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Düsseldorf: Ein Friseursalon wird zur Suppenküche

Gutes tun : Friseursalon wird zur Suppenküche

Seit dem 23. März ist der Laden „Cut Corner“ in Bilk geschlossen. Inhaber André Lichtenscheidt will aber nicht über Geldsorgen klagen, sondern in der Corona-Krise „en bisken wat tun“ und in seinem Laden Essen und Sachspenden an bedürftige Senioren verteilen.

Zeit. Das ist etwas, das Friseur André Lichtenscheidt in den vergangenen elf Jahren nicht gerade hatte. Sein Friseursalon und Barbershop „Cut Corner“ lief gut, das Terminbuch war gefüllt, seine vier Angestellten und er hatten alle Hände voll zu tun. Sogar noch in der letzten Woche, bevor auch die als systemrelevant eingestuften Friseure schließen mussten, wurde in Lichtenscheidts Laden im Akkord geschnitten, rasiert und geföhnt. Und das, obwohl täglich bis zu 20 Terminabsagen eingingen. „Wir haben uns noch mal richtig reingehängt und Eigeninitiative gezeigt. Wir haben Kunden angerufen, Termine vorgezogen und so dann doch noch einiges kompensieren können“, sagt Lichtenscheidt.

Am 19. März wurde dem 36-Jährigen schließlich die Entscheidung, wie es mit seinem Fünfziger-Jahre-Kult-Salon in der Corona-Krise weitergehen soll, durch den Erlass abgenommen. Seit dem 23. März sind alle Friseure dicht. Für seine Angestellten meldete er Kurzarbeit an – aber erst für den April. „Mir war es wichtig, dass die Mädels im März noch mal ihr volles Gehalt bekommen. Ich wollte ihnen in der kommenden, schwierigen Zeit zumindest einen kleinen Vorsprung geben.“

Der Chef selbst steht dennoch täglich im Laden an der Kreuzung Karolinger- und Bachstraße. Aufräumen, Buchhaltung, Inventur, einen Onlineshop für seine Produkte einrichten – in der ersten Zeit nach der Schließung gab es ja erst mal einiges zu tun. Und dennoch erregte der Anblick eines Rentners vor seinem Schaufenster eines Morgens seine volle Aufmerksamkeit. „Ich stand da so und dachte mir: Eigentlich geht es mir gar nicht so schlecht. Das wird schon alles wieder, irgendwie wird man das schon schaffen. Aber da gibt es viele andere, die Hilfe bitter nötig haben.“

Und André Lichtenscheidt beschloss, „en bisken wat zu tun“. Aus der Krise etwas Positives zu ziehen. „Mein Laden steht eh leer, ich kann nicht arbeiten, habe Zeit. Warum sollte ich die Schließung nicht sinnvoll nutzen und Bedürftigen helfen?“

Mittlerweile ist die Idee gereift. Der Friseur hat sich weitere Helfer, darunter auch die Altstadtengel, mit ins Boot geholt. Geplant ist nun eine Ausgabestelle für warmes Essen, ein Mittagstisch zum Mitnehmen. Gekocht und geliefert wird es von der Metzgerei Inhoven, die sofort ihre Hilfe zusagte. Wegen der hohen Infektionsgefahr müssen dabei besondere Auflagen erfüllt werden: Das Essen darf nicht aus einem Topf direkt verteilt werden, sondern muss vorab portioniert und verpackt sein. Auch die Übergabe muss kontaktlos ablaufen.

Der 36-Jährige hat für seinen Aufruf viel Zuspruch erhalten

Aber dafür hat Lichtenscheidt schon eine Idee: „Mein Laden hat zwei Eingänge, die Leute könnten zur einen Tür rein, zur anderen wieder raus. Niemand käme sich in die Quere.“ Sein Angebot richtet sich an bedürftige Senioren, jene, die Lebensmittel bisher über die Düsseldorfer Tafeln bezogen. Doch auch die Tafeln mussten ihren Betrieb einstellen. Sämtliche Ausgabestellen sind bis mindestens zum 19. April geschlossen.

Für seinen Aufruf hat der 36-Jährige bereits viel Zuspruch bekommen. „Die Leute geben Tüten mit Sachspenden bei mir ab, das ist echt großartig“, sagt er. Denn neben dem warmen Mittagessen könnten auch abgepackte Tüten mit Hygieneartikeln, haltbaren Lebensmitteln oder Kleidung von den bedürftigen Senioren abgeholt werden.

Sogar sein Vermieter habe sich bei ihm gemeldet und seine Hilfe angeboten. Und in der Whatsapp-Gruppe mit den vielen engagierten Helfern der Altstadtengel kommt er bei den zahlreichen Meldungen und Vorschlägen gar nicht mehr hinterher. Dort werden aktuell Kommunikationskanäle gesucht, um die Zielgruppe zu erreichen und auf die Aktion hinzuweisen – über Kirchengemeinden und die Wohlfahrtsverbände.

Für Karsamstag oder Ostersonntag ist die erste Aktion geplant. Solange der Salon geschlossen ist und Spenden eingehen, könne es aber weitergehen, meint Lichtenscheidt. „Mir ist bewusst geworden, dass man viel zu stark an sich selbst denkt. Gerade als Selbstständiger. Aber die Krise trifft andere viel stärker. Die, denen es ohnehin schlecht geht. Ich fände es toll, wenn wir uns alle mal wieder darauf besinnen würden.“

Zeit, auf die er mit der Schließung des Frisörladens spekulierte, hat er nun doch nicht. „Ganz im Gegenteil“, sagt er und lacht. Wohl wissend, dass er eigentlich auch gar nicht der Typ für Zeit und Ruhe ist.