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Düsseldorf: Ein Tag im Telegram-Chat von Querdenken 211

Ein Tag im Telegram-Chat von Querdenken 211 : Nur nachts ist es still im Chat

Analyse Seit Monaten versammeln sich Querdenker nicht nur auf der Straße, sondern auch und vor allem bei Telegram. Und während das Land zur Normalität zurückkehrt, diskutieren sie weiter. Aber worüber? Ein Tag im Chat von Querdenken 211.

Kirsten sitzt auf einem roten Sessel, mit der Hand schiebt sie ihre Sonnenbrille hoch und lächelt. So zeigt es ihr Profilbild, daneben die Nachricht: „Hat mal bitte jemand dieses Bild für mich mit dem Baby in der Mitte das umgeben ist von Spritzen und der Angabe, wieviele Impfungen man zu seinem 18 Lebensjahr bekommt?“ Das Bild, so klingt es in ihrer Frage, scheint die Runde gemacht zu haben, es scheint im Bildspeicher eines jeden Handys zu schlummern. Eine Antwort bekommt sie trotzdem nicht.

Seit Monaten gehen Anhänger der Gruppe Querdenken mehrmals wöchentlich auf die Straße, weil sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Bis zu 4500 Menschen marschierten in der Spitze durch Düsseldorf. Sie wollten die Maskenpflicht kippen, einen angeblich drohenden Impfzwang bekämpfen und einen Umsturz erzwingen. Nun, da die Inzidenz weiter sinkt, die Impfquote steigt, Cafés und Restaurants öffnen, Konzerte stattfinden, Urlaube möglich sind, scheint die Bewegung gebrochen. In den vergangenen Monaten ebbten die Demonstrationen in Düsseldorf stark ab. Zwar werden weiterhin viele Kundgebungen und Autokorsos angemeldet, aber immer weniger Menschen kommen zu den Protesten, teilte die Polizei mit.

Die Zahl der Mitglieder in der Telegram-Gruppe wächst

Nach außen scheint die Bewegung nahezu verstummt. Doch die Telegram-Gruppe von Querdenken 211 wächst weiter. Am Donnerstag hatte der Chat 487 Mitglieder, 15 mehr als in der Woche davor. Und während das Land zur Normalität zurückkehrt, diskutieren sie weiter. Aber worüber?

Nachts wird der Chat ausgeschaltet, doch von morgens bis abends schicken die Querdenker Nachrichten hin und her. Was die Überschrift „Diskussion & Austausch“ trägt, scheint jedoch mehr wie ein Beschuss. Wie Brandbomben landen die Nachrichten, Fotos, Videos und Artikel in dem Chat.

Telegram ist ein Sammelbecken für Corona-Skeptiker, Leugner und rechte Propaganda geworden. Im Gegensatz zu anderen Messengern funktioniert es wie ein soziales Netzwerk. Videos, Sprachnachrichten und Texte aus einer Gruppe können schnell in jede beliebige andere Gruppe kopiert werden. So sind zahlreiche verschwörungsideologische Foren entstanden, die sich gegenseitig austauschen. Für Gruppen wie die Querdenken-Bewegung, die bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist Telegram eine der wichtigsten Plattformen – auch für den Düsseldorfer Ableger.

Jeden Morgen verschickt ein Chatbot in der Gruppe von Querdenken 211 die aktuellen Corona-Zahlen: Die App inbee – in der Szene als Alternative zur RKI-Auswertung bekannt – listet die Zahlen des Tages für alle Bundesländer in Deutschland auf. Die Zahl der freien Intensivbetten, neue Verstorbene, deren Durchschnittsalter und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Alles mit Quellenangabe, aber ohne weitere Einordnung.

Diskussion und Austausch, wie sie im Gruppennamen stehen, gibt es kaum. Fragen wie die von Kirsten versanden in einem Wust an Nachrichten. Die wenigsten Gruppenmitglieder stehen hier mit ihrem richtigen Namen. Sie nennen sich lieber „Volksfreundlicher Staatsfeind“ oder „Naseweis Hosenscheiss“. Nur wenige agieren offen, etwa der Administrator des Chats. Bei den Corona-Demos spricht er öffentlich und auch in der Querdenken-211-Gruppe nimmt er die Funktion eines Moderators ein. Unerwünschte Nachrichten löscht er und antwortet: „Wir sind eine Friedensinitiative und bewegen uns immer auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit und bleiben friedlich.“

Kommt ein Austausch zustande, ist er selten konstruktiv. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird als „Widerling“ und „Tunte“ bezeichnet. „Der Typ ist ätzend, keine Frage, aber seine sexuelle Orientierung sollte absolut keine Rolle spielen“, antwortet ein Nutzer. So entbrennt sich eine Diskussion um den Begriff Tunte – um Corona geht es nicht mehr. Und wenn doch, dann sind die höchst Nachrichten zugespitzt. Ein Nutzer hält „Pazifismus bei einem grauenhaften, brutalen, bestialischen Feind wie dem BRD-Staat für das falsche Mittel“. Zudem schreibt er, Spahn nötige das Volk, die angeschafften Masken zu verbrauchen, um seine Villa zu finanzieren – mit Angabe der Adresse.

Das alles wird immer wieder unterbrochen von Werbung für die nächste Demonstration. Von Videos aus deutschen Klassenräumen und dem russischen Kreml, von Artikeln über Testzentren und Impfungen. Die Nachrichten sind gespickt mit Emojis in Form von Adlern und Deutschlandflaggen, Friedenstauben und Regenbogenfahnen, Särgen und Spritzen. Immer mit dem Hinweis: „Informiere dich“ – und dem Link in die nächste Telegram-Gruppe.