Düssel-Flaneur beim Heino-Konzert in Venlo

Kolumne : De zingende zonnebril

Wie Heino auf seiner Abschiedstournee in Venlo Station macht – und was der berühmteste Oberbilker aller Zeiten mit den Färöer-Inseln gemeinsam hat.

Rolltreppe aufwärts, raus aus dem Parkhaus, rein in die Stadt. Wir spazieren an der Maasboulevard-Mall entlang, und das stylishe und – zumindest für mich – neue Hafenhochaus spiegelt sich im Maas-Hochwasser, und die Freitreppen sind überschwemmt, und es ist exakt 17.56 Uhr, als mein bester Freund P. sagt: „Im Sommer kann man hier toll draußen sitzen und Kaffee trinken.“

Mich interessiert in diesem Moment nur eines: Warum wir hier sind. Natürlich kenne ich Venlo, auch wenn mein letzter Besuch schon ein paar Jahre her ist. Ich meine: Welcher Düsseldorfer kennt Venlo nicht? Da fährt man hin, um Kaffee oder Tulpen zu kaufen, um zu kiffen oder um sonntags zu shoppen. Und vielleicht auch, weil man einfach mal in einem anderen Land durch eine andere Stadt bummeln will.

Die Media-Markt-Filiale, die wir gerade rechts liegen gelassen haben, entlässt die letzten Kunden auf die Straße, und noch amüsiert mich meine Unwissenheit, noch bin ich positiv gespannt – und nur ein bisschen nervös. Doch gleich muss P. „liefern“, denn wenn P. nicht liefert, habe ich ein Problem, weil in ein paar Tagen mein Text erscheinen muss. Also dieser.

Die Venlo-Vorgeschichte ist schnell erzählt. Vor drei Wochen ruft mich P. an.

Er: „Du suchst doch immer nach neuen Themen für deine WZ-Kolumne.“

Ich: „Stimmt, aber für diesen Monat habe ich schon eine Idee.“

Er: „Musst du verschieben! Ich habe was Einmaliges für dich, wir fahren nach Venlo, am 17. März, Düsseldorf-Bezug inklusive.“

Ich: „Äh …“ Und dann: „Häh?“

Er: „Sonntagabend, leere Autobahn, ein Sprung über die Grenze, du wirst es nicht bereuen.“

Ich (obwohl ich weiß, dass P. normalerweise gute Ideen hat): „Ich weiß nicht. Ist das legal? Und jugendfrei?“

Der Club Grenswerk in Venlo richtet Heinos Konzert aus. Foto: Sebastian Brück

Er (mit Rudi Carrell-Akzent): „Lass dich überraschen!“

Zwei Minuten später sage ich zu, muss aber versprechen, im Vorhinein nicht zu recherchieren.

Zurück ins Jetzt: Der Himmel über Venlo liefert ein instagram-würdiges Abendspektakel. #Sunset vs. #Cloudporn vs. #Abendrot. Wir halten inne, schauen zu, wie die Passanten mit ihren Smartphones den Horizont anvisieren. Dann zeigt P. auf ein klobig-auffälliges Backsteingebäude: „Da vorne müssen wir hin.“
Wir biegen rechts ab, in die Pepperstraat. Der Beginn beziehungsweise das Ende der Fußgängerzone. Auf der Fassade des Backsteingebäudes springt uns eine weiße Aufschrift ins Auge: Grenswerk.

„Geht´s dort nicht zu den 2 Brüdern?“, frage ich, als wir einige Meter weiter vor dem Ecklokal stoppen, das in demselben Gebäude untergebracht ist, und zeige Richtung Einkaufsstraße. Vor uns: mehrere Holzbänke, daneben Fahrradständer mit „Fritz-Kola“-Werbung, zwei Palmen und eingeklappte Sonnenschirme. Auf der Glasfassade steht in roten Lettern: CAFÉ. Dahinter zu erahnen: warmes Licht, stylishe Deckenlampen. Sieht nett aus.

Mein bester Freund P. ignoriert die Frage: „So, und bevor wir uns reinsetzen, muss ich dir noch etwas zeigen.“ Er führt mich einige Meter zurück, Richtung Maas. Weg vom Grenswerk-Café, hin zum Poppodium Grenswerk, einem Livemusikclub. Über der Eingangstür sind in schwarzen Vintage-Buchstaben die beiden aktuellen Gigs angekündigt.

„Kennst du eigentlich Teitur?“, fragt P. und legt seine Stirn in Ironie-Falten. „Das ist ein ziemlich guter Singer-Songwriter. Er stammt von den Färöer-Inseln, hat ein paar Millionen Abrufe bei Spotify und schon mal mit Judith Holofernes von Wir Sind Helden zusammengearbeitet.“

„Das ist ein Scherz, oder?“ Meine Frage bezieht sich nicht auf Teitur von den Färöer-Inseln. Vielmehr auf den Künstler, dessen Namen ich direkt unter Teitur gelesen habe – was P. natürlich exakt so geplant hat: Es ist ein Düsseldorfer. Ein Düsseldorfer aus Oberbilk, der seit langen Jahren in Bad Münstereifel residiert. Es ist einer der bekanntesten Deutschen überhaupt. Heino.

Während Teitur mit „VR“ für vrijdag, also Freitag, angekündigt wird, steht vor Heino ein „ZO“ für zondag, also Sonntag. Heute!

Der Volksmusik- und Schlager-Heino in einem Indie-Laden – das passt einfach nicht, und schon gar nicht in Holland. Kennt den hier überhaupt jemand? Das muss ein Missverständnis sein, und der Heino, der hier gleich auftritt, ist in Wirklichkeit ein aufstrebender Electro-Frickler aus Südafrika oder Uruguay, der sich rein zufällig auch so genannt hat und jetzt seine erste Europa-Tour macht. Nahliegende Frage an P.: „Aber das ist doch nicht der echte Heino, oder?“

Mein bester Freund schüttelt den Kopf: „Wir haben es tatsächlich mit dem Original zu tun, und dass er im Grenswerk spielt, gehört wohl zu seinem „Ich breche Klischees auf“-Konzept der vergangenen Jahre, von wegen Gastauftritt bei Rammstein auf dem Wacken-Festival und so.“

Das Programm in Venlo: sonntags Heino, freitags Teitur. Foto: Sebastian Brück

Auf seinem iPhone zeigt P. mir die Termine von Heinos Abschiedstournee „Und Tschüss“: Die Booker haben für den 80-Jährigen ausschließlich renommierte Live-Clubs reserviert, die eher zu Rock/HipHop/Indie tendieren – und mit Schlager wenig bis gar nichts zu tun haben. Zum Beispiel: Hirsch in Nürnberg, Backstage in München, Große Freiheit 36 in Hamburg, Live Music Hall in Köln.

„Noch anderthalb Stunden Zeit“, sagt mein bester Freund P., als wir uns hinsetzen. „Heino beginnt um 20.15 Uhr.“ Im Grenswerk-Café bestellen wir Bier – und schauen uns um. Der Kellner trägt ein Stüssy-T-Shirt. Ein älterer Typ tippt in seinen Laptop, zwei Mütter bespaßen ihre Töchter in der Kinderecke, mehrere gemischte Gruppen trinken, essen, diskutieren. Der Innenarchitekt hat alle Musikstile der Welt an die Wand schreiben lassen – von „Memphis Soul“ bis „Swedish HipHop“ (deutscher Schlager fehlt). Szenig-alternatives Ambiente.

„Wir haben Heino, die hatten Heintje – die Niederländer sind uns nicht nur schlagerkulturell ähnlicher, als wir und sie glauben“, sagt mein bester Freund P., der mal ein Semester in Maastricht studiert hat. Und gerade im Grenzgebiet zu Deutschland scheine Heino ziemlich bekannt zu sein. Die Konzerte in Eindhoven und Hengelo seien genauso ausverkauft gewesen wie das heutige in Venlo.“

„Siehst du hier einen potenziellen Heino-Fan?“, frage ich.

P. lässt den Blick schweifen, schüttelt den Kopf. „Wenn, dann kommen höchstens unsere deutschen Landsleute zwei Tische weiter in Frage.“ Mit dem Kopf deutet er an, wen er meint: drei Paare um die dreißig, die sich angeregt auf Deutsch unterhalten.

„So spießig sind die ja gar nicht“, sage ich. „Die eine trägt sogar Chucks.“

„Du bist ein oberflächlicher Mensch voller Vorurteile und in Sachen Heino in den 80ern stehen geblieben“, sagt P. und setz sein süffisantes P.-Grinsen auf. „So können Heino-Fans heutzutage auch aussehen. Ich wette, die gehen gleich zum Konzert.“

Eine halbe Stunde später – P. und ich sind dabei eine Kleinigkeit zu essen – stehen die drei deutschen Paare auf, haben bereits gezahlt. P. schaut auf die Uhr: „18.59 Uhr, deutsche Pünktlichkeit, ich sag´s ja, die wollen tatsächlich zu Heino.“ Ich schaue ihn fragend an. „Ist doch klar“, sagt er. „Um 19 Uhr ist Einlass.“

20 Uhr. In einer Viertelstunde soll Heino loslegen, vermutlich pünktlich. Inzwischen ist uns aufgefallen, dass das Heino-Konzert gar nicht im Club des Grenswerk selbst, sondern in Kooperation mit dem weitaus größeren Theater De Maasport stattfindet. Das liegt direkt um die Ecke und pendelt ambientemäßig zwischen „edel“ und „funktionell“ – das komplette Gegenteil zum Grenswerk-Café. Heino spielt im Frans Boermans zaal. Im Foyer davor legt ein DJ deutsche Schlager auf. Udo Jürgens singt „Ich war noch niemals in New York“, Roland Kaiser singt „Dich zu lieben“, und das Publikum trinkt bevorzugt Bier aus Plastikbechern, das sechserpackig in Papphaltern hin und her getragen wird. Feuchtfröhliche Männergruppen, angeschwipste Paare, seriöse Senioren. Alles vertreten. Es dominiert die Ü50-Fraktion, dafür sind die jüngeren öfter „verkleidet“. Mache tragen Sonnenbrillen oder Schlaghosen, andere haben gruppenweise das im Comic PopArt-Stil gestaltete Tour-T-Shirt am Merchandising-Stand gekauft und sofort übergezogen. Einer trägt – warum auch immer – eine amerikanische Polizistenmütze. Heino-Karneval.

Zwischenfazit: Wie bei uns pendelt die Heino-Affinität auch in den Niederlanden zwischen „echtem Fansein“ und „Ironie“. Doch feiern wollen sie alle: Die Stimmung ist aufgekratzt, und als Heino und Band den Abend mit einer Cover-Version vom Hosen-Hit „Tage die diese“ eröffnen, singt der Saal geschlossen mit.

Konzert-Rezensionen zu Heinos Abschiedstournee gibt es schon genügend, und man kann sie hier und da im Netz nachlesen. Für diesen Text viel spannender: Gibt es spezielle Ansagen für die niederländischen Fans? Ja, sogar Lieder, die er nur für sie spielt? Irgendetwas, das erklärt, warum die Niederländer den deutschen Schlagerstar lieben? Die Antwort: nein. Das Publikum spricht fast ausschließlich Niederländisch, der Star auf der Bühne spricht ausschließlich Deutsch. Das ist selbstverständlich, wird von keinem thematisiert – außer vielleicht durch einen von Zweisprachigkeit und deutsch-niederländischen Beziehungen faszinierten Kolumnisten. Heino singt Schlager-Hits, Seemannslieder, Volkslieder. Er gibt von der Band erstaunlich druckvoll performte Cover-Versionen zum Besten, und nimmt sich dabei – das darf in einer Düsseldorf-Kolumne nicht unerwähnt bleiben – auch ein Stück von Kraftwerk vor: Bei „Das Model“ vollführen Chef-Backgroundsänger Lothar und seine beiden Kolleginnen abgehackte „Wir sind die Roboter“-Bewegungen. „Ganz schön skurril“, findet Kraftwerk-Fan P., „aber irgendwie sympathisch.“

Zwischendurch kommt Heinos Enkel Sebastian Kramm auf die Bühne und singt einen poetischen Song über seinen Großvater, der gar nicht nach Volksmusik klingt, eher nach Philipp Poisel: „Der Junge mit der Gitarre“. Und sogar mein ansonsten extrem kritischer Freund P. ringt sich zu einem Lob durch: „Potenzieller Popstar – der sollte mal bei The Voice of Germany mitmachen.“ Während kurz vor 22 Uhr als Zugabe „Hoch auf dem gelben Wagen“ läuft, stehlen wir uns aus dem Saal. P. muss morgen früh raus, möchte die Schlange an der Garderobe vermeiden. Kurz nach uns treffen dort auch die drei deutschen Paare aus dem Grenswerk-Café ein. Deutsche Nicht-Heino-Fans und deutsche Heino-Fans in den Niederlanden, im Kopf bereits auf dem Nachhauseweg.

„Eben hast du noch gelästert“, sage ich lächelnd. „Aber eigentlich bist du genauso pünktlich und genauso organisiert wie die.“

Mein mit einem unübersehbaren Migrationshintergrund gesegneter Freund P. lächelt ebenfalls. Und dann fragt er spielerisch provozierend: „Warst du überhaupt bei der Bundeswehr?“

Warum Niederländer Heino lieben? P. hat zumindest eine Theorie: Unsere westlichen Nachbarn verbringen ihren Winter-Urlaub gerne in Deutschland oder Österreich. Und in den Ski- und Berghütten im Sauerland und in den Alpen laufen beim Après-Ski oft Heino-Hits. Das färbt ab. De zingende zonnebril – so wird Heino in einem Artikel in der niederländischen Presse genannt. Ein Volksmusikbeauftragter zur Völkerverständigung.

Sicher ist: Unser erstes und höchstwahrscheinlich letztes Heino-Konzert wird ein Nachspiel haben. Bereits vor einem Jahr wollte mein bester Freund den eingangs erwähnten Singer-Songwriter Teitur live im FFT Düsseldorf sehen. Doch P. wurde krank und verpasste das Konzert. Am Freitag, 22. März – dem Tag, an dem diese Kolumne erscheint – wird P. erneut die Grenze überqueren. Teitur live in Venlo. Heino sei Dank. Vielleicht komme ich mit.

Mehr von Westdeutsche Zeitung