ermöglicht werden.

Wenn es die Pandemie zulässt, wird die Stiftung das Haus für den Stadtteil öffnen, auch mit einer offiziellen Eröffnung. Auch wenn das ehemalige Altenheim von außen her einer Trutzburg ähnelt, zieht Andreas Quabeck einen anderen, wenn auch angelehnten Vergleich: „Unsere Zugbrücke ist immer unten.“