Düsseldorf: Forscher arbeiten mit der "Gen-Schere"

Gastbeitrag Die Entwicklung neuer Züchtungsmethoden in der Landwirtschaft: Die Arbeit mit der „Gen-Schere“

Forscher an der Heine-Universität arbeiten mit der „Gen-Schere“ an der Entwicklung von Nutzpflanzen.

Ein ungewöhnlich heißer Sommer liegt hinter uns, der Klimawandel und seine Auswirkungen für die Landwirtschaft wird in unseren Breiten spürbar. In unserem Exzellenzcluster Ceplas forschen wir daher an der Entwicklung optimierter Nutzpflanzen, die besser an die sich ändernden Umweltbedingungen angepasst sind. Dabei setzen wir auch auf „Neue Züchtungsmethoden“, wie z.B. die Genom-Editierung mit der „Genschere“ Crispr/Cas9. Am 25. Juli 2018 hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg über die rechtliche Einordnung von neuen Methoden und Verfahren der Genom-Editierung in der Pflanzenzüchtung entschieden. Danach fallen diese Verfahren unter die strenge EU-Gesetzgebung zur Regulierung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO): Pflanzen, die mit diesen Verfahren erzeugt wurden, müssen vor der Zulassung auf ihre Sicherheit geprüft werden und für derart veränderte Lebensmittel gelten Kennzeichnungspflichten.

Rechtsgrundlage für das aktuelle Urteil ist die Direktive 2001/18, die GVOs definiert und den Umgang mit diesen reguliert – basierend auf dem Wissensstand der 1990er Jahre. Die Wissenschaftsgemeinde reagierte auf das Urteil mit seiner pauschalen Einordnung der neuen Züchtungsmethoden als GVO mit Enttäuschung und Unverständnis. Ihr zufolge werden nun absolut identische Pflanzen unterschiedlich reguliert, je nachdem welches Verfahren ihrer Erzeugung zugrunde liegt. Die bewusste chirurgisch-genaue Erzeugung einer Mutation soll potentiell gefährlicher sein als die Erzeugung einer Vielzahl zufälliger Mutationen durch Strahlen oder Chemikalien? Letztere fallen explizit nicht unter die GVO — aus wissenschaftlicher Sicht eine nicht nachvollziehbare Entscheidung.

Heute, fast 20 Jahre später, hat sich das Wissen über Gene und Genome massiv weiterentwickelt. Mehr als 20 Jahre Erfahrung mit dem Anbau von GVOs und zahlreiche Studien haben die ökologischen, ökonomischen und gesundheitlichen Vorteile dieser Pflanzen belegen können. Diese Ergebnisse sind aber bislang nicht in die Gesetzgebung eingeflossen; die Direktive wird dem Stand des Wissens nicht mehr gerecht.

Von der aktuellen Entscheidung profitieren in erster Linie die großen Saatgutkonzerne, denn nur diese können die immensen regulatorischen Kosten für gentechnisch verändertes Saatgut stemmen. Die zunehmende Marktkonzentration, ebenfalls ein zentrales Argument der Gentechnik-Gegner, wird durch die hohen regulatorischen Markteintrittshürden noch weiter vorangetrieben. Dabei birgt gerade die Genom-Editierung eine Chance zur Demokratisierung und Beteiligung kleiner und mittelständischer Unternehmen, da damit schnell und preiswert neue Pflanzensorten entwickelt werden könnten, die z.B. an Trockenheit angepasst sind.

Fest steht: Durch den inzwischen auch bei uns spürbaren Klimawandel, die Verknappung von Ressourcen und den Anstieg der Weltbevölkerung brauchen wir schnell Lösungen, um die Ernährungssicherung zu gewährleisten. Wir sollten Ziele definieren und den effektivsten Weg dorthin einschlagen. Die Zeit drängt! Wir sollten nicht wider besseres Wissen auf sinnvolle, sichere Technologien verzichten.

Die Politik ist hier in der Verantwortung, schnell den dafür notwendigen Rechtsrahmen zu schaffen. Und es geht darum, gemeinsam mit den Bürgern diese Ziele zu definieren und durch Aufklärung über die Möglichkeiten und Risiken der Genom-Editierung Vertrauen in die Wissenschaft zu schaffen. So veranstaltet Ceplas beispielsweise am 30. Oktober in Düsseldorf die Informationsveranstaltung „Crispr/Was?!?“, in der Hintergründe, Fakten und Perspektiven rund um das Thema Genom-Editierung und die Genschere Crispr/Cas diskutiert werden. Weitere Informationen und Anmeldung:

Andreas Weber, Institut für Biochemie der Pflanzen, Sprecher des Exzellenzclusters Ceplas (Cluster of Excellence on Plant Sciences);

Céline Hönl, Geschäftsführende Koordinatorin Ceplas

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