Die Toten Hosen spielen in Düsseldorf ihr längstes Konzert

Hosen-Konzert : Die Toten Hosen spielen in Düsseldorf ihr längstes Konzert

So weit es sich nachvollziehen lässt, haben die Toten Hosen noch nie ein so langes Konzert gespielt wie am zweiten Abend in Düsseldorf – nicht die einzige Besonderheit, die unserem Autor aufgefallen ist.

Vielleicht spielt sich die Szene mit der stärksten Aussagekraft an diesem Wochenende gar nicht auf der Bühne ab, wo Die Toten Hosen ja ohnehin traditionell eine Aussagekraft an den Tag legen, die mitunter nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Vielleicht spielt sie sich hinter der Bühne ab, als bei der Aftershowparty Campino auf der Tanzfläche kurz Anlauf nimmt und dann Jan „Monchi“ Gorkow auf den Rücken springt, um ihn jubelnd zu herzen.

Monchi ist Sänger bei Feine Sahne Fischfilet, einer Band aus Jungspunden, die das Publikum zuvor für die Hosen angeheizt hatte und die all das verkörpert, was die Hosen früher, zu Beginn, auch schon waren: Sie sind krawallige Dickköpfe, die sagen, was sie denken, ohne groß zu grübeln, was davon dem Konversationsknigge entspricht. Und sie sind in allem, was sie machen, konsequent politisch und maximal menschlich – was ihnen viele fälschlicherweise und dumm als Linksextremismus auslegen. Seit geraumer Zeit sind Feine Sahne Fischfilet daher auch ein Teil der Hosen-Familie. Die zweite Generation. Die, die dem „Alt“ ein „Jung“ entgegensetzt. Eine, die zeigt, dass es weitergehen wird mit dem Geist der Hosen. Komme, was da wolle.

Und genauso agieren Campino und Co. auf der Bühne denn auch: Wie eine Spielmacherlegende mit der Nummer 10, die alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und die weiß, dass es da jemanden gibt, der ihr unumstösslich den Rücken freihält. Die im Herbst ihrer Karriere weiß, dass der von ihr kreierte und zelebrierte Fußball irgendwie weiter gespielt werden und überleben wird.

Woran man das erkennt? Daran, dass den Toten Hosen der Spaß an diesem insgesamt fünfeinviertelstündigen Rock’n’Roll-Spektakel in der Arena – am Freitag 150 Minuten, am Samstag dann 165 Minuten – wie in die Gesichter gemeißelt steht. So viel Lachen und Schauen der Marke „Ja, genau so muss es sein! Je mehr Gewimmel und Getümmel, desto besser!“ war gefühlt noch nie. Oder zumindest lange nicht mehr. Und es setzt sich an diesem Wochenende ja bis in die hintersten Winkel der Stadt fort: Zu Aufwärmparties und Sausen danach in Clubs und Kneipen. Mit Horden von Menschen, die sich offen als Fans dieser Band präsentieren und über Bürgersteige und Kopfsteinpflaster gehen, in Bahnen und Autos sitzen, an Tresen und Stehtischen stehen oder auf Tanzflächen zwischen Toilette und Zigarettenautomat tanzen.

„Alles was war“, singen Die Toten Hosen recht früh im am ersten von zwei Konzerttagen 36 Songs umfassenden Set. Darin die Zeile: „Wie war dein Leben ohne mich?“ Das kollektive Bewusstein der Masse denkt sich in diesem Moment 45000-fach wahrscheinlich: „Was das für Fragen sind! Ja, wie soll es denn gewesen sein, das Leben? Was war denn? Nichts war! Das Leben war bescheiden. Es war doof und blöd, so ganz ohne die Hosen in der Heimat.“ Also wird gefeiert. Bis zum Konfettiregen und der Sache mit dem „You’ll never walk alone“. Bis zum bitteren Ende und zum „Altbierlied“. Bis zu den gnadenlos als Zugabe der Zugabe der Zugabe nachgeschobenen Klassikern „Verschwende Deine Zeit“ und „Achterbahn“ als Songs Nummer 39 und 40 am zweiten Abend. Einem Abend, an dem die Band – spürbar berauscht von sich selbst, vom Ende der Tour sowie von der Menge, die schlichtweg noch keinen Bock hat zu gehen – nochmal einen drauflegt und das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit längste Konzert ihrer Karriere spielt. So weit dies anhand der Setlisten im Internet nachvollziehbar ist, waren es bisher maximal 39 Songs, jetzt (beim 64. Konzert in Düsseldorf) eben 40.

Und eben bis zum Sprung Campinos auf den Rücken des Kollegen. Ein Sinnbild der Euphorie, der Glückseligkeit und des Im-Reinen-Seins mit sich und der Welt. Es sind mal wieder Tage wie diese. Und es ist mal wieder unglaublich, was für eine Macht diese Angelegenheit, die Musik, haben kann, wenn man sie nur zu händeln und in die richtigen Kanäle und Synapsen zu leiten weiß. Die Toten Hosen wissen das. Das macht sie so umwerfend gut und dieses Wochenende mit den Tourabschlusskonzerten zu Feiertagen, die nicht im Kalender stehen müssen, um Feiertage zu sein.

Und was die Band sonst noch weiß? Dass sie eine einzigartige „Laune der Natur“ ist, die es in dieser Form wohl nicht noch einmal geben wird. Aber dass eben dann, wenn es irgendwann in Zukunft einmal zu Ende sein sollte, weitere Launen folgen und bereit stehen und jetzt schonmal mit den Vorbildern trainieren und ihnen dadurch Sicherheit schenken sowie eine Gelassenheit, Souveränität und unbeschwerte Lebenslust, die in der Arena lauter dröhnt als jede Flugzeugturbine am Nachthimmel darüber.

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