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Düsseldorf: Das Care-Leaver Projekt der Diakonie hilft junge Flüchtlingen

Projekt der Diakonie Düsseldorf : „Ich kann ihnen vertrauen“

Kadir ist 22 und kam vor sechs Jahren aus Somalia nach Deutschland. In einem Projekt der Düsseldorfer Diakonie hilft er jetzt anderen jungen Menschen mit ähnlicher Geschichte. In der Stadt fühlt er sich längst heimisch.

Als Kadir in Düsseldorf ankam, war er allein. Er war 16, kannte niemanden, konnte kein Wort Deutsch. Um anzukommen, brauchte er Hilfe – und bekam sie von Mitarbeitern der Diakonie. Bis zu seinem 18. Geburtstag über das Projekt Jump, das sich an minderjährige unbegleitete Flüchtlinge richtet, danach einfach so. Vor einem Jahr wurde diese Hilfe mit dem Projekt Care Leaver institutionalisiert – für Jugendliche, die aus der Jugendhilfe herausfallen, aber noch Unterstützung brauchen, sagt Sachgebietsleiterin Jessica te Heesen. „Wir wollen ihnen helfen, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Kadir hat das geschafft: Der 22-Jährige wohnt in einer eigenen Wohnung in Flingern, macht gerade seinen Realschulabschluss und spricht fließend Deutsch. In Somalia herrscht seit Jahren Krieg, Kadirs Eltern gehören zu den Opfern. Mit 16 beschloss er zu fliehen. Um sich zu schützen, möchte er seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen, ebenso soll kein Foto erscheinen, auf dem er zu erkennen ist. Aber seine Geschichte möchte er erzählen – auch, um anderen zu helfen. Denn inzwischen ist er selbst bei den Care Leavern aktiv und unterstützt junge Menschen, denen es ähnlich geht wie ihm vor wenigen Jahren. „Ich übersetze für sie oder begleite sie zum Arzt und zur Schuldnerberatung“, sagt er. Regelmäßig ist er in der Beratungsstelle der Diakonie an der Birkenstraße zu Besuch. Zwei Sozialarbeiterinnen betreuen hier neben ihren Aufgaben für Jump mit je einer halben Stelle auch das Care Leaver-Projekt. „Wir haben gemerkt, dass die Jugendlichen schon viel erreicht haben, aber für bestimmte Sachen noch Betreuung brauchen“, sagt Jessica te Heesen.

Das betreffe vor allem Fragen, bei denen andere Jugendliche ihre Eltern fragten, bei der Wohnungssuche, bei Problemen in der Ausbildung oder auch in der Beziehung, aber auch Fragen zum Asylprozess. „Voraussetzung ist, dass die Jugendlichen vorher als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von der Jugendhilfe betreut wurden“, erklärt te Heesen. Ein Ziel sei neben der Lebensberatung auch die Vernetzung der Jugendlichen untereinander.

„Ich erzähle vielen, die ich treffe, von dem Projekt“, sagt Kadir, „und bringe sie dann einfach mit.“ Auch er selbst lässt sich hin und wieder noch beraten. „Die Tür ist immer offen“, sagt er, „und ich weiß, dass ich den Leuten vertrauen kann.“ Zum Beispiel, weil er Probleme mit seinem Schul-Laptop hat und der Distanzunterricht nicht richtig funktioniert. „Oft frage ich aber auch einfach meine deutsche Familie.“

Nach einigen Monaten in einer betreuten Wohngemeinschaft des Jump-Projekts zog Kadir 2015 zu einer Pflegefamilie in Flingern. Inzwischen wohnt er in einer eigenen Wohnung im Haus nebenan. „Wir sehen uns sehr oft, an Weihnachten oder zum Geburtstag bin ich bei ihnen“, sagt er. „Das ist jetzt meine Familie.“ Der enge Kontakt habe ihm auch dabei geholfen, die deutsche Sprache zu lernen – und in Düsseldorf anzukommen. Mittlerweile fühlt er sich hier wohl, besonders in seinem Viertel. „Ich bin Düsseldorfer, das sage ich gerne“, sagt Kadir. „Die Menschen hier sind offen und nett und wenn mich jemand auf der Straße blöd anmacht, dann schreitet immer jemand anders ein.“

Seit 2019 hat er subsidiären Schutzstatus, nach Somalia möchte er nicht wieder zurück. Um bleiben zu können, sucht er derzeit einen Ausbildungsplatz. Gut vorstellen könnte er sich eine Ausbildung bei der Drogeriemarktkette dm, wo er nach einem Schulpraktikum schon als Aushilfe arbeitet. Aber auch vieles andere kommt in Frage. „Hauptsache ich stehe auf eigenen Beinen und verdiene mein eigenes Geld.“

Bei Fragen zum Bewerbungsverfahren wird er sich wahrscheinlich wieder an die Sozialarbeiterinnen des Care Leaver-Projekts wenden. Derzeit bieten diese wegen der Pandemie nur Einzelgespräche an. Für die Zukunft sind aber laut Jessica te Heesen auch Gruppenangebote wie Nachhilfegruppen, Kino- oder Kochabende geplant. Dafür sucht die Diakonie derzeit einen größeren Raum mit separatem Büro für sensible Gespräche.

„Die Zahl der Teilnehmer wächst von Monat zu Monat“, sagt te Heesen. Das Projekt könnte auch noch ausgebaut werden, „der Bedarf ist da.“ Kadir möchte in jedem Fall dabei bleiben und seine Erfahrungen teilen. „Ich möchte etwas von der Hilfe weitergeben, die ich bekommen habe.“