DLRG warnt: Deshalb können Düsseldorfer Kinder nicht schwimmen

Schwimmen : Alarmruf der DLRG – wie gut oder schlecht schwimmen Düsseldorfer Grundschüler?

Die DLRG warnte erneut davor, dass mehr als die Hälfte der Grundschüler nicht richtig schwimmen kann. Aber trifft das tatsächlich zu? Wir haben nachgehakt – bei Eltern, in Schulen, bei Trainern und der Bädergesellschaft.

Kristiana steht im Pool und hat Tränen in den Augen. Das Wasser reicht ihr nur bis zur Brust und dennoch überkommt sie die Panik, als sich Freundin Leny übereifrig auf sie stürzt. Die Sechsjährige kann nicht schwimmen. Seit mehr als einem Jahr steht sie auf der Warteliste einer Schwimmschule an der Glockenstraße, und es sind noch immer sieben Kinder vor ihr an der Reihe. „Ich habe den Fehler gemacht, mich nur bei der einen Schule zu bewerben. Ich habe nicht geahnt, dass wir so lange auf einen Platz warten werden“, sagt ihre Mutter Bogdana Spasova. Im August wird die Tochter eingeschult.

Gerade erst hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ihren alljährlichen Alarmruf reaktiviert: „Mehr als die Hälfte der Grundschüler kann nicht oder nicht ausreichend gut schwimmen“, sagt sie und stützt sich dabei auf Ergebnisse einer Forsa-Umfrage aus dem Jahre 2017. Das Land sieht Handlungsbedarf und hat einen Aktionsplan ins Leben gerufen (siehe Kasten). Aber lässt sich diese Einschätzung auf Düsseldorf übertragen?

Kinder in Düsseldorf lernen zu spät schwimmen

Ja, sagt zumindest Roland Scheidemann, Sprecher der DLRG-Ortsgruppe. Eine Statistik für Düsseldorf gibt es nicht, Fakt ist aber: Die Anfängerkurse aller Kurs-Anbieter sind voll, die Wartelisten und -zeiten lang. Das führt dazu, dass viele Kinder erst in der Schule schwimmen lernen müssen. Zu spät, sagt Scheidemann. Sie sollten früh schwimmen lernen, „am besten bereits vor dem Eintritt in die Schule das Seepferdchen haben“. In der Schule habe eine Lehrperson kaum eine Chance, mit 25 oder mehr Kindern gleichzeitig das Schwimmen zu üben. Zumal in den Schulen ohnehin Personal fehle.

Auch ein Blick in die Grundschulen zeigt, dass es längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass Kinder mit dem Schuleintritt schwimmen können. An der Helmholtzstraße sind die Nichtschwimmergruppen so groß, dass die Schule zusätzlich Schwimm-AGs eingerichtet hat. Schulleiterin Kerstin Hänsel sieht den Grund dafür zum einen bei der geringen Verfügbarkeit von Plätzen in Schwimmkursen, aber auch bei den hohen Kosten. „Nicht jede Familie kann sich einen solchen Kurs überhaupt finanziell leisten.“

Für die DLRG in Düsseldorf ist der Hauptgrund für das späte Schwimmenlernen die geringe Anzahl der zur Verfügung stehenden Bäder. Das Hallenbad in Benrath wurde gerade abgerissen, erst 2021 soll der Neubau eröffnen. Auch in Flingern und Oberkassel sind die Bäder abgerissen worden, in Flingern soll im Neubau 2020 der Betrieb beginnen, linksrheinisch im zweiten Quartal 2020. Auch bei der DLRG sind laut Scheidemann Anfängerkurse ausgebucht. „Die Nachfrage ist definitiv da“, sagt er. „Aber wenn keine Schwimmbäder da sind, können wir auch niemandem das Schwimmen beibringen.“

Annette Morita von der Bädergesellschaft sieht das Problem an anderer Stelle: beim fehlenden Lehrpersonal. „Es gibt freie Wasserkapazitäten. Aber es scheitert am Ende daran, dass kein Trainer da ist, um die Kinder zu unterrichten“, sagt sie. Und dieses Problem scheint sich sogar noch zu verschärfen. Gerd Lohmann ist selbstständiger Schwimmlehrer, leitet Kurse an verschiedenen privaten Schwimmschulen und unterrichtet Kinder von drei Grundschulen im Rahmen des offenen Ganztags. Letzteres aber nicht mehr lange. Wie viele seiner Kollegen will er sich aus dem Bereich zurückziehen. „Die Rahmenbedingungen haben sich so verschlechtert, dass es für mich nicht mehr funktioniert“, sagt er, ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen.

Anfang des Jahres hat die Bädergesellschaft als GmbH die Organisation des OGS-Schwimmens an den Stadtsportbund abgegeben. Hintergrund waren befürchtete Klagen wegen Scheinselbständigkeit der auf Honorarbasis arbeitenden Schwimmlehrer. Seit die Verträge angepasst wurden, verdient Gerd Lohmann zwar mehr Geld, dafür fehlt ihm das Gefühl, „dass es dem Stadtsportbund tatsächlich darum geht, den Kindern das Schwimmen beizubringen“. Der Stadtsportbund als großer Dachverband, der die komplette Bandbreite an Sportangeboten im Offenen Ganztag organisiert, gehe zu strikt nach Schema F vor. Den Trainern fehlt Unterstützung und persönliche Ansprache wie zuvor durch die Bädergesellschaft, die stets vor Ort war.

Laut Schwimmlehrer Lohmann brauchen Kinder heutzutage deutlich länger, um das Schwimmen zu lernen. „Sie sind motorisch schwächer und brauchen dementsprechend länger, um Arm- und Beinarbeit koordiniert zu bekommen“, sagt er. Auch das setze die Eltern unter Druck. „Einmal sagte mir eine Mutter während einer Ferienschwimmaktion, das Kind müsse unbedingt noch in den Ferien das Seepferdchen machen, weil es ohne das Abzeichen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen könne“, sagt Lohmann. „An vielen Schulen fehlt einfach das Personal zwei Gruppen während des Schwimmunterrichts zu betreuen – eine Schwimmer- und eine Nichtschwimmergruppe.“

Aber das Abzeichen an sich sei ohnehin kein Garant für sicheres Schwimmen. „Ich nenne das Seepferdchen auch gerne die Lizenz zum kontrollierten Absaufen“, sagt er. „Einem Kind, das zwar das Abzeichen gemacht hat, danach aber drei, vier Monate nicht schwimmt, sieht man schließlich nicht mehr an, dass es jemals geschwommen ist.“

Bestes Beispiel dafür ist die sechs Jahre alte Leny. Sie hat vergangenes Jahr das Seepferdchen gemacht, war über den Winter nicht schwimmen. Die Arm- und Beinbewegungen kennt sie zwar, über Wasser halten kann sie sich aber nicht. Ein erneuter Schwimmkurs wird nicht nötig sein, sagt ihre Mutter. Das Auffrischungstraining wolle sie in den Ferien nun selbst übernehmen. Die Aussicht auf einen Platz in einem Schwimmkurs sei aktuell eh zwecklos.

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