Das macht mir Spaß: Drahtseilakt mit wackligen Knien

Das macht mir Spaß : Drahtseilakt mit wackligen Knien

Das macht mir Spaß Nach kurzen, aber intensiven Momenten innerlichen Loslassens stellt sich im Hochseilgarten am Unterbacher See immer wieder heraus: „Geht doch!“

Ich hätte doch frühstücken sollen. Das wird mir schlagartig klar, als ich mich mit leichten Schwindelgefühlen und weichen Beinen in acht Metern Höhe auf einer Mini-Plattform stehend an einen Pfahl klammere. Ich habe so eben die ersten Meter im Hochseilgarten „Querfeldein“ am Unterbacher See hinter mich gebracht. Und zwar so verkrampft, dass mein Kreislauf an diesem noch recht frühen Morgen einen Moment Pause braucht. Guido Scholz, Inhaber der Anlage am Kleinforst 260, lächelt. Kein Problem. Und wendet sich erstmal einigen Förderschülern zu, die schon mit etwas mehr Leichtigkeit unterwegs sind. Ich dagegen bin doch sehr schleppend von einer zur anderen dieser schmalen Schaukeln gestiegen, die einen tatsächlich fiesen Abstand zueinander aufweisen. Also, erstmal durchatmen.

Guido Scholz ist der Chef und Erbauer des Hochseilgartens am Unterbacher See. Bis zu elf Meter hoch ist das Gebilde, das sich über ihm erstreckt.  . Foto: ale

Doch dann geht es auch schon wieder. Eine Erkenntnis, die sich übrigens mehrfach an diesem Vormittag bei mir einstellen wird. „Geht doch!“ Denn was zum Teil in einer Höhe von bis zu elf Metern als atemberaubend unmöglich zu bewältigen erscheint, ist nach kurzen, intensiven Momenten innerlichen Loslassens sehr wohl gut machbar. Beim schmalen Pfahl, „Beam“ genannt, über den es zu balancieren gilt, ist das etwa so, sobald der erste Fuß auf ihm steht. Auch das Skateboard, das ich auf ihm stehend mit Hilfe eines Seils von einem Stamm zum anderen ziehe, gibt deutlich mehr Halt als gedacht. Doch wie ich jetzt durch die in Zweierreihe hängenden Stelzen hindurch kommen soll ist mir schleierhaft. „Du musst sie sehen, wie einen Freund. Nimm einen Pfahl in den Arm und steig innen auf den Tritt“, ruft mir Scholz zu. Für einen Freund klammere ich vielleicht etwas fest, aber, wie gesagt: „Geht doch!“ Auch wenn das jetzt alles ganz schön wackelt hier. Langsam versuche ich, nach vorne zu pendeln, um den nächsten Schritt zu schaffen. „Die Beine anspannen“, sagt Scholz. Stimmt, geht besser. So langsam komme ich sogar in so etwas wie einen Rhythmus.

Guido Scholz hat die Anlage mit seinem Team selbst gebaut

Die Aussichtsplattform soll ausgebaut und leichter zugänglich werden. Heute ist sie über eine lange, wackelige Brücke (im Hintergrund) zu erreichen.       . Foto: ale

Der Effekt der Höhe ist eben doch enorm. Bei der kurzen Sicherheitseinweisung hat sich das alles noch ganz anders angefühlt. Hier lässt man sich kurz über dem Boden sogar kräftig ins Sicherungsseil hängen und zieht sich in der Luft hängend von einer Plattform zur nächsten. Sehr leicht fühlt sich das in diesem Moment noch an. Doch in elf Metern Höhe macht sich vom Bauch in Richtung Brustkorb mächtig Beklommenheit breit, und jeder Schritt wird plötzlich bleischwer

Doch je länger ich im Parcours unterwegs bin, desto sicherer werde ich. Die lange Hängebrücke zur mit Gartenmöbeln bestückten Aussichtsplattform nehme ich schon — zumindest gefühlt — schnelleren Schrittes. Nur das nötige Umhängen der beiden Karabiner an einer Stelle über mir macht mir Probleme. Ich komme einfach nicht dran. Scholz ruft mir den Tipp zu: „Zieh einfach am Sicherungsseil und so das Drahtseil über dir nach unten.“ Klappt. Das Umhängen der Karabiner geht übrigens nur im Sicherheits-Dialog mit einem Partner an bestimmten Stellen des Parks. Denn hier besteht die Gefahr, dass — vor allem theoretisch — beide Karabiner gleichzeitig gelöst werden könnten. So ist jedoch auch überholen im Klettersteig der Anlage möglich und echte Partnerarbeit wie im alpinen Gelände. In weiten Strecken des Parcours ist das Umhängen aber gar nicht nötig, da das Sicherungsseil automatisch über einen kleinen Schienengleiter an den Drahtseilen über einem entlang und immer weiter läuft, was das Erlebnis entspannt.

Hier geht’s hoch: Der Einstieg ist vom Boden aus möglich, von Station zu Station arbeitet man sich dann weiter, auch nach oben, vor. Foto: ale

Dazu trägt allerdings auch die nette Ansprache von Scholz bei, der es einem immer wieder leichter macht. Im Jahr 2007 hat der Diplomsportlehrer, der früher mit dem Sport-Action-Bus der Stadt unterwegs war, mit seinem Team den ersten Teil des Parks am Südstrand des Unterbacher Sees gebaut und seit dem alle paar Jahre ein Stück erweitert — eine neue Etage eingezogen oder weitere Stämme gesetzt. Neben dem Selbstsicherungsparcours, in dem ich mich bewege, gibt es auch eine Teamstation, an der Übungen nur gemeinschaftlich bewältigt werden können, die Sicherung übernimmt ein Teil der Gruppe am Boden. Alleine kann hier gesichert vom Team nur der so genannte „Pamper Pole“ bestiegen werden. Die größte Herausforderung ist der letzte Schritt, mit dem man sich freihändig auf die tellergroße Fläche am oberen Ende des Pfahls stellen muss. Wissenschaftler haben hier übrigens schon mal getestet, wie sich Partner nach solch einem Stresserlebnis überhaupt noch riechen können.

Die nächste Erweiterung des Parks für rund 70 000 Euro läuft bereits. 24 Douglasien-Stämme sind mit Fundamenten im Boden befestigt. Vor allem für Kinder und Familien und sogar Großeltern ist dieser neue Teil gedacht. So genannte Ninja-, also Hangel-Elemente, werden ab Sommer ebenfalls eine Rolle spielen. Und die nächsten Schritte hat der 47-Jährige fest im Blick. In den nächsten drei Jahren soll vor allem im Winter gebaut werden. Das Ziel: Eine neue Etage in 15 Metern Höhe, eine mit 90 Metern noch längere Seilrutsche und der Ausbau der Panoramaplattform, die leichter zugänglich sein soll. „Wir wollen damit eine echte Attraktion für den Unterbacher See schaffen“, sagt Scholz.

Per Seilrutsche geht es auf die kleine Plattform in der Mitte des Bildes. Foto: ale

Das ist dieser Abenteuerspielplatz zum Klettern allerdings heute schon. Drei Stunden kraxeln, hangeln, balancieren vergehen wie im Flug. Apropos fliegen. Sogar das bietet der Park. Zum Schluss stehe ich in elf Metern Höhe und habe nichts vor mir als eine 40 Meter entfernt gelegene Plattform. Dort soll ich landen. Auf geht’s. Ein kleiner Sprung, der Gurt um die Hüften schnürt tiefer und ich rase unterm Drahtseil — an dem ich hänge — über mir entlang. Landung. Geht doch!

Die gewaltigste Flugeinlage bietet allerdings die Riesenschaukel. Per Flaschenzug wird ein Schüler auf elf Meter Höhe gezogen und schaukelt dann einen Moment im freien Fall nach vorne durch. Ich habe für heute allerdings genug. Aber nicht nur die Schaukel ist ein Grund, um bald zurückzukehren.

Tamas Fejer vor dem Eingang zur Privatrösterei der Kaffeeschmiede. Foto: ale
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