Düssel-Flaneur - Düsseldorf als Netflix-Tatort

Kolumne: Düsseldorf als Netflix-Tatort

Wie die mittelmäßige britische Thriller-Serie „Paranoid“ den Medienhafen, die Altstadt, die Carlstadt, die Rheinbrücken und den Hauptbahnhof so hervorragend in Szene setzt, dass daraus ein achtteiliger Düsseldorf-Imagefilm entsteht.

Ich habe keine Ahnung, worum es hier geht. Beim Vorab-Lunch hat mein bester Freund P. mich lediglich mit Schlagworten eingedeckt: Was mich erwarte, sei „krimimäßig“ und „international“ und „quasi ein Geheimtipp“ – was ja durchaus spannend, aber auch ziemlich mysteriös klingt. Gleich werde ich mehr wissen, denn bevor P. mit dem Rennrad zurück zur Arbeit in eine nahe gelegene Werbeagentur entschwindet, möchte er einen der „Schauplätze“ gemeinsam mit mir „abflanieren“.

An dem Tisch im Hintergrund (Restaurant „Perla Porto“ im Hafen) befragen die Ermittler eine Zeugin, die von der Ehefrau von Robbie Williams gespielt wird. Foto: Sebastian Brück

„Dann hast du beim Kolumne-Schreiben einen schönen Einstieg in den Text“, erklärt er – als hätte ich seine Idee bereits abgenickt. Mein kreativer Freund P., der selbsternannte Themenlieferant.

Wir spazieren durch die Carlstadt, zunächst die Bastionstraße und dann die Bilker Straße entlang – bis P. stoppt und mit seinem Smartphone ein Foto der gegenüberliegenden Nr. 15 macht: Ein imposantes weißes Haus mit vielen Fenstern und einem Torbogen.

Im Hof des Schumannhauses in der Carlstadt ist die Wohnung der deutschen Ermittlerin Linda Felber (Christiane Paul) untergebracht. Foto: Sebastian Brück

„Brauchst du etwa Nachschub für deinen Altbauporn-Hashtag bei Instagram?“, spotte ich.

„Ach was“, sagt mein nicht nur popkultur-, sondern auch architekturbegeisterter Begleiter und legt dabei die für ihn typische Mischung aus Ironie und Ernst in die Stimme. „Das Foto schenke ich dir, für die Zeitung! Hier beginnt nämlich deine nächste Kolumne.“

Am Hauptbahnhof spielt eine weitere skurrile Verhörszene. Die Polizistin treffen die von Robbie Williams’ Frau gespielte Alkoholikerin in der zweiten Sitzschale von links an. Foto: Sebastian Brück

Wir stehen also mittags auf dieser Hier-ist-die-Zeit-stehen-geblieben-Straße, und ich lasse die Augen schweifen und frage mich, was in meinem Blickfeld „international“ oder „krimimäßig“ oder nach „Geheimtipp“ aussehen könnte.

„Weißt du überhaupt, welcher lokale Popstar vor langer Zeit in diesem Haus gewohnt hat?“, fragt P. und zeigt auf die Fassade von Nr. 15.

Spontan präsentiere ich einen tollkühnen Kandidaten nach dem anderen: „Campino? Doro Pesch? Westernhagen? Heino? Farid Bang?“„Schau dir lieber mal das Schild da an, du Kulturbanause“, sagt P. und zeigt dabei auf die Mitte des Gebäudes. Direkt über den Fenstern des ersten Stocks entdecke ich eine Inschrift. Ich muss näher herangehen, überquere das Kopfsteinpflaster – und entziffere: „In diesem Haus wohnten Robert und Clara Schumann vom 1. September 1852 bis 4. März 1854.“

Zwei „Popstars“ des 19. Jahrhunderts, im Erdgeschoss des Hauses durch eine Gedenkstätte geehrt. Das Komponistenpaar Robert und Clara Schumann ist mir als Düsseldorfer natürlich ein Begriff, aber tatsächlich war mir entfallen, dass sie einst in der Carlstadt residierten. Bleibt zu fragen: Warum hat mich mein bester Freund hierhin geführt? P. durchquert zielstrebig den Durchgang zum efeubegrünten Hinterhof, vorbei an einem Aufsteller, der auf das dort befindliche Atelier für Schmuckdesign hinweist. Dann kommt er endlich zur Sache: „In einer der Hinterhaus-Wohnungen lebte vor zwei Jahren Christiane Paul, eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, mit ihrem Mann und ihren Söhnen.“

Auf meinem „Und was hast du sonst noch zu sagen“-Blick reagiert P. mit der passenden Erklärung: Christiane Paul hat nicht privat in der Carlstadt gewohnt, sondern in ihrer Rolle als Düsseldorfer Kriminalkommissarin Linda Felber. Das Schumann-Haus war Drehort einer Thriller-Serie namens „Paranoid“ – eine Ko-Produktion des britischen Fernseh-Senders ITV mit dem Streamingdienst Netflix: Christiane Paul alias „Detective Felber“ (so nennen sie die Kollegen von der Insel) kooperiert in einem länderübergreifenden Mordfall mit einem Ermittlerteam aus der fiktiven britischen Kleinstadt Marshwell.

P. hat den Serientipp vor ein paar Tagen von einem in London wohnenden Ex-Arbeitskollegen bekommen. Dieser schrieb: „Ich schaue da gerade auf Netflix eine Krimiserie, in der immer wieder Düsseldorf vorkommt. Habe gar nicht gewusst, dass deine Stadt so schön ist und dass die Kommissare in Deutschland in so tollen historischen Palästen wohnen.“ P. zeigt mir auf seinem iPhone ein vom TV-Bildschirm abfotografiertes Szene-Foto, das sein britischer Kumpel mitgeschickt hat: Es zeigt das Schumann-Haus, davor einen Streifenwagen der Polizei.

„Eine Netflix-Serie, in der Englisch und Deutsch gesprochen wird, die zu großen Teilen in Düsseldorf spielt, schon seit 2016 im Programm ist und bei der neben Christiane Paul auch noch die aus Game of Thrones bekannte Indira Varma sowie Kevin Doyle aus dem Downton-Abbey-Ensemble mitspielen“, sagt P. „Und kaum einer in dieser Stadt weiß davon!“ Seine Begeisterung ist nicht gespielt, und wahrscheinlich ahnt er, dass er mich bereits an der Angel hat: Ich werde es nicht schaffen, nichts über die erste Netflix-Serie unserer Stadt zu schreiben. Themenidee „gekauft“.

Der Plan für die kommenden Tage: Jeder von uns schaut sich die acht Episoden der ersten und bisher einzigen „Paranoid“-Staffel in zwei Blöcken zu Hause an. Anschließend besuchen wir Episode für Episode die Drehorte der Düsseldorf-Szenen und diskutieren. Wir spazieren quasi durch die Serie. Ohne zu spoilern – und wenn, dann nur ein Bisschen.

Zwei Tage und vier „Paranoid“-Folgen später sitzen wir mittags im italienischen Restaurant Perla Porto im Medienhafen. Mein bester Freund P. hat Salat bestellt, ich Pasta, und natürlich ist es kein Zufall, dass wir uns hier treffen. Konkret geht es um den Tisch schräg vor uns, direkt am Fester, mit Blick auf den Rheinturm. Eben dort verhören Kommissarin Felber und ihr Kollege Walti Merian (wer bitteschön hat sich diesen Namen ausgedacht?) in Folge 2 der Serie eine amerikanische Zeugin, deren britischer Geliebter tot im Pool (wo sonst?) seiner Düsseldorfer Luxusvilla gefunden worden ist.

„Und?“, frage ich. „Wie gefällt dir Paranoid bisher?“

P.´s Miene verrät bereits, dass er nicht mehr ganz so begeistert ist. „Na ja“, sagt er, führt ein Salatblatt zum Mund – und schweigt.

„Ich bin total überrascht, dass so viele Panorama-Ansichten von Düsseldorf in der Serie auftauchen“, sage ich.

Tatsächlich spielen zwar deutlich mehr Szenen in England als in Deutschland. Doch vermutlich hätte es nicht mal Düsseldorf Tourismus hinbekommen, die Stadt so gut und so oft in Szene zu setzen: Fast jedes Mal, wenn „Paranoid“ vom britischen zum deutschen Erzählstrang wechselt, sieht man als „This is Germany“-Indikator sekundenlang schöne Bilder – meist von einer Kameradrohne aus gefilmt: Das Hyatt Regency mit dem Medienhafen und dem Rheinturm im Hintergrund (mal abends, mal tagsüber). Das Stadttor, mit dem Rhein und der Altstadt dahinter. Eine von der Innenstadt-Skyline getoppte Panorama-Sicht auf die Unterbilker Wohnblöcke zwischen Neusser Straße, Lorettostraße und Fürstenwall. Und ebenso ein von Oberkassel aus gefilmter Kamera-Drohnenflug, bei dem nicht nur Rheinkniebrücke und Gehry-Bauten zu sehen sind, sondern am Horizont sogar die Fleher Brücke auftaucht.

P. findet dieses urbane Spektakel zwar auch gut, doch dann outet er sich als leidenschaftlicher Filmfehler-Finder. „Alter, wer fährt denn bitte mit dem Auto vom Flughafen aus über Oberkassel und die Kniebrücke ins Zentrum.“

„Wahrscheinlich wollten die bloß einem Stau ausweichen“, sage ich. Und dann stelle ich meinem „Game of Thrones“-liebenden Freund eine provokante Frage: „Bist du bei Fantasy-Serien eigentlich genauso pedantisch?“

P. kontert routiniert: „Wenn es irgendwann Fantasy-Serien geben sollte, die in Düsseldorf spielen – dann ja.“ Nach einem kurzen Gang über den Markt am Carlsplatz, vorbei am Gemüse- und Obststand „Schier“ (hier ermittelt Linda Felber in Folge 3) setzen wir unser Drehort-Hopping am Hauptbahnhof fort. Nächste Station: Vier Sitzschalen am südlichen Endes des Bahnsteigs auf Gleis 14. Dort fängt in „Paranoid“ das inzwischen um einen britischen Kollegen aufgestockte Ermittler-Team die schon im Medienhafen „interviewte“ Zeugin ab. Diese ist drauf und dran, mit dem nächsten Zug nach Paris zu flüchten (Folge 4). „Vorher muss sie sich aber noch an ein paar wichtige Details und an einen Verdächtigen erinnern, damit die Handlung weitergehen kann“, spottet P., als er ein Foto der „Verhöhr-Sitzschale“ schießt.

„Jetzt kommt mein absoluter Lieblingsdialog“, kündigt P. süffisant an und macht sich bereit, einen kurzen Text vorzulesen, den er eigens in seinem Smartphone gespeichert hat. Es geht um die unmittelbar folgende Szene: Die Ermittler unterhalten sich in einem Hauptbahnhofsbistro mit der Zeugin, die übrigens nicht nur Amerikanerin, sondern auch Alkoholikerin ist und obendrein, wie P. mittlerweile ergoogelt hat, von Robbie-Williams-Gattin Ayda Field gespielt wird.

Kommissarin Felber (auf Englisch): „Gibt es denn irgendetwas, das Sie von dem Abend noch wissen?“

Die Zeugin: „The beer was the best!“

Daraufhin die Kommissarin und ihr Assistent Walti triumphierend und wie aus einem Mund (auf Deutsch): „Die Altstadt!“

Eine Viertelstunde später: Wir stehen vor der Block-House-Filiale, an der Ecke Kurze Straße/Burgplatz und spazieren Richtung Berger Straße und Wallstraße – auf dem Spuren von Kommissarin Linda Felber und ihren Kollegen (immer noch Folge 4).

„Das beste Bier gibt es eben nur in der Altstadt und sonst nirgendwo in Düsseldorf“, sagt mein Klischees fürchtender Freund P. und grinst.

„Meinst du, wir sollten in dem Text erwähnen, dass es in Paranoid eine kurze Verfolgungsjagd über die Dächer der Altstadt gibt?“, frage ich. „Kannst ja mal bei Nexflix anrufen und nachfragen“, antwortet P.

Schnitt. Nachdem wir auch die „Paranoid“-Folgen 4 bis 8 „weggeguckt“ haben, treffen wir uns erneut. Inzwischen ist der Chef eines Pharma-Unternehmens namens Rustin Wade in den Fokus der Ermittlungen gerückt. Der Konzernsitz in der Serie: die imposanten RWI4-Zwillingstürme in Unterbilk. Mit Blick auf die Fassaden der L-förmigen Hochhäuser beginnt mein filmfehler-besessener Freund schon wieder zu meckern. Erstens: Die Düsseldorfer Ermittler fahren mit einem (zivilen) Dienstwagen mit Münchener Kennzeichen zum Gespräch mit dem Pharma-Mogul vor. Zweitens: Der Pharma-Mogul empfängt die beiden Ermittler in seinem Unterbilker Büro und führt sie unmittelbar darauf durch ein riesiges Werksgelände, das sich natürlich in Wirklichkeit auf keinen Fall in Unterbilk befinden kann (Folge 5). Drittens: In einer weiteren Szene verfolgt der nach Düsseldorf gereiste britische Detective den verdächtigen Pharma-Mogul in einer uralten, offenbar extra für die Serie ausgeliehenen Straßenbahn, wobei deutlich ein „Sonderzug“-Schild zu sehen ist (Folge 6). „Aber das ist doch bloß eine Serie“, sage ich. „Müssen Serien denn immer hundertprozentig realistisch sein?“

„Ich hab´ noch was vergessen“, sagt P., ohne auf mich einzugehen „Das muschelförmige Polizeipräsidium sieht zwar super aus – aber es kann unmöglich in Düsseldorf stehen. Solch ein Architekturdenkmal würde jeder Düsseldorfer sofort wiedererkennen – sogar du.“

Jetzt, wo wir beide ausgeteilt haben, läuten mein bester Freund P. und ich über die Lorettostraße spazierend die Abschlussdiskussion ein: Wie wollen wir die erste Netflix-Serie aller Zeiten, in der Düsseldorf eine Rolle spielt, bewerten? Ich finde: Trotz einiger Klischees wie „Leiche im Pool“ und „böse Pharmaindustrie“ sowie einiger misslungener Dialoge und unglaubwürdiger Zufälle ist „Paranoid“ entspannte Unterhaltung, vor allem für Düsseldorf-Freunde. Filmfehler-Fetischist P. findet: Na ja. Wir einigen uns auf: „Paranoid“ ist die einzige mittelmäßige Netflix-Serie, die jeder Düsseldorfer gesehen haben sollte. Bevor wir uns verabschieden, packt P. mich an meiner Rechercheur-Ehre: Es müsse ja wohl zu schaffen sein, herauszufinden, was für ein Gebäude das sei, das die Filmcrew ins Polizei-Hauptquartier von Christiane Paul und Co verwandelt habe. Ohne diese Info sei der Artikel unvollständig.

P. hat Recht. Zu Hause mache ich einen Screenshot einer „Paranoid“-Szene, in der die auffällige Muschel-Architektur frontal zu sehen ist, und lade ihn bei der Bilder-Rückwärtssuche von Google hoch. Schon wenige Sekunden später lande ich auf einer Seite mit „übereinstimmenden Bildern“ – und weiß Bescheid. Es handelt sich um das Feierabendhaus Knapsack in Hürth bei Köln: Ein Veranstaltungsgebäude, 1957 erbaut, 1988 unter Denkmalschutz gestellt – und an einen riesigen Chemiepark angeschlossen. Womit vermutlich auch das Rätsel um die aus dem „Nichts“ mitten in Unterbilk aufgetauchte Pharma-Fabrik geklärt ist. Beeindruckend, aber auch ein wenig beängstigend, wie schnell so eine Rückwärtssuche funktioniert. Man könnte glatt paranoid werden.

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