Die vielen Geschichten der Philipshalle in Düsseldorf

Musikgeschichte: Philipshallen-Geschichten zwischen Shakin´Stevens, Kim Wilde und The xx

Seit 1971 wird in Oberbilk (nicht nur) Popgeschichte geschrieben: Ein Spaziergang rund um den Mehrzweck-Dino, der Generationen von Düsseldorfern das erste Konzert-Erlebnis beschert hat.

„Fast jeder Düsseldorfer kann mindestens eine Philipshallen-Geschichte erzählen.“ In meinem Kopf kursiert diese These schon länger, aber meinem besten Freund P. präsentiere ich sie erst, als wir am S-Bahnhof Oberbilk den Zug verlassen. P. zögert, runzelt die Stirn, fragt: „Und was für Geschichten sollen das bitte sein?“

Hinter den Gleisen ist derweil bereits das Ziel unserer „Reise“ zu erkennen: Der rechteckige „Schuhkarton“, der seit 2011 Mitsubishi Electric Halle heißt, aber von vielen immer noch Philipshalle genannt wird. Kein Wunder: Diesen Ort gib es schon seit 1971, da dauert es eben, bis man sich an den neuen Namen gewöhnt hat. Sechs Termine sind an der Hallenfront auf großen Bannern angekündigt. Aus den Augenwinkeln kann ich erkennen: den Comedian Chris Tall, die Schlittschuhshow Holiday on ice und die Schlagersängerin Mary Roos. Dumm gelaufen: Meinem weder comedy-, noch eiskunstlauf- oder schlager-affinen Freund P. habe ich nämlich versprochen, wir würden heute eine Art popkulturellen Spaziergang unternehmen.

Da muss er durch: Treppe runter, links ab, durch den S-Bahn-Tunnel. An Konzertabenden strömen hier tausende von Menschen Richtung Halle. Jetzt ist es kurz nach 13 Uhr, keiner strömt, wir schlendern, die Sonne scheint, und der Vorplatz ist menschenleer. Ich erinnere mich, wie oft ich hier gestanden habe – positiv aufgeregt, weil ich gleich etwas Besonderes erleben würde: Zum Beispiel das allererste Philipshallen-Konzert der Toten Hosen, kurz vor Weihnachten 1991. Oder das Finale im Handball-IHF-Pokal 1989, als Turu Düsseldorf in der ausverkauften Philipshalle das Hinspiel gegen Frankfurt/Oder gewann – der Grundstein für den späteren Titelgewinn.

Ich komme auf Ps Frage zurück, erkläre, was ich mit „Philipshallen-Geschichten“ meine: Fast jeder, der in Düsseldorf aufgewachsen ist, hat hier mindestens eines und oft Dutzende von Konzerten besucht. Und jeder hat bis heute die Geschichte seiner „Premiere“ an der Siegburger Straße 15 im Kopf, erinnert sich, wie es war und wer ihn oder sie begleitet hat. Bei der „Erster Philipshallen-Besuch“-Umfrage in meinem Freundes- und Bekanntenkreis war zu hören: Kinderkarneval, Frankie goes to Hollywood, Die Ärzte, Depeche Mode, Dschingis Khan. Wobei derjenige, der die von Schlager-Papst Ralph Siegel produzierte Gruppe Dschingis Khan genannt hat, ausdrücklich darum bat, damit nicht zitiert zu werden.

„Und was sollen wir jetzt hier?“, fragt P., der heute irgendwie nörgelig drauf ist.

„Wir machen einen Spaziergang rund um die Halle“, sage ich. „Und dabei erzählen wir uns, wann wir zum ersten Mal hier waren.“

P. schüttelt skeptisch den Kopf. 50 Meter vor den Halleneingängen bleiben wir stehen, inzwischen sind auch die restlichen Banner zu erkennen: „der Nussknacker“, aufgeführt vom St. Petersburg Festival-Ballett, Michael Patrick Kelly („Nie gehört“, sagt P., „bestimmt einer von der Kelly Family!“) und eine Veranstaltung namens „Distant Worlds“, die wir nach kurzer Google-Recherche als eine Art Soundtrack zum Computerspiel „Final Fantasy“ identifizieren.

„Also popkulturell ist das, was hier momentan auf dem Plan steht, nur im weitesten Sinne“, meckert P. „Und außerdem waren die Banner früher schöner und größer, ich glaube, die waren sogar handgemalt.“

An der Mitsubishi Electric Halle sind die Ankündigungen deutlich geschrumpft. Foto: Sebastian Brück

„Hört, hört“, sage ich, in Anspielung auf die „Nostalgie-Allergie“, die sich mein eitler Freund P. immer mal wieder diagnostiziert. „Ist da neuerdings jemand auf den Früher-war-alles-besser-Trip gekommen?“

P. fühlt sich ertappt: „Das war eine Würdigung, mehr nicht. Du weißt doch: Ich bin überhaupt kein …“

„… Nostalgiker“, beende ich den Satz. „Na, dann sollten wir gleich unbedingt dein erstes Konzert-Erlebnis würdigen.“

Wir halten uns seitlich, beginnen, die Halle gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden. Ich erwähne unseren letzten gemeinsamen Besuch vor Ort – im Februar 2017: „Also, das Konzert von The xx – das war doch super, oder?“

P. schweigt. Das bedeutet Zustimmung. An der Südpark-Seite der Halle passieren wir ein angebautes Bürogebäude, leere Parkplätze, rot-weiße Pöller. Ich lege los, erzähle von meiner Philipshallen-Premiere im Jahr 1982: Als 11-Jähriger habe ich gemeinsam mit meinem Schulkumpel Oliver ein Konzert des britischen Rock´n´Roll-Sängers Shakin´ Stevens besucht, einem der damaligen Teenie-Stars. Ganz sicher hat „Shaky“, wie er von Bravo, Popcorn und Pop/Rocky genannt wurde, auch seine Hits „Oh Julie“ oder „Shirley“ gesungen – doch daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an einen Song: Er wurde nicht von Shakin’ Stevens auf die Bühne gebracht, sondern von einer mittelbekannten Neue-Deutsche-Welle-Combo, die genauso hieß wie ein später weltweit erfolgreiches Frankfurter Eurodance-Projekt. Snäp!, allerdings mit „ä“ und Ausrufezeichen geschrieben, hatten als Vorband die undankbare Aufgabe das nach „Shaky“ verlangende Publikum einzustimmen. Mir taten sie leid, denn sie wurden fast durchgehend ausgebuht. Nur bei einem Song ernteten sie Applaus: „Elisabeth“ – der WDR2-Radiohit der Band.

Auf meinem Smartphone suche ich das Stück bei YouTube – und finde einen Auftritt aus der ARD-Musiksendung „Bananas“. Wir bleiben stehen, schauen den Clip an.

„Gar nicht mal so schlecht“, meint P. „Aber am krassesten ist der 80er-Jahre-Schnäuzer des Sängers.“

„Sieht aus wie bei Charlie Chaplin“, entgegne ich.

„Wie bei Charlie Chaplin, der Adolf Hitler parodiert“, kontert P.

Wir erreichen das Ende der Südpark-Seite der Halle, setzen den „Rundlauf“ fort, vorbei an der Zufahrt, die die Stars benutzen. „Und jetzt du“, sage ich zu P., als wir über den leeren Parkplatz an der Hallenrückfront entlang spazieren. „Bei wessen Konzert warst du zum ersten Mal hier?“

„Anders als bei dir war es immerhin kein Elvis-Imitator“, sagt Guter-Geschmacks-Fetischist P. und legt dabei eine Mischung aus Spott und Ironie in die Stimme. „Ich weiß sogar noch den Monat: Dezember 1983.“ Als wolle er Spannung aufbauen, macht er kurz Pause – dann sagt er: „Hätten wir uns damals schon gekannt, hätten wir uns Kim Wilde gemeinsam anschauen können.“

An dieser Stelle solle man vielleicht kurz erwähnen, dass mein bester Freund P. seine ersten zwölf Lebensjahre in Mönchengladbach verbracht hat. Was beweist: Nicht nur Düsseldorfer, auch Menschen aus dem Umland können Philipshallen-Geschichten erzählen. Ich frage ihn nach Details. Er weiß noch, dass Kim Wilde als letzte Zugabe ihren ersten großen Hit „Kids in America“ gesungen hat. Und dass er mit der S-Bahn aus Mönchengladbach angereist und von seinem Vater mit dem Auto abgeholt worden ist. Aber mit wem er da war – das weiß er nicht mehr. Merkwürdig. So etwas passiert meinem datensammelnden Freund P.1 sonst nie.

Bevor ich nachhaken kann, ist er bereits weitergezogen. Es geht leicht aufwärts, er biegt ab, ich hole ihn ein. Wir haben unsere Runde inzwischen so gut wie abgeschlossen, laufen auf dem Bürgersteig der Siegburger Straße an der grauen Hallenfassade entlang. Vorbei an dem weißen „Mitsubishi Electric Halle“-Schild erreichen wir wieder den Vorplatz – über die Treppe, die schon Generationen von Besuchern als Treffpunkt genutzt haben. Unser Spaziergang rund um die Halle hat nicht mehr als 15 Minuten gedauert, inklusive 80er-Jahre-Zeitreise zu Shakin’ Stevens und Kim Wilde.

„Ich muss dir was sagen“, beginnt P., „ich habe vorhin nicht alles erzählt.“

Und dann erfahre ich, wie seine Philipshallen-Premiere mit Kim Wilde wirklich verlaufen ist: P. verabredet sich für das Konzert mit seiner Klassenkameradin Claudia, in die er schwer verliebt ist. Eine „unklare“ Verabredung, nach dem Motto: „Ach du willst auch da hin? Super, dann treffen wir uns an der Treppe vor der Halle.“ An der Treffpunkt-Treppe wartet er eine halbe Stunde. Als er Claudia endlich entdeckt, ist diese gemeinsam mit dem zwei Jahre älteren Schul-Playboy Andreas unterwegs. Der enttäuschte P. gibt sich nicht zu erkennen, taucht in der Masse unter. Das erste Philipshallenkonzert, das zugleich das erste Konzert seines Lebens überhaupt ist, schaut er sich alleine an.

„Ein Trauma fürs Leben?“, frage ich. „Quasi das Kim-Wilde-Konzert-Syndrom?“

„Ich hab’s überlebt“, sagt mein ungern Schwächen zeigender Freund und grinst sein Ich-hab-alles-im-Griff-Grinsen.

In den Tagen nach unserem Mittagsspaziergang klicke ich in einem Pressearchiv durch tausende Einträge, in denen Düsseldorfs berühmteste Halle vorkommt. Mission: Eine Hallenchronik erstellen. Ich finde hunderte Artikel allein übers Boxen, besonders aus den 1990ern: Rocchigiani, Maske, Schulz, Ottke, Klitschko – alle standen in der Philipshalle im Ring. Ich finde Artikel über legendäre Konzerte von Tina Turner, Pink Floyd, Kraftwerk, Lou Reed und DAF. Und ich finde Kreischalarm-Schlagzeilen über die großen Teeniebands der 90er und Nuller Jahre: New Kids on the Block, Take That, Backstreet Boys, NSync, Spice Girls, No Angels, Tokio Hotel. Fast ein wenig gerührt bin ich von der Philipshallen-Geschichte der Broilers, die seit der Bandgründung davon träumten einmal im Leben in jener großen Halle zu spielen, die sie jedes Mal durch die S-Bahn-Fenster sahen, wenn sie aus Garath oder Hellerhof Richtung Hauptbahnhof fuhren – und die es Ende 2015 zum Abschluss ihrer „Santa Muerte“-Tour schafften, den Ort ihrer Sehnsucht an gleich zwei Abenden hintereinander auszuverkaufen. Ich bin amüsiert, zu erfahren, dass Jan Delay eine Konzert-DVD 2015, also stolze vier Jahre nach dem Namenswechsel der Location, mit „Hammer & Michel (live aus der Philipshalle)“ betitelt hat. Und nebenbei lese ich auch mehrmals, dass die angeblich schlechte Akustik der Halle tatsächlich viel besser sei als ihr Ruf.

Gemeinsam mit der Grugahalle in Essen, der Westfalenhalle in Dortmund und der Sporthalle in Köln gehört die Philipshalle zur „Elterngeneration“ der Mehrzweckhallen in NRW: Sie schafft locker den Spagat zwischen Motörhead und Helene Fischer, zwischen Chippendales und Wir sind Helden. Sie kann Rock, Pop, Soul, Funk, Chanson, Schlager, Ballett, Musical, Volksmusik und Heavy Metal. Sie kann Handball, Hallenfußball, Tennis, Turnen, Judo, Reiten, Boxen und Eiskunstlauf. Sie kann Comedy, Betriebsfest, Karneval, Antikmarkt, Erotikmesse, Hundemesse, Berufsmesse, Hochzeitsmesse und Parteitag. Und obwohl sie allein durch ihre Größe gezwungen ist, sich kommerziell auszurichten, kann sie es hin und wieder sogar Subkultur-Checkern wie meinem besten Freund P. recht machen – dann nämlich, wenn Indie-Bands wie The xx in die Mittelgroße-Hallen-Liga aufsteigen.

Eine kollektiver Erinnerungsort. Klar, seine größten Zeiten hat der Mehrzwecke-Dino am Rande des Volksgartens vermutlich in den 80ern und 90ern erlebt. Umso schöner, dass er immer noch da ist, trotz des ISS-Doms und trotz der generell gestiegenen Hallendichte in der Region. Per Mail schicke ich die mit Weltstars gespickte Hallenchronik (siehe Infokasten) an meinen besten Freund P. Schon fünf Minuten später schreibt er zurück, erzählt, er würde nun sehr gerne mit einer Zeitmaschine ins Jahr 1981 reisen und sich am 13. Juni vor Ort das Kraftwerk-Konzert anschauen. Aber da so etwas ja leider technisch noch nicht möglich sei – nicht mal Mitsubishi Electric schaffe das –, solle ich zukünftig verstärkt das Mitsubishi-Electric-Halle-Programm im Auge behalten. O-Ton P.: „Spätestens 2019 wird auch für uns wieder ein Konzert dabei sein.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung