Die Stunde Null: Als US-Truppen Oberkassel befreiten

Die Stunde Null: Als US-Truppen Oberkassel befreiten

Vor 70 Jahren sprengten die Deutschen die Rheinbrücke im Stadtteil. Die Amerikaner hatten den Belsenplatz erreicht.

Düsseldorf. Es ist eine Legende, die Jahre überdauert hat: Als die US-Truppen am Morgen des 3. März 1945 das linksrheinische Düsseldorf befreien, soll auch ein ehemaliger Oberkasseler mit von der Partie gewesen sein — Werner Pfingst. Pfingst hatte 1933 am Comenius-Gymnasium Abitur gemacht. 1938 war der Oberkasseler jüdischen Glaubens vor den Nazis in die USA geflohen.

Foto: JM

Ehemalige Klassenkameraden berichteten, dass Pfingst 1945 als Captain der US-Truppen nach Düsseldorf zurückgekehrt sei. Dort soll er eine bedeutende Rolle bei der Besetzung des linksrheinischen Düsseldorf gespielt und den Befehl gegeben haben, „Oberkassel zu verschonen“.

Erkenntnisse von zwei Lokalhistorikern legen nun nahe, dass Pfingst 1945 nicht in Düsseldorf gewesen sein kann. „Pfingst hatte nie den Rang eines Captains. Er war bloß Technical Sergeant und Leiter einer Verwaltungseinheit. Er konnte also keinesfalls Kommandant einer Kampftruppe sein“, sagt Bernd Müller, pensionierter Geschichtslehrer des Comenius-Gymnasiums. Deshalb habe Pfingst unmöglich in Oberkassel Befehle geben können. Aus der Entlassungsurkunde Pfingsts gehe zudem hervor, dass dieser nicht im Ausland, sondern die ganze Zeit in der Kaserne in Texas stationiert war.

Müller hat das Leben Pfingsts gemeinsam mit Wolfgang Lorenz, dem ehemaligen Leiter der Oberkasseler Polizeiwache, erforscht. An den Recherchen waren auch drei Schülerinnen des Comenius-Gymnasiums beteiligt. Aus den Ergebnissen der Nachforschungen ist ein Buch entstanden, das auch spannende neue Erkenntnisse zu der Befreiung Oberkassels durch die US-Truppen liefert. Außerdem zeigt es auf, dass Pfingst durchaus Einfluss auf die „Operation Grenade“ genommen haben kann, wenn auch nur per Telefon.

1945 ist der Rhein für die Alliierten im Westen eine der größten Hürden auf dem Weg zur Eroberung Nazi-Deutschlands. „Oberstes Ziel war es deshalb, eine der Rheinbrücken unter Kontrolle zu bringen“, sagt Geschichtslehrer Bernd Müller. „In Oberkassel wäre das der 83. Infanterie Division im 19. Korps der 9. US-Armee mit einer Finte fast gelungen.“

Am 26. Februar befindet sich das 19. Korps noch in der Nähe von Erkelenz. Wenige Tage später teilt es sich, die 83. Infanterie bewegt sich Richtung Neuss, während der Rest der Truppe über Rheydt nach Krefeld zieht. Die 83. Infanterie besetzt Neuss am 1. und 2. März. Dort splittet sich die Truppe ein weiteres Mal auf, um das linksrheinische Düsseldorf in die Zange zu nehmen.

Auf der einen Seite rücken Einheiten 83. Infanterie über Kaarst und Büderich auf Oberkassel vor. Zugleich gelingt es einer Task Force der 83. Infanterie mit einem raffinierten Täuschungsmanöver entlang des Erftkanals über Heerdt zum Belsenplatz vorzudringen (siehe Grafik).

„Die Task Force hatte die Panzer so getarnt, dass sie aussahen, als gehörten sie den Deutschen“, sagt Müller. „Vorne auf den Panzern hatten sie außerdem deutschsprachige Soldaten platziert. Sobald ihnen ein Deutscher entgegenkam, hoben sie die Hand zum Hitlergruß.“

Auf diese Weise sei die Task Force am Morgen des 3. März in Oberkassel einmarschiert, ohne einen einzigen Schuss abgeben zu müssen. Erst am Belsenplatz fliegt die Tarnung der Amerikaner auf. Ein deutscher Soldat erwidert den Hitlergruß der US-Soldaten nicht. Die Amerikaner vermuten, dass der Soldat das Spiel durchschaut hat und erschießen ihn, bevor er mit dem Fahrrad fliehen kann. Wenig später, um 9.35 Uhr des 3. März, sprengen die Deutschen die Oberkasseler Brücke in die Luft. „Angeblich war der Schuss der Auslöser“, sagt Müller.

Es folgen sieben Wochen gegenseitigen Beschusses, bis die Amerikaner auch die rechte Rheinseite besetzen und Düsseldorf von den Nazis befreien. Dem Schusswechsel werden rund 1500 Zivilisten links und rechts der Rheinfront zum Opfer fallen.

Die Lokalhistoriker Müller und Lorenz sind sicher, dass der Stab der 9. US-Armee beim Vormarsch auf Oberkasel auf Insiderwissen zurückgegriffen hat. „Beispielsweise war die Heerdter Buschstraße, welche die 83. Infanterie gewählt hat, in keiner Karte eingezeichnet“, sagt Müller. Irritierend sei auch, dass die Amerikaner bereits unmittelbar nach der Befreiung Oberkassels nach Nikolaus Knopp fragten, um ihn als Bürgermeister einzusetzen.

Der war aber bereits 1942 verstorben. „Jeder im Linksrheinischen wusste, dass Nikolaus Knopp kein Nazi ist, aber woher wusste der amerikanische Kommandant das?“, fragt Müller. Von Werner Pfingst, der bereits 1938 emigriert war, glauben Müller und Lorenz. Und so hat der Oberkasseler Comenius-Schüler ihren Recherchen nach als Informant am Ende doch eine entscheidende Rolle bei der Befreiung des linksrheinischen Düsseldorfs gespielt — auch wenn er selbst nicht vor Ort, sondern in Texas war.

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